Die 1 001 Erwählten reisen in fünf Gruppen à 200 Menschen für acht Tage an. Sie übernachten und essen in ehemaligen Industriehallen – in einem Schlafsaal für 100 Frauen und einem für 100 Männer, mit Stoffbahnen hübsch eingeteilt in Zehnergruppen. Dass der Putz von der Decke bröckelt, stört hier niemanden.
Und wie fühlt sich Fang Fang als Teil eines Kunstprojektes? „Das kann ich noch nicht sagen“, räumt der junge Galerist zum Seitenwechsel ein. „Dazu brauche ich noch Zeit.“ Entschieden ist aber sein Eindruck von Kassel: „Es ist so leer hier, so grün und so ruhig.“
Ai, der Künstler und Designer, der Kurator und Kritiker lässt für die Besucher aus dem Fernen Osten chinesisches Essen kochen, stattet sie mit Prepaid-Karten, einem Stadtplan in Mandarin und sprachkundigen freiwilligen Helfern aus. Doch zumindest Fang, Yu und Xuan gehen lieber auf eigene Faust. Auch das von Ai entworfene T-Shirt, das sie als Teilnehmer des Experiments markierte, lassen sie im Koffer. Nur nicht auffallen. Und wenn es mit der Verständigung nicht klappt? Die Mittdreißiger lachen: „A smile!“
Die Teilnehmer des Kunstprojekts sollen mit wachem Bewusstsein und ruhigem Geist den Kasselanern und Documenta-Gästen aus aller Welt begegnen. „Aber was letztlich alles geschieht, ist nicht auszumalen.“ Die braunen Augen des fließend englisch parlierenden Ai blitzen auf, denn hier berührt das Experiment den Kern aller Kunst: die Freiheit.
Im Zentrum des Projekts steht die Erfahrung von Verstehen und Missverstehen. Jedem Teilnehmer sollen die Augen geöffnet werden. Wie weit dürfen sie gehen? „Sie dürfen alles tun, was gesetzlich ist“, sagt Ai. Wenn sich ein soeben von den Restriktionen des chinesischen Kommunismus befreiter Teilnehmer dann aber hier zu Lande in die individuelle Freiheit absetzt, kann auch der Künstler nichts dagegen tun. „Ein Risiko wie in der Liebe“, sagt Ai – und schmunzelt.
Das Multitalent Ai Weiwei, das 1993 nach zwölf Jahren in den USA nach Bejing zurückkehrte, ist erfolgsverwöhnt: Auf Kunstausstellungen und -messen ist er ebenso vertreten wie in der Architektur. In Beijing baut er mit dem renommierten Architektenduo Herzog und de Meuron das neue Olympiastadion. Und so trägt die Realisierung des Projektes „Fairytale“ in der Stadt der Gebrüder Grimm auch märchenhafte Züge. In der Kunst geht es zwar darum, Grenzen zu überwinden. Aber Produktions-, Reise- und Verpflegungskosten für so viele Menschen können da leicht zum Hindernis werden.
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