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06.10.2008 
Interview mit Paul Auster

„Kulturkampf erschüttert Amerika“

von Thomas Hanke und Regina Krieger
Der US-Schriftsteller Paul Auster sieht einen Krieg der Ideen in seiner Heimat toben. Foto: dpaLupe

Der US-Schriftsteller Paul Auster sieht einen Krieg der Ideen in seiner Heimat toben. Foto: dpa

Die USA sind eine Nation im Wandel. Paul Auster spricht mit dem Handelsblatt über Folgen der Finanzkrise auf das amerikanische Bewusstsein und den Wandel der Wirtschaftspolitik. Außerdem erklärt der US-Erfolgsautor, warum Barack Obama der bessere Präsident wäre.

In Ihrem neuen Roman "Mann im Dunkel" beschreiben Sie ein Amerika, das auseinanderbricht. Das "noble Experiment" sei gescheitert. Eine harte Aussage.

Die trifft der Protagonist des Buches, August Brill. Er stellt sich diese Situation vor. Ich selber würde nicht sagen, dass die USA am Ende sind. Wir sind in einer schlechten Verfassung. Mein Protagonist Brill geht da viel weiter, aber er ist nicht ich.

Und wie steht es für Paul Auster um das "noble Experiment" der offenen, gerechten, sozialen Aufstieg ermöglichenden Gesellschaft?

Amerika ist vor allem eine Gesellschaft, in der die Herrschaft des Rechts gilt. Denn darauf wurde unser Land gegründet. Mehr als irgendein anderes sind wir ein erfundenes Land, aus dem Nichts erschaffen. Wie bindet man so viele unterschiedliche Ethnien und Gruppen zusammen? Indem das Recht zum Monarchen gemacht wird und nicht irgendeine Person. Wenn die USA nicht mehr den eigenen Gesetzen folgen, beginnt das Land auseinanderzufallen. Und das ist geschehen: vom gestohlenen Wahlsieg 2000 bis zur Tatsache, dass Amerika das Verbot von Folter missachtet.

Wie ist es dazu gekommen?

Es gibt eine rechte, konservative Bewegung, die in den frühen 60er-Jahren stark geworden ist, ihren Höhepunkt unter Ronald Reagan erreichte und jetzt, unter Bush, im Niedergang begriffen ist. Ihr Argument war immer: Staatliches Handeln ist schlecht. Die einzigen Aufgaben einer Regierung sind Verteidigung und Militär. Das ist das Ideal einer Gesellschaft, in der es gar keine richtige Gesellschaft gibt: jeder für sich. Demgegenüber glauben Menschen wie ich daran, dass das Land auf liberalen Grundsätzen basiert, dass wir verantwortlich sind für andere, für unsere Welt.

In jedem Land gibt es Bürger, die weniger Staatseingriffe wollen.

In den USA geht der Konflikt weit über diese Frage hinaus. Ein regelrechter Kulturkampf erschüttert das Land. Der Prozentsatz fundamentalistischer Christen in den USA steigt. Im 21. Jahrhundert glaubt ein substanzieller Teil der Gesellschaft, dass die Welt an sechs Tagen erschaffen wurde. Sie wollen verbieten, dass die Evolutionslehre an den Schulen unterrichtet wird. Wie wollen Sie mit solchen Leuten reden, wenn Sie für die Freiheit der Wissenschaft eintreten? Wir sind in einem Krieg miteinander, in einem Krieg der Ideen, nicht der Kugeln.

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