Eine BMW-Tochter will heute schon wissen, wie wir morgen reisen, telefonieren, duschen und Auto fahren. Klingt ein wenig gewagt in einer Zeit, wo nächste Woche schon völlig unmodern sein kann, was heute vielleicht noch überhip ist.
Wagen der BMW 7er Reihe vor der Hauptverrwaltung der BMW Group. Bangles Modell ist das erfolgreichste der gesamten Reihe. Foto: dpa
DÜSSELDORF. „Munich, Newbury Park, Singapore“ – das sind nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, die neuen Stationen für einen alten Werbespot von „Drei-Wetter-Taft“. Vielmehr standen die Städte letztes Jahr für eine recht vollmundige Erklärung einer Autofirma. Darin hieß es, BMW DesignworksUSA kenne die Kundenwünsche schon, lange bevor sich die Kunden möglicherweise überhaupt selbst über ihre Wünsche im Klaren seien.
Klingt ein wenig gewagt in einer Zeit, wo nächste Woche schon völlig unmodern sein kann, was heute vielleicht noch überhip ist. Folgerichtig wird aber der BMW-Chef-Designer Chris Bangle hausintern gepriesen als „einer der wenigen Designer, die es verstehen, eine in die Zukunft reichende Designphilosophie zu entwerfen“. Ein Schelm, wer da auf die Idee kommt, Bangle und BMW an die Reaktionen bei der Einführung der aktuellen Siebener-Baureihe 2001 zu erinnern.
Denn die zeugten damals davon, dass BMW dem Zeitgeist und damit auch dem Geschmack der Kundschaft zunächst tatsächlich weit enteilt war. Bangle galt seinen Kritikern eher als potenzieller Totengräber von BMW. Bangle-Design polarisierte, um es milde auszudrücken.
Doch das ist vorbei, die einst als „Haufen unkoordiniertes Blech“ gescholtene Luxuslimousine ist mittlerweile die erfolgreichste 7er-Reihe der BMW-Historie. Weiß „der Mann der Kurven und Kanten“ also vielleicht doch schon heute, was die Kunden von morgen brauchen oder gar wünschen?
DesignworksUSA gestaltet jedenfalls alles andere als nur Autos. Um den konzerneigenen Kleinwagen Mini herum wurde viel Beiwerk geschaffen, zum Beispiel Sonnenbrille und Armbanduhr. Eine ganze Produktfamilie entstand. Doch das war nur der Anfang. Denn für mehr als 60 BMW-fremde Firmen sind die Gestalter mittlerweile tätig, die meisten global agierende Unternehmen wie Adidas, Canon, Dell, Deutsche Bahn, Hewlett-Packard, Lufthansa, Motorola, Nokia, Samsung, Siemens oder auch Villeroy & Boch.
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Oder auch Airbus. Der ins Gerede gekommene deutsch-französische Flugzeughersteller vertraut beim A350-Innendesign auf die BMW-Leute. Die sollen neue Maßstäbe setzen in Sachen Komfort und so eine überzeugende Antwort geben auf das ebenfalls grundlegend neue Erscheinungsbild des direkten Konkurrenten Boeing 787, der sich schon jetzt als „Dreamliner“ rühmt.
Zum Träumen anregen sollen nach Designworks-Vorstellungen in der A350 Himmelsmotive wie Sternenhimmel oder (Schäfchen-)Wolken, die an die Kabinendecke projiziert werden können. Da wird der eigentliche Flug über den Wolken ab 2010 dann zu einer Mischung aus Fantasy- und Wellness-Erlebnis. Wenn der Flieger denn auch wirklich abhebt, was derzeit nicht völlig sicher ist.
München, Newbury Park. Und Singapur? Seit 2006 pflegt DesignworksUSA auch dort eine Dependance, so dass mittlerweile etwa 130 Designer an den drei Standorten eine eigene Formensprache in die Welt hinaustragen zu Unternehmen, die orientiert sind an Technik, Reise und Lifestyle.
„Mit dem neuen Studio in Singapur können wir unsere internationales Geschäft zu einem weltumspannenden Netz ausbauen“, erklärt Verena Kloos, die Präsidentin der Gestaltungsfirma. „Da wir direkt vor Ort als aktiver Teil in der pulsierenden Kultur Asiens arbeiten, werden wir aber auch unsere Kompetenz erweitern. Das wird letztlich den Designworks-Kunden in allen Regionen der Welt zugute kommen.“ Neben seiner wirtschaftlichen Bedeutung gilt Singapur auch als kulturelles Zentrum, in dem eine Vielzahl asiatischer Kulturen aufeinander trifft und sich gegenseitig bereichert.
Damit hofft das Unternehmen auf ein Umfeld, das kreativen „Input“ liefert. Neben internationalen Designern mit Erfahrung aus den anderen Studios sollen in Singapur vor allem Designer und junge Talente aus der Region arbeiten.
„DesignworksUSA soll den Menschen helfen zu verstehen, wie Design auch in ihrer Kultur eine positive Rolle spielen kann“, sagt Chris Bangle. „Und das geht weit hinaus über bloße Produktgestaltung. Es geht auch nicht nur um Konsum, sondern darum, den Menschen zu zeigen, wie Design das Leben spürbar verbessern kann.“
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Design dürfe nicht nur im Elfenbeinturm stattfinden. „Wäre es die Realität, dass sich nur elitäre Zirkel mit Design beschäftigen, dann würden wohl auch nur Schriftsteller Lesen und Schreiben lernen. Das aber ist zum Glück nicht der Fall.“
Er zieht Parallelen zur Gestaltung: „Heute kann jeder auf seinem PC Dinge erledigen, für die er noch vor einigen Jahren eine Druckerei oder einen Grafiker hätte beauftragen müssen. Design ist nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein funktionelles Erlebnis geworden. Eins, an dem heute jeder teilhaben kann.“
Und doch bleibt am Ende eine Frage, die Frage: Warum glaubt ein Unternehmen wie BMW, in Designfragen die Antworten auf Jahre im Voraus zu kennen, das aber in technischen und in Umweltfragen bisweilen um Jahre hinterherhinkt? Wie beim Rußpartikelfilter, der in französischen Autos schon zur Serienausstattung gehörte, als er hier zu Lande nicht mal für Geld und gute Worte zu bekommen war. Ablehnung, weil „nicht hier erfunden“?
Schöne, neue Design-Welten und die Gabe zur Prophetie ersetzen nicht immer die harte Arbeit eines Autobauers.
Chris Bangle
Chris Bangle gilt seit dem Anfang bei BMW 1992 als meist-diskutierter und -kritisierter Automobildesigner der Welt. Mit dem 2001 vorgestellten 7er-BMW stieß Bangle zum ersten Mal auf breite Ablehnung.
„Bangledesign“ wurde zu einem geflügelten Wort und stand für schlechte Gestaltung. Im Internet wurde gar eine Petition initiiert, um Bangle zu stoppen. Inzwischen ist sein 7er-Modell das erfolgreichste der gesamten Reihe.


