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06.09.2008 
Produzent Quirin Berg

Kein Film wie jeder andere

von Alexander Runte

Quirin Berg war ein junger, aufstrebender Produzent, als er die Chance seines Lebens bekam und ergriff: den Film "Das Leben der Anderen" von Regisseur Henckel von Donnersmarck zu produzieren. Drei Jahre später spaziert Berg in Los Angeles über einen roten Teppich.

Das Erfolgsteam: Von Donnersmarck, die Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg (zweiter von rechts) mit dem Schauspieler Ulrich Mühe. Foto: ReutersLupe

Das Erfolgsteam: Von Donnersmarck, die Produzenten Max Wiedemann und Quirin Berg (zweiter von rechts) mit dem Schauspieler Ulrich Mühe. Foto: Reuters

MÜNCHEN. Es kann einem schon mal etwas schwindlig werden, wenn man vor Clint Eastwood, Will Smith und Cameron Diaz über einen roten Teppich geht. Wenn man eine Urkunde von Charlize Theron überreicht bekommt. Wenn man eines Nachmittags Ende Februar 2007 in einer Limousine abgeholt wird und in einem Zick-Zack-Kurs durch Los Angeles gefahren wird und die vorfrühlingshaft warme Luft der Stadt aufsaugt, in der Träume gemacht werden. Quirin Bergs Augen leuchten immer noch, wenn er von der Atmosphäre dieser Stadt schwärmt, "wo die Menschen für Filme leben, wo einem eine unglaubliche Energie entgegenschlägt". Man kann es also verstehen, dass es an diesem Abend ein paar Minuten gibt, von denen er nicht mehr weiß, was da genau passiert ist. Versuchte man, diese Minuten zu rekonstruieren, käme man zu dem Schluss, dass kurz vorher Florian Henckel von Donnersmarck den Oscar für den besten ausländischen Film erhielt. Der Film, der da ausgezeichnet wurde, war "Das Leben der Anderen", ein Film, an den Quirin Berg und sein Kompagnon Max Wiedemann geglaubt hatten, als dieser noch der Debütfilm eines unbekannten Regisseurs war. Denn noch vor drei Jahren hat kaum jemand auf diesen Film gesetzt.

Ein Jahr nach der Oscarverleihung steht der 30-jährige Quirin Berg selbst auf der Bühne, auch wenn es eine kleine Bühne ist und das Publikum nur aus einem Fotografen und einem Reporter besteht. Das Münchner Arri-Kino in Schwabing: tiefe, dunkelrote Sitze und eine Leinwand, vor der Berg jetzt fotografiert wird. Man merkt, dass er niemand ist, der auf Knopfdruck ein Blenderlächeln anknipsen kann. Das Posen fällt ihm noch ein bisschen schwer. Aber eigentlich ist es auch kein Wunder, denn als Produzent arbeitet er eher im Hintergrund dafür, dass andere im Scheinwerferlicht stehen. Die wenigen Fotos, die es bisher von ihm gibt, zeigen ihn neben Henckel von Donnersmarck und Max Wiedemann. Alle drei tragen Smoking, meist hält einer den Oscar in der Hand. Doch während Henckel von Donnersmarck die Gold-Statue mit der Gewissheit eines Mannes hält, der schon sehr lange Zeit wusste, dass dieser Moment kommen wird, ja kommen muss, wirken die beiden Produzenten Berg und Wiedemann wie zwei junge Männer, die gerade deshalb so außer sich vor Freude sind, weil sie damit nun wirklich nicht gerechnet haben. Da Wiedemann ebenfalls sehr groß ist, wirkt Quirin Berg schon fast zierlich neben den beiden Hünen.

Obwohl ihn das Posen etwas anstrengt, hat er eine vertraute Beziehung zum Arri-Kino. Denn das Schwabinger Kino ist zwar nicht sein zweites Zuhause, aber schon so eine Art erweiterter Arbeitsplatz. "Das Arri-Kino hat eine große Tradition", erzählt er später in der Lobby, "wir selbst haben unser Büro nur zwei Minuten von hier entfernt". Es ist Nachmittag, kaum jemand interessiert sich für das Nachmittagsprogramm, die zugige und kalte Lobby ist bis auf ein paar ältere Damen fast leer. Vor zehn Jahren arbeitete der gebürtige Münchner Berg nebenan als Praktikant bei der Filmkamerafirma Arri, jetzt sitzt er hier im Foyer im weit aufgeknöpften Hemd und Jackett als einer der beiden Männer, die an "Das Leben der Anderen" geglaubt haben, als es noch der größenwahnsinnige Debütfilm eines Regie-Studenten der Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) in München war. Entspannt, aber konzentriert erzählt er, wie sie nun selbst Aufträge hierher vergeben oder das angeschlossene Arri-Kino nutzen, um Test-Screenings zu machen, wenn sie mal einen Rohschnitt auf der großen Leinwand sehen wollen.

Fünf Jahre ist es nun her, dass Berg und Wiedemann mit Florian Henckel von Donnersmarck das erste Mal über diesen Stasi-Film geredet haben. Damals waren sie noch relativ unerfahrene Kino-Produzenten, Henckel von Donnersmarck selbst noch weit davon entfernt, Deutschlands neuer Regie-Star zu werden. Allerdings hatte er da schon Steherqualitäten bewiesen. Denn ursprünglich sollte der Film von Peter Rommel in Berlin produziert werden. Doch Henckel von Donnersmarck wollte seinen Film unbedingt eine halbe Stunde länger haben als es der Produzent finanzieren wollte.

Kaum zu glauben: Es kam zum Streit und der Film landete über zwei Redakteure des Bayerischen Rundfunks bei Wiedemann und Berg. "Wir haben zwar nie an dem Film gezweifelt", sagt Berg, "aber es gab schon ein paar Monate, in denen wir schlecht geschlafen haben, als wir von vielen potenziellen Partnern eine Absage bekamen." Immer hieß es, es sei ein fantastischer Film, aber man glaube nicht daran, dass er kommerziell erfolgreich sein werde. Was frustrierend gewesen sein muss, da Berg und Wiedemann so sehr an den Film glaubten, dass sie sogar ein sehr großes persönliches Risiko auf sich nahmen und ihn vorfinanzierten. "Später kamen viele auf uns zu und sagten, das sei der größte Fehler ihres Lebens gewesen", erzählt Berg grinsend und guckt auf sein Handy. Spätestens seit dem Erfolg von "Das Leben der Anderen" gehören er und sein Kompagnon zu den gefragtesten Produzenten Deutschlands. Freizeit hat er kaum noch. Aber Filme machen sei ja auch keine Arbeit, findet er, sondern ein Lebensprinzip. Das Einzige, was er sich gönnt, sind Wochenenden am Tegernsee: Dann geht er erst auf die Berge, später in die Braustube.

Sein Job lässt sich kaum so konkret beschreiben wie die eines Regisseurs oder eines Schauspielers. Es gibt Produzenten, die sich stark in die künstlerische Gestaltung einmischen, während andere sich nur dafür interessieren, ob die Rendite ihrer Filme stimmt. Berg selbst war schon immer davon fasziniert, dass der Produzent exakt an der Schnittstelle zwischen Gestaltung und Geld operiert: "Man spricht mit Kreativen, Bankern, Investoren, Controllern, Autoren, Schauspielern und Juristen, alles Menschen, die man zusammen bringen muss." In ihrer Firma betreut Wiedemann eher die finanzielle Seite (er interessierte sich auch immer schon mehr für Zahlen) und Berg die kreative Seite. Er liest die Drehbücher, spricht mit den Regisseuren über die Umsetzung und mit den Schauspielern über ihre Rollen. Aber Berg und Wiedemann werden auch selbst inhaltlich aktiv, überlegen, worüber sie gerne mal einen Film machen würden, was vielleicht eine Überschrift wäre, unter der man einen Film schreiben könnte.

So haben sie im August einen Film über den legendären bayerischen Ganoven, den "Räuber Kneißl" herausgebracht, in dem Maximilian Brückner und Maria Furtwängler unter der Regie von Marcus H. Rosenmüller ("Wer früher stirbt, ist länger tot") spielen. Rosenmüller kannten Berg und Wiedemann wie auch Henckel von Donnersmarck von der HFF. Die gebürtigen Münchner waren schon seit der fünften Klasse miteinander befreundet und hatten zwei Kurzfilme gedreht, bevor sie sich bei der Filmhochschule bewarben. Dass sie mit dem Namen WB für Wiedemann und Berg auf Branchengrößen wie Warner Brothers hinauswollten, bestreitet Quirin Berg zwar, droht aber schon lachend an, dass sie "wahrscheinlich irgendwann Warner Brothers verklagen müssen". Denn natürlich wurden sie von großen Studios wie Warner Brothers geprägt und von spektakulären Actionfilmen wie "Terminator" oder "Back To The Future" beeinflusst. Trotzdem hat es Berg nie gereizt, vor oder direkt hinter der Kamera zu stehen, war er doch viel zu sehr von der Wirtschaft und ihren Gesetzen fasziniert.

Und nirgendwo offenbart sich das ökonomische Herz des Filmemachens stärker als in den Wochen und Monaten vor den Oscars. Berg und Wiedemann absolvierten eine Kampagne, fast so aufwändig wie ein Vorwahlkampf der Demokraten: Zuerst traten sie auf Screenings und Festivals auf, nachdem sie als deutscher Kandidat benannt worden waren, gefolgt von einer intensiven Pressearbeit, bis sie auf die Longlist der letzten neun Kandidaten kamen. Doch als dann die Nominierung auf der Liste der letzten Fünf kam, brach eine Lawine los, "auf die man wirklich nicht vorbereitet ist", erzählt Berg. Sie reisten mit einer großen Delegation nach Los Angeles und organisierten eine Party in der Villa von Roland Emmerich, die ihnen dieser freundlicherweise zur Verfügung gestellt hatte. Denn Emmerich ist wie Doris Dörrie oder Sönke Wortmann auch Absolvent der HFF, der Hochschule, an der Berg und Wiedemann ihr Produzentenstudium absolvierten, einer Kaderschmiede des deutschen Films.

Bevor er gemeinsam mit Wiedemann an der HFF begann, arbeitete Berg nach dem Abitur als Setrunner - "ich war einfach Mädchen für alles" - und machte ein Praktikum bei Bernd Eichinger. Es war "ein kleiner familiärer Kreis", erzählt Berg, "wir waren nur zwölf Leute in einem Jahrgang, da merkt man schnell, wer die gleiche Vision hat und sich für ähnliche Sachen interessiert". Etwa auch Henckel von Donnersmarck, mit dem sie kurz nach Gründung ihrer Firma 2004 bereits "Das Leben der Anderen" drehten. "Wir hatten auf ein Kunstfilm-Publikum spekuliert, bei dem schon eine halbe Million Zuschauer ein Erfolg gewesen wäre", sagt Berg und lächelt etwas schief. Denn allein in Deutschland sahen den Film zwei Millionen Zuschauer, weltweit spielte er knapp 50 Millionen Euro ein, bei Produktionskosten von vier Millionen Euro ein mehr als beachtliches Ergebnis. Aber auch ein großes Wagnis. Erst Anfang 2006 wussten, dass sie es geschafft hatten, als sie den Bayerischen Filmpreis bekamen und später den Deutschen Filmpreis. Berg konnte die gewaltige Resonanz auf diesen Film nur zum Teil mitnehmen, weil er schon längst mit neuen Projekten beschäftigt war. "Aber wir wussten, wie stark die Geschichte ist, dass sie überall berührt", sagt Berg. Mit Henckel von Donnersmarck blieb er so lange im Schneideraum, bis sie sich beide sicher waren, dass kein Millimeter anders geschnitten sein dürfe. So fällt es Quirin Berg jetzt auch schwer, seine Lieblingsszene zu nennen. Er überlegt lange, bis er sagt, wie gerne er das Schlussbild hat, aber vor allem die Szene liegt ihm am Herzen, in der der degradierte Ulrich Mühe in einem Stasikeller sitzt und Briefe öffnet, während über ihm die Mauer fällt. Dann hält die Maschine an, die die Briefe sortiert.

Die Szene ist auch deswegen so schön, weil sie auf klassischem Filmmaterial gedreht wurde, und nicht etwa wie viele andere Filme mit einer digitalen Kamera. Doch sieht Zelluloid zwar besser aus, ist leider aber auch teurer als etwa eine TV-Produktion. Das Paket, das Produzenten im Vorfeld eines Filmes schnüren, um die Finanzierung zu sichern, muss genügend Reize für potenzielle Investoren bieten, damit sie das Risiko eines Films auf sich nehmen. Produzenten wie Berg und Wiedemann bringen in der Regel selbst nur fünf Prozent der gesamten Finanzierung ein. Nur ist das Problem, dass es keine festen Berechnungen darüber gibt, wie erfolgreich ein Film sein wird. So hilft es, wenn man einen prominenten Schauspieler verpflichtet. Noch mehr hilft es, wenn man die TV- oder DVD-Rechte verkaufen kann. Mit den Rechten kann man sich gegen Verluste absichern, die sonst bei Kinofilmen immer drohen, da TV und DVD relativ sichere Einnahmequellen sind. Es gab gigantische Flops, die wie todsichere Geldquellen aussahen, aber auch Filme wie "Das Leben der Anderen", die unerwartete Erfolge landen. Und das ist das große Problem eines Produzenten: Berg muss im Grunde genommen versuchen, jemandem etwas zu verkaufen, von dem aber niemand weiß, wie es überhaupt wird. Schwierige Konstellation, in der man vor allem eins benötigt: Vertrauen. Berg weiß zwar, dass "nichts in der Branche so viel Vertrauen schafft wie der kleine goldene Mann aus Hollywood", aber Filmerfolg ist nie richtig planbar, da es sich auch bei jedem noch so sehr kritisierten Popcorn-Movie um ein einzigartiges Kunstwerk handelt.

Für die Produktion eines Filmes wie "Das Leben der Anderen" bedeutet dies ein ständiges Abwägen, ob man sich im Namen der Kunst für eine teurere Möglichkeit entscheidet oder versucht, zu sparen. "Wir haben uns fast immer für die teurere Alternative entschieden", seufzt Berg, wirft aber schnell hinterher, dies sei auch immer die bessere Variante gewesen. So wurde die Musik etwa nicht am Computer programmiert, sondern von einem kompletten Orchester live eingespielt. Und am Ende zahlt sich solches Gespür auch aus. Berg und Wiedemann planen munter weitere Projekte. Denn auch wenn 2007 ein schlechtes Jahr für den deutschen Film war, glaubt Berg daran, dass es jetzt wieder nach oben geht.

Aber vielleicht liegt das auch an der Gelassenheit, die ein Oscar direkt am Anfang der Karriere so mit sich bringt. Vielleicht hilft das auch, jetzt den Erfolg besser zu genießen, als es direkt nach der Verleihung möglich war. Bis nachts um zwei drehte sich noch das Pressekarussell um sie, am nächsten Morgen gaben sie bereits um acht Uhr schon wieder Interviews. Der einzig ruhige Moment war direkt nach der Verleihung. Die drei Männer gingen an die warme Februarluft von Los Angeles, redeten kurz darüber, was das für ein Wahnsinn ist. Dass sie den Oscar bekommen haben. Dass sie genau den Film gemacht haben, den sie machen wollten. An den vorher niemand geglaubt hat. Das müssen dann die Minuten gewesen sein, von denen Quirin Berg bis heute nicht weiß, was da genau passiert ist.

Quirin Berg

Der Filmproduzent Quirin Berg wurde 1978 in München geboren. Zusammen mit seinem Schulfreund Max Wiedemann begann er 1999 das Studium der Produktions- und Medienwirtschaft an der Hochschule für Fernsehen und Film in München. Im Jahr 2003 schloss Berg das Studium mit dem Diplom ab. Während der Ausbildung entstanden viele Kurzfilme, die mehr als 60 nationale und internationale Preise einfuhren. In dieser Zeit produzierte er auch seinen ersten abendfüllenden Fernsehfilm. Im letzten Studienjahr gründete er zusammen mit Wiedemann die Wiedemann & Berg Filmproduktion. 2006 schließlich produzierte die Firma den Kinofilm "Das Leben der Anderen" mit Ulrich Mühe und Martina Gedeck in den Hauptrollen. Der Film wurde mit dem Oscar für den besten fremdsprachigen Film, dem französischen Filmpreis César und zahlreichen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter gleich sieben Deutsche Filmpreise. Im vergangenen Monat kam die Wiedemann & Berg-Produktion "Der Räuber Kneißl" in die Kinos.

Filmindustrie - Gebeutelte Branche

Das vergangene Jahr war kein gutes Jahr für die deutsche Filmbranche. Nach dem Riesenerfolg von "Das Leben der Anderen" 2006 war das darauf folgende Jahr eher geprägt von US-Sequels wie "Spiderman III", "Pirates of the Caribbean III" oder "Stirb langsam 4.0". Erst am Ende des Jahres kam "Keinohrhasen" von Til Schweiger in die Kinos und sorgte für einen versöhnlicheren Abschluss. Dennoch sanken die Zuschauerzahlen um 6,4 Prozent, wofür die Filmbranche vor allem Raubkopien im Internet verantwortlich macht. So sind deutsche Produktionsfirmen auch auf eine Doppel-Strategie angewiesen, indem sie sowohl Kino als auch TV produzieren. Quirin Berg schätzt, dass es in Deutschland vielleicht 100 Filmproduktionsfirmen gibt, von denen man etwa 50 ernst nehmen könne. Und diese sind nicht nur beim verlässlicheren TV-Geschäft auf die Sender angewiesen, sondern auch bei der Kino-Finanzierung, bei der die Sender gegen Austausch der TV-Rechte häufig als Finanziers einspringen. Positive Signale kommen auch von der Politik: So stellt der von Kulturstaatsminister Bernd Neumann initiierte deutsche Filmförderfonds jedes Jahr bis zu 60 Millionen Euro für Produktionen zur Verfügung, die in Deutschland gedreht werden. "Es läuft mal besser, mal schlechter", sagt Quirin Berg. Er ist überzeugt davon, dass es 2008 wieder besser läuft. Die Antwort auf den Zuschauerschwund sieht er vor allem in besseren Filmen, die die Leute wieder dazu bringen, häufiger ins Kino zu gehen.

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