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09.03.2008 
Kunst

Im Visier – Brillante Augenfängerei

von Christian Herchenröder

Schwere Zeiten für Händler - Alte Meister wandern aus den Auktionen direkt in private Sammlungen. Gleichzeitig macht sich eine schleichende Auszehrung des Handels breit. Es gibt weniger eigenständige Altmeisterhandlungen denn je, und in den nächsten zehn bis 20 Jahren wird ihre Zahl weiter schrumpfen.

Der Louvre erwarb im Sommer letzten Jahres für 17 Mill. Euro. die „Flucht nach Ägypten“ von Poussin. Foto: AP Lupe

Der Louvre erwarb im Sommer letzten Jahres für 17 Mill. Euro. die „Flucht nach Ägypten“ von Poussin. Foto: AP

BERLIN. Auch die wie immer gut bestückte Tefaf in Maastricht kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der Altmeistermarkt hat seine goldenen Zeiten hinter sich. Das vertuscht auch nicht der notorische Optimismus mancher Händler, die seit Jahren immer wieder aufs Neue das beste Geschäftsjahr ihrer Firmengeschichte feiern. Das mag für die gut mit Bilderbuchbildern ausgestatteten Galerien zutreffen. Doch im globalen Gefüge sieht die Realität anders aus.

Bis in die neunziger Jahre hinein prägten die Altmeisterhändler das Auktionsgeschehen. Kaum ein wichtiges Bild lief an ihnen vorbei. Wenn die Preise für einen allein untragbar wurden, bildeten sie Käuferkonsortien und finanzierten das Starlos gemeinsam, bis es einen Käufer fand - was in den meisten Fällen auch gelang.

In Ausnahmefällen gibt es diese Marktpraxis noch heute, aber immer mehr Spitzenmaterial wandert aus den Auktionen direkt in Privatsammlungen. Dank des hohen Euro-Kurses führen seit 2007 mehr europäische als amerikanische Sammler die Käuferlisten an, während die US-Museen in letzter Zeit fast nur als Verkäufer in Erscheinung treten.

Die Auktionshäuser präsentieren ihr Material in Händlermanier. Bilder hängen in den Vorbesichtigungen frisch gereinigt. Die nach Händlervorbild aufgemachten New Yorker und Londoner Versteigerungskataloge sind eine echte Konkurrenz für den Handel, der sich traditionsgemäß dezenter gibt.

Im Feld diskreter Marktpflege, wie sie zum Beispiel die Galerien Wildenstein und Dickinson betreiben, liegt denn auch die stärkste Selbstbehauptung gegenüber der publizitätsträchtigen Auktionsmaschinerie. Leider gibt es immer weniger Händler, deren finanzielle Möglichkeiten es gestatten, jenseits bekannten Auktionsmaterials auf Bilder aus marktfrischen Privatsammlungen zurückzugreifen und den Garantiesummen der Auktionshäuser Paroli zu bieten.

Offensive Auktionspolitik, die sich mit Händlern schmückt, die mangels eigener Visionen in das Auktionsbusiness abgewandert sind, ist eine Realität. Eine andere ist die schleichende Auszehrung des Handels. Es gibt weniger eigenständige Altmeisterhandlungen denn je, und in den nächsten zehn bis 20 Jahren wird es noch weniger geben.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Klare und plastische Komposition statt üppiger Faktur

Nachwuchs ist schon deswegen nicht in Sicht, weil kein Newcomer die 20 bis 30 Millionen aufbringen kann, die ein hochkarätiger Einstieg in dieses edle Gewerbe kostet. Aus reinen Investitionsgründen haben ja schon alteingesessene Altmeisterhändler ihr klassisches Kernprogramm bis weit ins 19. Jahrhundert ausgedehnt.

Ungeachtet solcher Probleme hat sich in den letzten Jahren auf der Käuferseite ein programmatischer Geschmackswandel vollzogen. Die jahrzehntelange Vorherrschaft der holländischen Malerei in der Käufergunst ist längst gebrochen. Man sieht es am Angebot der Auktionen, in denen der Anteil italienischer und französischer Altmeistergemälde wächst - vor allem in New York.

Die mäßigen Erfolge für die Niederländer der Sammlung Goudstikker und der Philips Collection zeigen: Die mittlere Garnitur ist wenig gefragt, selbst wenn sie jahrelang in Museen hing. Nur große Namen, Qualität, die uns anspringt, brillante Augenfängerei und Weltmotive haben beste Chancen. Das kunsthistorische Werturteil ist heute weniger ausschlaggebend als die ästhetische Blitzwirkung.

Etwas abgeflaut ist auch der undifferenzierte Boom für Stillleben. In den Auktionen der letzten zwei Jahre waren Rückgänge selbst bei hochdotierten Meistern wie Willem van Aelst, Isaac Soreau und Jacob Marell zu verzeichnen. Auch bei der holländischen Landschaftsmalerei gibt es immer wieder Enttäuschungen für mittelprächtige Werke etwa von Ruysdael, van Goyen, Cuyp. Seelandschaften finden kaum Interesse.

Für einen Glanzmaler des Stilllebens wie den Amsterdamer Jan Jansz. den Uyl gab es dagegen den im Dezember 2007 bei Sotheby?s von einem US- Sammler gebotenen Rekordpreis von 1,8 Mill. Dollar. Das Bild ist charakteristisch für den neuen Geschmack.

Der hat sich in den letzten Jahren immer stärker von bürgerlichen Bildvorstellungen abgewandt. Heute ist statt üppiger Faktur die klare und plastische Komposition gefragt. Das hat auch den grandiosen Aufschwung der spanischen Malerei gefördert, die seit drei Jahren mit ihren Spitzenkünstlern Velásquez, Zurbaran, Ribera, El Greco, Juan van der Hamen die Top Ten-Listen der Altmeisterauktionen ziert.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Preise für die besten Altmeister-Werke in diesem Jahr, liegen deutlich unter fünf Millionen

Wie eine Apotheose des neuen polierten Geschmacks wirkt auch das im letzten Juli bei Christie?s für 18,5 Mill. Pfund versteigerte Porträt des Lorenzo de? Medici. Das Bildnis, das ein New Yorker Kunsthändler 1968 als Werk eines anonymen italienischen Meisters für nur 325 Dollar ersteigert haben soll, wurde jetzt als Raffael ausgeboten, obwohl die Authentizitätsfrage bis heute nicht restlos geklärt ist. Noch vor einem Jahrzehnt wäre dieses vorrangig dekorative Gemälde gnadenlos zurückgewiesen worden.

Der Fall zeigt, wie stark der Marktsog großer Namen ist. Charakteristisch ist, dass auch solche "Ausreißer" immer in ein ausgewogenes Marktgefüge eingebunden sind. Das unterscheidet den Altmeistermarkt von dem unter permanentem Hochdruck stehenden Markt zeitgenössischer Kunst. Dessen Spekulationswellen sind ihm fremd, weil Angebot und Transaktionen überschaubar bleiben. Auch zaubern hier weniger die Auktionen Rekordpreise als die Millionenkäufe der Museen.

So wurden jüngst Gemälde aus britischem Adelsbesitz, die zwei Londoner Museen anzukaufen wünschen, mit höchstem Marktwert bedacht: eine Ölstudie von Rubens zum Deckengemälde in Whitehall mit 11,5 Mill. Pfund und eine Serie der fünf "Sakramente" von Poussin mit über 100 Mill. Pfund.

Ein anderer Museums-Poussin, die "Flucht nach Ägypten", erwarb der Louvre im Sommer letzten Jahres für 17 Mill. Euro. Die Preise für die besten Altmeister-Werke, die der Handel in diesem Jahr in Maastricht zeigt, liegen deutlich unter fünf Millionen.

Gegenüber den Marktsegmenten klassische Moderne und zeitgenössische Kunst ist das noch moderat. Kein Wunder also, dass die Altmeisterhändler zurzeit neue Kunden aus dieser Sammlergruppe hinzugewinnen, denen die Notierungen für Warhol, Richter, Fontana, Basquiat nicht mehr tragbar sind.

Für den Preis eines kapitalen Bacon kann man sich eine prächtige Altmeistersammlung aufbauen. Voraussetzung ist, man verfügt über das nötige Wissen und einen zeitlosen Geschmack, der sich über etabliertes Mainstreamdenken hinwegsetzt.

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