Um Teil dieses prozesshaften Kunstwerks zu werden, war es wichtiger, einen Pass zu besitzen. „90 Prozent hatten keinen“, erzählt der Künstler, der beim Reden gern wie ein Buddha einen Arm vor dem gerundeten Leib verschränkt. Bauern, Studenten, Lehrer und Ingenieure mussten sich ihren Pass erst auf Zeit raubenden Behördengängen besorgen – und dabei nachweisen, dass sie in keinem Strafregister erfasst sind.
Ai ist 49 Jahre alt und Kind von Dissidenten. Geprägt hat ihn die Kulturrevolution: „Ich bin mit Massenauftritten und Klassenkampf aufgewachsen.“ Er erzählt es, wie alle anderen Details, ruhig und konzentriert, wie jemand, der täglich mehrere Interviews gibt. So entsteht der Eindruck, als sei ihm das Dirigieren von Massen in die Wiege gelegt worden.
Doch sein Auftritt als Initiator eines Kunstprojekts, dessen Formen offen und dessen marktfähige Relikte noch unbestimmt sind, ist neu. Bislang jedenfalls ist Ai als Bildhauer und Installationskünstler in Erscheinung getreten, der sich alle Gattungen aneignet. Bekannt geworden ist der Erfolgreiche, der Sammler in aller Welt begeistert, etwa mit kniehohen Skulpturen aus Edelhölzern, die die Form von Chinas Grenzen nachzeichnen. Auf der diesjährigen Documenta baut er zudem einen neuen Tempel im Freien aus alter Bausubstanz, die aus verschiedensten Quellen stammt, und verteilt zusätzlich 1 001 restaurierte Qing-Stühle auf die Ausstellungsorte. Doch mit „Fairytale“ ist der Experimentator erstmals Regisseur von 1 001 Chinesen auf ihrem ersten Trip in die Freiheit. Und die ist letztendlich nicht zu kontrollieren.
Den Kunstflaneur aus dem Westen mag Ais Experiment an Joseph Beuys erinnern. Denn der gewitzte Kunstprofessor aus Düsseldorf ließ beispielsweise zwischen 1982 und 1987 in der Documenta-Stadt 7 000 Eichen pflanzen: für ein besseres Stadtklima und die Bürger. Beuys, der Kunstschamane, brachte die Kunst aus den heiligen Hallen der Musentempel auf die Straße. „Soziale Plastik“ nannte er seinen Ansatz, den Bürger im Alltag in Kunst zu verwickeln und zum Nachdenken über die Gesellschaft anzuregen.
Ai Weiwei sagt, er habe bei „Fairytale“ nicht an Beuys gedacht. Aber: „Kunst besteht immer aus Selbstreflexion und sozialem Wandel.“ Und das ist der Punkt: Weltveränderung durch Kunst. Hier treffen sich Beuys, Buergel und Ai.
Welche Rolle spielt der Zufall bei seinem offenen Kunstexperiment in Kassel? „Eine so große wie im Leben“, sagt Ai. „Die Teilnehmer machen keine Performance. Ich platziere sie nicht. Es geht um spontane Kommunikation und Konfrontation der Kulturen – auch jenseits der Sprache.“
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