Statt Gemälde oder Skulpturen auszustellen, entschied sich der chinesische Starkünstler Ai Weiwei für ein Experiment mit den Kulturen. Unter dem Titel „Fairytale“ bringt er 1 001 Chinesen zur Documenta nach Kassel – der erste Trip seiner Landsleute in die Freiheit. Ein Experiment mit ungewissem Ausgang.
Die Betten sind bezogen, die Landsleute können kommen. Der chinesische Künstler Ai Weiwei posiert in den Schlafräumen der "Fairytale"-Darsteller. Foto: dpa
KASSEL. Von Uniformen haben sie genug in ihrer Geschichte. Die sind abgelegt. Angesagt sind bei Fang, Yu und Xuan asymmetrischer Haarschnitt, Tanktop und Minirock, Kargojeans und lila Polohemd. Und wenn die jungen Chinesen in Kassel unterwegs sind, dann in kleinen Gruppen und nicht in Massen – schön, dass eine Kunstschau unsere vorgefertigten Bilder im Kopf über den Haufen werfen kann.
Wenn der Galerist Fang Fang und Li Yu, Redakteurin einer Kunstzeitschrift, durch die Stadt flanieren, gehen sie im bunten Kunstvolk auf – oder vielmehr unter. Die Kasselaner sind freundlich und grüßen mit einem „Nihaa“ – hallo. Mehr passiert nicht. Noch nicht? Fang, Yu und Guo Yi Xuan, die Schwangere, die als Consultant arbeitet und nur gegen den erbitterten Widerstand ihrer Schwiegermutter nach Deutschland reisen durfte, sind mit 197 weiteren Chinesen keine normalen Touristen. Sie sind Teil einer Kunstaktion von Ai Weiwei, eines Projekts der Superlative, zumindest was Konzept, Umfang und Kosten betrifft.
Am Samstag öffnet die 12. Documenta in Kassel ihre Pforten. 100 Tage lang kann das aufgeschlossene Publikum staunen und entdecken, was Künstler sich so alles ausdenken. Immer noch gilt die Documenta, die alle fünf Jahre stattfindet, als wichtigste Ausstellung zur internationalen Gegenwartskunst.
Bildergalerie: Was die Documenta 2007 zu bieten hat
Ins Leben gerufen wurde sie 1955 von dem Philosophen und Kunsthistoriker Arnold Bode. Er wollte den Besuchern der Bundesgartenschau einst im kriegszerstörten Kassel jene Kunstströmungen zeigen, die unter den Nazis als „entartet“ gebrandmarkt waren: den Expressionismus und die Abstraktion. Bodes Ausstellung wurde ein großer Erfolg und aus der einmaligen Schau eine regelmäßige Großveranstaltung.
Auch heute noch ist es eine Ehre für jeden Künstler, mit dabei zu sein auf dieser weltweit beachteten Ausstellung. Der chinesische Starkünstler Ai Weiwei bekam vom künstlerischen Leiter der 12. Documenta, Roger Buergel, eine der begehrten Einladungen. Doch statt Gemälde oder Skulpturen auszustellen, entschied sich das Multitalent Ai für ein Experiment mit den Kulturen. Unter dem Titel „Fairytale“ bringt er 1 001 Chinesen nach Kassel.
Gefunden hat er die Projektteilnehmer über seinen Weblog. Schon nach zwei Tagen musste er die Einladung herausnehmen: 3 000 Landsleute waren dem Aufruf gefolgt und hatten sich für die Reise ins ferne Deutschland beworben. 99 Fragen siebten die hartnäckig Entschlossenen aus. Sie sollten Auskunft geben über ihre Träume, ihre Kenntnis über Deutschland und seine Kultur. Doch nur wenige der angereisten Chinesen können tatsächlich ein deutsches Gedicht aufsagen. Das war auch nicht das Entscheidende.
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Um Teil dieses prozesshaften Kunstwerks zu werden, war es wichtiger, einen Pass zu besitzen. „90 Prozent hatten keinen“, erzählt der Künstler, der beim Reden gern wie ein Buddha einen Arm vor dem gerundeten Leib verschränkt. Bauern, Studenten, Lehrer und Ingenieure mussten sich ihren Pass erst auf Zeit raubenden Behördengängen besorgen – und dabei nachweisen, dass sie in keinem Strafregister erfasst sind.
Ai ist 49 Jahre alt und Kind von Dissidenten. Geprägt hat ihn die Kulturrevolution: „Ich bin mit Massenauftritten und Klassenkampf aufgewachsen.“ Er erzählt es, wie alle anderen Details, ruhig und konzentriert, wie jemand, der täglich mehrere Interviews gibt. So entsteht der Eindruck, als sei ihm das Dirigieren von Massen in die Wiege gelegt worden.
Doch sein Auftritt als Initiator eines Kunstprojekts, dessen Formen offen und dessen marktfähige Relikte noch unbestimmt sind, ist neu. Bislang jedenfalls ist Ai als Bildhauer und Installationskünstler in Erscheinung getreten, der sich alle Gattungen aneignet. Bekannt geworden ist der Erfolgreiche, der Sammler in aller Welt begeistert, etwa mit kniehohen Skulpturen aus Edelhölzern, die die Form von Chinas Grenzen nachzeichnen. Auf der diesjährigen Documenta baut er zudem einen neuen Tempel im Freien aus alter Bausubstanz, die aus verschiedensten Quellen stammt, und verteilt zusätzlich 1 001 restaurierte Qing-Stühle auf die Ausstellungsorte. Doch mit „Fairytale“ ist der Experimentator erstmals Regisseur von 1 001 Chinesen auf ihrem ersten Trip in die Freiheit. Und die ist letztendlich nicht zu kontrollieren.
Den Kunstflaneur aus dem Westen mag Ais Experiment an Joseph Beuys erinnern. Denn der gewitzte Kunstprofessor aus Düsseldorf ließ beispielsweise zwischen 1982 und 1987 in der Documenta-Stadt 7 000 Eichen pflanzen: für ein besseres Stadtklima und die Bürger. Beuys, der Kunstschamane, brachte die Kunst aus den heiligen Hallen der Musentempel auf die Straße. „Soziale Plastik“ nannte er seinen Ansatz, den Bürger im Alltag in Kunst zu verwickeln und zum Nachdenken über die Gesellschaft anzuregen.
Ai Weiwei sagt, er habe bei „Fairytale“ nicht an Beuys gedacht. Aber: „Kunst besteht immer aus Selbstreflexion und sozialem Wandel.“ Und das ist der Punkt: Weltveränderung durch Kunst. Hier treffen sich Beuys, Buergel und Ai.
Welche Rolle spielt der Zufall bei seinem offenen Kunstexperiment in Kassel? „Eine so große wie im Leben“, sagt Ai. „Die Teilnehmer machen keine Performance. Ich platziere sie nicht. Es geht um spontane Kommunikation und Konfrontation der Kulturen – auch jenseits der Sprache.“
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Die 1 001 Erwählten reisen in fünf Gruppen à 200 Menschen für acht Tage an. Sie übernachten und essen in ehemaligen Industriehallen – in einem Schlafsaal für 100 Frauen und einem für 100 Männer, mit Stoffbahnen hübsch eingeteilt in Zehnergruppen. Dass der Putz von der Decke bröckelt, stört hier niemanden.
Und wie fühlt sich Fang Fang als Teil eines Kunstprojektes? „Das kann ich noch nicht sagen“, räumt der junge Galerist zum Seitenwechsel ein. „Dazu brauche ich noch Zeit.“ Entschieden ist aber sein Eindruck von Kassel: „Es ist so leer hier, so grün und so ruhig.“
Ai, der Künstler und Designer, der Kurator und Kritiker lässt für die Besucher aus dem Fernen Osten chinesisches Essen kochen, stattet sie mit Prepaid-Karten, einem Stadtplan in Mandarin und sprachkundigen freiwilligen Helfern aus. Doch zumindest Fang, Yu und Xuan gehen lieber auf eigene Faust. Auch das von Ai entworfene T-Shirt, das sie als Teilnehmer des Experiments markierte, lassen sie im Koffer. Nur nicht auffallen. Und wenn es mit der Verständigung nicht klappt? Die Mittdreißiger lachen: „A smile!“
Die Teilnehmer des Kunstprojekts sollen mit wachem Bewusstsein und ruhigem Geist den Kasselanern und Documenta-Gästen aus aller Welt begegnen. „Aber was letztlich alles geschieht, ist nicht auszumalen.“ Die braunen Augen des fließend englisch parlierenden Ai blitzen auf, denn hier berührt das Experiment den Kern aller Kunst: die Freiheit.
Im Zentrum des Projekts steht die Erfahrung von Verstehen und Missverstehen. Jedem Teilnehmer sollen die Augen geöffnet werden. Wie weit dürfen sie gehen? „Sie dürfen alles tun, was gesetzlich ist“, sagt Ai. Wenn sich ein soeben von den Restriktionen des chinesischen Kommunismus befreiter Teilnehmer dann aber hier zu Lande in die individuelle Freiheit absetzt, kann auch der Künstler nichts dagegen tun. „Ein Risiko wie in der Liebe“, sagt Ai – und schmunzelt.
Das Multitalent Ai Weiwei, das 1993 nach zwölf Jahren in den USA nach Bejing zurückkehrte, ist erfolgsverwöhnt: Auf Kunstausstellungen und -messen ist er ebenso vertreten wie in der Architektur. In Beijing baut er mit dem renommierten Architektenduo Herzog und de Meuron das neue Olympiastadion. Und so trägt die Realisierung des Projektes „Fairytale“ in der Stadt der Gebrüder Grimm auch märchenhafte Züge. In der Kunst geht es zwar darum, Grenzen zu überwinden. Aber Produktions-, Reise- und Verpflegungskosten für so viele Menschen können da leicht zum Hindernis werden.
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Ai kalkulierte stattliche 3,1 Mill. Euro für seine drei Documenta-Beiträge. Das offizielle Budget der 100-Tage-Ausstellung aber reicht hinten und vorn nicht für sämtliche Kunstkosten. Keine Chance für so ein ausuferndes Projekt – zunächst. Als stünde Ais Skript in „1 001 Nacht“, ließen sich die Millionen aber doch noch auftreiben. In nur zwei Wochen. Geschafft hat das Ais Galerist Urs Meile aus Luzern und Beijing.
Der Schweizer ist seit 15 Jahren ein seriöser Vermittler chinesischer Kunst. „Es hat gar nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht“, erzählt er. Denn die Menschen, die hinter der Erlenmeyer Stiftung und der Leister Foundation stehen, sind engagierte Kunstsammler und langjährige Kunden von ihm. Refinanziert wird das Investment über künstlerische Arbeiten, die Ai im Lauf der nächsten Jahre machen wird, aus Tausenden von Filmrollen, mit denen 16 junge chinesische Dokumentarfilmer seit fünf Monaten alles festhalten: die Vorbereitungen, die Interviews, die Reise, die Eröffnung der Documenta.
Vom Eingriff der Kunst ins bloße Leben gehen auch die beiden „Macher“ der Documenta 2007 aus, Roger Buergel und seine Frau, die Kunsthistorikerin Ruth Noack. Ihr Ansatz, dass Kunst das Leben des Einzelnen verändern soll, hat seine Wurzeln in der Romantik. Für starke ästhetische Reize haben sie deshalb den katalanischen Koch Ferran Adrià ebenso eingeladen wie die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic, die mit einem Mohnfeld an hessische und kroatische Soldatentode erinnert, und den thailändischen Kunstprofessor Sakarin Krue-On, der mit einem Reisfeld unterhalb von Schloss Wilhelmshöhe auf die Asien-Sehnsucht des Rokoko anspielt. Das wird dem breiten Publikum gefallen, den Kritikern vielleicht weniger.
Immerhin: Heutzutage schafft es die aktuelle Kunst hier zu Lande nur selten, die Menschen nicht nur zu beeindrucken, sondern auch zu ändern. Für die meisten der 1 001 anreisenden Chinesen aber ist bereits ein Märchen wahr geworden. Ihr Leben hat sich mit dem Ausflug ins Ausland schon heute entscheidend verändert. Die Wahrnehmung der Documenta-Reporterin auch. Wo auch immer sie ansteht, Brötchen kauft oder Kunst betrachtet: Wenn sie Chinesen sieht, drängt sich jedes Mal die Frage auf, ob es Ais Leute sind oder junge Orchestermusiker, studierende Kinder von China-Restaurant-Betreibern oder „nur“ Kunstsammler aus Taiwan auf ihrem Kassel-Trip zwischen der Biennale von Venedig und der Art Basel.
12. Documenta:
Öffnungszeiten: 16. Juni bis 23. September 2007, täglich 10 bis 20 Uhr
Kosten: Tageskarte ab 18 Euro, Zweitageskarte 27 Euro, Gruppenkarte (ab 10 Pers.) 14 Euro
Veranstaltungsorte: Museum Fridericianum, Documenta-Halle, Neue Galerie, Aue-Pavillon, Schloss Wilhelmshöhe
Lektüre: Kurzführer: 25 Euro; Bilderbuch: 39,99 Euro (Taschen Verlag)


