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28.05.2007 
Tischreservierung und Wartezeit

Heiratsantrag nur Mittwochs

von Christine Hager

Für einen spontanen Heiratsantrag zwischen Saiblingskaviar, Gänselebertörtchen und Seeigelcreme eignen sich hoch dekorierte Restaurants kaum. Jedenfalls nicht am Wochenende. Bis zu einem Jahr beträgt die Wartezeit auf einen Tisch. Wer also in das Reich der Gourmet-Sterne will, braucht Geduld. Eine Übersicht der Wartezeiten.

Die Frage ist Heiner Finkbeiner ein bisschen unangenehm. Der Inhaber des Hotels Traube Tonbach in Baiersbronn kokettiert nicht gerne mit den Wartezeiten, die seine Gäste geduldig in Kauf nehmen, um sich in der hoteleigenen „Schwarzwaldstube“ dem Zauber von Deutschlands bestem Koch, Harald Wohlfahrt, auszusetzen.

Finkbeiner sagt lachend: „Natürlich ist es freitags und samstags schwieriger, einen Tisch zu bekommen. Aber wir verweisen unsere Gäste immer direkt auf einen Mittagstermin, da hat man den wunderbaren Blick ins Tal, und es dauert meist nur drei bis vier Wochen.“

Trostsuche im pittoresken Panorama. Die Idee ehrt den Hausherrn, aber wegen des Ausblicks pilgern sicherlich die wenigsten Menschen in die kleine Schwarzwaldgemeinde mit der höchsten Michelin-Sterne-Dichte der Republik.

Auch wenn der Chef des Hauses die Auskunft über den nächsten freien Tisch an einem Freitag- oder Samstagabend schamhaft verschweigt, so ist man gewarnt. Der Anruf bei der Reservierung schafft Fakten: 56 Wochen beträgt die Wartezeit für einen Tisch am Samstagabend. Oder, um es noch etwas drastischer auszudrücken, mehr als ein Jahr. Für freitags dauert es nur lächerliche zehn Monate, aber wer schafft nach dem letzten Meeting vorm Wochenende schon die Anfahrt in den Schwarzwald, schlimmstenfalls über die stausichere A5?

Für die spontane Überraschung zum Wochenausklang, die Selbstbelohnung für eine erfolgreiche Gehaltsverhandlung, die unerwartet hohe Tantiemenzahlung oder gar den Heiratsantrag zwischen Saiblingskaviar, Gänselebertörtchen und Seeigelcreme, eignet sich kaum eines der hoch dekorierten Restaurants. Jedenfalls nicht am Wochenende.

Bei Dieter Müller, Helmut Thieltges und Joachim Wissler wird die Geduld jedoch weitaus weniger lang strapaziert. Dort darf man schon nach ungefähr 14 Wochen schwelgen. Ein zeitlicher Rahmen also, bei dem zumindest die Chance besteht, dass das Heiratsversprechen noch aktuell sein könnte und die Bonuszahlung noch nicht in ein neues Golfbag investiert wurde.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Manche Gäste lassen nicht locker und versuchen es mit einem Extra..

Etwas schneller kommt man auf Schloss Berg bei Deutschlands jüngstem Drei-Sterne-Koch Christian Bau zum Zuge. Bei ihm im saarländischen Perl-Nennig wird die Vorfreude nur fünf bis sechs Wochen auf die Probe gestellt.

Nahezu paradiesische Verhältnisse herrschen in Aschau bei Heinz Winkler mit gerade einmal zwei Wochen. Und das bei ebenfalls drei Michelin-Sternen. Vielleicht ist der mangelnde Ansturm die Erklärung dafür, dass Winkler sich kürzlich im ZDF unter Johannes B. Kerners Köche mischte.

Nehmen Gourmets den Verzicht auf einen Stern in Kauf, dann ist die Faustregel leicht zu merken: Zwei Sterne an der Restauranttür – zwei Wochen Wartezeit. Einzige Ausnahmen sind in dieser Kategorie das „Amador“ in Langen bei Frankfurt, der „Söl’ring Hof“ in Rantum auf Sylt und das „Kastell“ in Wernberg-Köblitz.

Manche Gäste lassen nicht locker und versuchen es mit einem Extra. Ulrike Thieltges, Gastgeberin im Eifler Waldhotel „Sonnora“ erinnert sich schmunzelnd an einen Gast, der ihr für ein Tischleindeckdich im ausgebuchten Restaurant 100 Euro zustecken wollte. „Aber ausgebucht ist ausgebucht. Wir haben zwölf Tische für 40 Personen, damit ist die Kapazität der Küche ausgereizt. Wir könnten auf einen der Nebenräume ausweichen, tun dies aber konsequent nicht. Denn am Ende würde die Qualität leiden.“

Ähnlich strikt wird auch im Restaurant „Dieter Müller“ verfahren. Zwar kann man dort mit etwas Glück auf der stets gepflegten Warteliste einen Nachrückerplatz ergattern. „Bevor die Tische eingedeckt sind, kann man vielleicht noch ein bisschen zaubern“, so Benedikt Jaschke, Resident Manager im Schlosshotel Lerbach, „aber wir halten niemals einen Tisch bewusst für Nachzügler frei.“

An diesen Spielregeln ändere sich nichts, egal, ob der Gast seine Rechnung aus dem Sparschwein begleiche oder mit der Centurion Card bezahlen wolle. Sagt der Resident Manager.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Im spanischen Gourmetolymp entscheidet das Losglück über den Platz im Restaurant.

Wer gute Nerven hat, sollte den Versuch wagen, einfach freitags oder samstags anzurufen. Bei Christian Bau gibt es beispielsweise die „Kapelle“, ein kleines Separee, in dem 8 bis 16 Personen Platz finden. Nach Absprache mit dem Küchenchef wird dort manchmal nachträglich eingedeckt. Auch spontan.

Der Kreis derer, die sich ganz spontan an die deutsch-luxemburgische Grenze verirren, dürfte allerdings kalkulierbar sein. Aus verkehrstechnischen Gründen bleibt für Spontaneität am Ende nur die Nutzung des hoteleigenen Hubschrauber-Landeplatzes.

Wie glücklich sich Feinschmecker in Deutschland schätzen können, zeigt der Versuch, im spanischen Gourmetolymp „El Bulli“ in Roses bei Ferran Adrià einen Tisch zu bekommen. Pro Jahr gehen dort ungefähr zwei Millionen Reservierungsanfragen für 8 000 Plätze ein, die pro Saison zu vergeben sind. Auch hier entscheidet, so heißt es zumindest, nicht das Schimmern der Kreditkarte, wer hinter einem der 50 Gedecke im Restaurant Platz nehmen darf, sondern in 95 Prozent aller Fälle das Losglück.

Das gibt es in deutschen Landen nicht. Gegen den Frust hilft hier, sich von den Wochenendterminen zu verabschieden, einen

Arbeitstag frei- und bei den deutschen kulinarischen Zauberern Platz zu nehmen.

Schon sonntags sieht es anders aus. Dann, wenn die Gourmet-Touristen wieder auf der Autobahn sind. Sonntags, mittwochs und donnerstags – Montag und Dienstag haben die meisten Genießer-Tempel Ruhetag – geht fast immer etwas. Und mittags sowieso. Wie bei Wohlfahrt mit dem Panorama-Trostblick.

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