Ai kalkulierte stattliche 3,1 Mill. Euro für seine drei Documenta-Beiträge. Das offizielle Budget der 100-Tage-Ausstellung aber reicht hinten und vorn nicht für sämtliche Kunstkosten. Keine Chance für so ein ausuferndes Projekt – zunächst. Als stünde Ais Skript in „1 001 Nacht“, ließen sich die Millionen aber doch noch auftreiben. In nur zwei Wochen. Geschafft hat das Ais Galerist Urs Meile aus Luzern und Beijing.
Der Schweizer ist seit 15 Jahren ein seriöser Vermittler chinesischer Kunst. „Es hat gar nicht viel Überzeugungsarbeit gebraucht“, erzählt er. Denn die Menschen, die hinter der Erlenmeyer Stiftung und der Leister Foundation stehen, sind engagierte Kunstsammler und langjährige Kunden von ihm. Refinanziert wird das Investment über künstlerische Arbeiten, die Ai im Lauf der nächsten Jahre machen wird, aus Tausenden von Filmrollen, mit denen 16 junge chinesische Dokumentarfilmer seit fünf Monaten alles festhalten: die Vorbereitungen, die Interviews, die Reise, die Eröffnung der Documenta.
Vom Eingriff der Kunst ins bloße Leben gehen auch die beiden „Macher“ der Documenta 2007 aus, Roger Buergel und seine Frau, die Kunsthistorikerin Ruth Noack. Ihr Ansatz, dass Kunst das Leben des Einzelnen verändern soll, hat seine Wurzeln in der Romantik. Für starke ästhetische Reize haben sie deshalb den katalanischen Koch Ferran Adrià ebenso eingeladen wie die kroatische Künstlerin Sanja Ivekovic, die mit einem Mohnfeld an hessische und kroatische Soldatentode erinnert, und den thailändischen Kunstprofessor Sakarin Krue-On, der mit einem Reisfeld unterhalb von Schloss Wilhelmshöhe auf die Asien-Sehnsucht des Rokoko anspielt. Das wird dem breiten Publikum gefallen, den Kritikern vielleicht weniger.
Immerhin: Heutzutage schafft es die aktuelle Kunst hier zu Lande nur selten, die Menschen nicht nur zu beeindrucken, sondern auch zu ändern. Für die meisten der 1 001 anreisenden Chinesen aber ist bereits ein Märchen wahr geworden. Ihr Leben hat sich mit dem Ausflug ins Ausland schon heute entscheidend verändert. Die Wahrnehmung der Documenta-Reporterin auch. Wo auch immer sie ansteht, Brötchen kauft oder Kunst betrachtet: Wenn sie Chinesen sieht, drängt sich jedes Mal die Frage auf, ob es Ais Leute sind oder junge Orchestermusiker, studierende Kinder von China-Restaurant-Betreibern oder „nur“ Kunstsammler aus Taiwan auf ihrem Kassel-Trip zwischen der Biennale von Venedig und der Art Basel.
12. Documenta:
Öffnungszeiten: 16. Juni bis 23. September 2007, täglich 10 bis 20 Uhr
Kosten: Tageskarte ab 18 Euro, Zweitageskarte 27 Euro, Gruppenkarte (ab 10 Pers.) 14 Euro
Veranstaltungsorte: Museum Fridericianum, Documenta-Halle, Neue Galerie, Aue-Pavillon, Schloss Wilhelmshöhe
Lektüre: Kurzführer: 25 Euro; Bilderbuch: 39,99 Euro (Taschen Verlag)


