Wie eine Apotheose des neuen polierten Geschmacks wirkt auch das im letzten Juli bei Christie?s für 18,5 Mill. Pfund versteigerte Porträt des Lorenzo de? Medici. Das Bildnis, das ein New Yorker Kunsthändler 1968 als Werk eines anonymen italienischen Meisters für nur 325 Dollar ersteigert haben soll, wurde jetzt als Raffael ausgeboten, obwohl die Authentizitätsfrage bis heute nicht restlos geklärt ist. Noch vor einem Jahrzehnt wäre dieses vorrangig dekorative Gemälde gnadenlos zurückgewiesen worden.
Der Fall zeigt, wie stark der Marktsog großer Namen ist. Charakteristisch ist, dass auch solche "Ausreißer" immer in ein ausgewogenes Marktgefüge eingebunden sind. Das unterscheidet den Altmeistermarkt von dem unter permanentem Hochdruck stehenden Markt zeitgenössischer Kunst. Dessen Spekulationswellen sind ihm fremd, weil Angebot und Transaktionen überschaubar bleiben. Auch zaubern hier weniger die Auktionen Rekordpreise als die Millionenkäufe der Museen.
So wurden jüngst Gemälde aus britischem Adelsbesitz, die zwei Londoner Museen anzukaufen wünschen, mit höchstem Marktwert bedacht: eine Ölstudie von Rubens zum Deckengemälde in Whitehall mit 11,5 Mill. Pfund und eine Serie der fünf "Sakramente" von Poussin mit über 100 Mill. Pfund.
Ein anderer Museums-Poussin, die "Flucht nach Ägypten", erwarb der Louvre im Sommer letzten Jahres für 17 Mill. Euro. Die Preise für die besten Altmeister-Werke, die der Handel in diesem Jahr in Maastricht zeigt, liegen deutlich unter fünf Millionen.
Gegenüber den Marktsegmenten klassische Moderne und zeitgenössische Kunst ist das noch moderat. Kein Wunder also, dass die Altmeisterhändler zurzeit neue Kunden aus dieser Sammlergruppe hinzugewinnen, denen die Notierungen für Warhol, Richter, Fontana, Basquiat nicht mehr tragbar sind.
Für den Preis eines kapitalen Bacon kann man sich eine prächtige Altmeistersammlung aufbauen. Voraussetzung ist, man verfügt über das nötige Wissen und einen zeitlosen Geschmack, der sich über etabliertes Mainstreamdenken hinwegsetzt.

