Die USA sind eine Nation im Wandel. Paul Auster spricht mit dem Handelsblatt über Folgen der Finanzkrise auf das amerikanische Bewusstsein und den Wandel der Wirtschaftspolitik. Außerdem erklärt der US-Erfolgsautor, warum Barack Obama der bessere Präsident wäre.
In Ihrem neuen Roman "Mann im Dunkel" beschreiben Sie ein Amerika, das auseinanderbricht. Das "noble Experiment" sei gescheitert. Eine harte Aussage.
Die trifft der Protagonist des Buches, August Brill. Er stellt sich diese Situation vor. Ich selber würde nicht sagen, dass die USA am Ende sind. Wir sind in einer schlechten Verfassung. Mein Protagonist Brill geht da viel weiter, aber er ist nicht ich.
Und wie steht es für Paul Auster um das "noble Experiment" der offenen, gerechten, sozialen Aufstieg ermöglichenden Gesellschaft?
Amerika ist vor allem eine Gesellschaft, in der die Herrschaft des Rechts gilt. Denn darauf wurde unser Land gegründet. Mehr als irgendein anderes sind wir ein erfundenes Land, aus dem Nichts erschaffen. Wie bindet man so viele unterschiedliche Ethnien und Gruppen zusammen? Indem das Recht zum Monarchen gemacht wird und nicht irgendeine Person. Wenn die USA nicht mehr den eigenen Gesetzen folgen, beginnt das Land auseinanderzufallen. Und das ist geschehen: vom gestohlenen Wahlsieg 2000 bis zur Tatsache, dass Amerika das Verbot von Folter missachtet.
Wie ist es dazu gekommen?
Es gibt eine rechte, konservative Bewegung, die in den frühen 60er-Jahren stark geworden ist, ihren Höhepunkt unter Ronald Reagan erreichte und jetzt, unter Bush, im Niedergang begriffen ist. Ihr Argument war immer: Staatliches Handeln ist schlecht. Die einzigen Aufgaben einer Regierung sind Verteidigung und Militär. Das ist das Ideal einer Gesellschaft, in der es gar keine richtige Gesellschaft gibt: jeder für sich. Demgegenüber glauben Menschen wie ich daran, dass das Land auf liberalen Grundsätzen basiert, dass wir verantwortlich sind für andere, für unsere Welt.
In jedem Land gibt es Bürger, die weniger Staatseingriffe wollen.
In den USA geht der Konflikt weit über diese Frage hinaus. Ein regelrechter Kulturkampf erschüttert das Land. Der Prozentsatz fundamentalistischer Christen in den USA steigt. Im 21. Jahrhundert glaubt ein substanzieller Teil der Gesellschaft, dass die Welt an sechs Tagen erschaffen wurde. Sie wollen verbieten, dass die Evolutionslehre an den Schulen unterrichtet wird. Wie wollen Sie mit solchen Leuten reden, wenn Sie für die Freiheit der Wissenschaft eintreten? Wir sind in einem Krieg miteinander, in einem Krieg der Ideen, nicht der Kugeln.
Was sind die Folgen dieses Ideenkrieges?
Es gibt keine gemeinsame Verständigungsbasis mehr, wir marschieren zurück. Das Land fällt auch physisch auseinander. Brücken stürzen ein, Straßen verrotten. Wenn ein Wirbelsturm eine Stadt trifft, kümmert sich niemand darum, sie wieder aufzubauen. Wir haben nicht einmal mehr genügend Fleischkontrolleure. Die Inkompetenz triumphiert.
Dennoch basiert die ganze Kampagne von Obama im Grunde auf einem einfachen Appell: Lasst uns den amerikanischen Traum wiederbeleben! Das scheint nach wie vor ein sehr starkes verbindendes Ideal zu sein.
Ich glaube, er bezieht sich auf dasselbe wie ich: Wir müssen wieder eine tragfähige gemeinsame Basis schaffen. Obama buchstabiert aber nicht richtig durch, was er damit meint. Vielleicht hat das auch etwas damit zu tun, dass in Amerika niemand sagen will, er sei ein Liberaler, es ist fast ein Schimpfwort ...
... in den USA hat liberal eine andere Bedeutung als in Europa?
Richtig, aber die Demokraten müssten aufstehen und sagen: Das bedeutet Liberalismus für uns: soziale Sicherheit, Bürgerrechte, Medicare - lauter Dinge, auf die wir stolz sein können, statt uns dafür zu schämen.
Warum steht Obama in den Umfragen nicht besser da?
Weil er schwarz ist, das ist der einzige Grund. Angesichts der niederschmetternden Bilanz nach acht Jahren Bush, auf jedem Gebiet, sei es außenpolitisch oder wirtschaftlich, müssten die Demokraten einen Erdrutschsieg davontragen. Aber weil jetzt der Rassenfaktor dazukommt, habe ich keine Ahnung, wie die Wahl ausgehen wird.
Dann haben die Demokraten doch den falschen Kandidaten ausgewählt.
Es ist wirklich bemerkenswert, dass Obama die Präsidentschaftskandidatur gewonnen hat. Das ist ein Durchbruch. Und ich bin glücklich darüber, denn es beweist, dass Amerika große Fortschritte gemacht hat. Aber ob am Wahltag wirklich genügend Leute für ihn stimmen werden, weiß ich nicht.
Hat er die richtigen Eigenschaften für einen Präsidenten?
Er ist sehr intelligent, sehr selbstsicher, auch unter großem Druck bleibt er cool. Darin ähnelt er John F. Kennedy.
Unterstützen Sie Barack Obama im Wahlkampf?
Mein Frau und ich haben Geld für seine Kampagne gespendet, zu seiner Wahl aufgerufen, aber das bedeutet nicht viel. Die meisten Schriftsteller sind für Obama, aber Autoren haben in den USA keine große öffentliche Wirkung.
Sie haben gesagt, er hat seine Vorstellungen nicht richtig durchbuchstabiert. Was würde er denn ändern?
In den ersten vier Jahren muss er zumindest einen Teil der Trümmer beseitigen, die Bush hinterlässt. Wir sind international diskreditiert, Obama muss unseren Ruf wiederherstellen. Aber angesichts des Ausmaßes der Finanz- und Wirtschaftskrise weiß ich nicht, ob er die Möglichkeit zu großen Veränderungen haben wird. Dafür bräuchte er eine zweite Amtszeit.
Selbst in der Außenpolitik kann er aber keine komplette Kehrtwendung vollziehen, oder?
Natürlich können wir nicht von heute auf morgen den Irak verlassen, das muss schrittweise geschehen. Und der künftige Präsident muss mehr Truppen nach Afghanistan schicken, die Lage ist sehr gefährlich. Das ist eine der Sachen, die ich bei Bush nicht verstanden habe. Nach dem Sieg über die Taliban hätten wir umfangreiche Truppen dort stationieren und viel Geld aufwenden müssen, um das Land zu sichern und aufzubauen. Aber sie haben einfach die Soldaten abgezogen.
John McCain gilt als Kriegsheld, präsentiert sich als Entscheider mit außenpolitischer Erfahrung, und viele Amerikaner scheinen das zu mögen.
Er hat eine persönliche Tragödie erlebt, ist gefoltert worden. Daraus kann man allerdings keine besondere Eignung als Präsident konstruieren. Meiner Ansicht nach ist er unberechenbar. Er hat einen sehr sprunghaften Charakter, ist in manchen Situationen völlig unbeherrscht. Als Staatschef wäre er gefährlich.
Dennoch ist McCain in den Umfragen alles andere als abgeschlagen, erst in den letzten Tagen scheint Obama von der Krise zu profitieren.
Neben der Rasse spielt ein anderes Argument eine Rolle: Obama sei elitär. Hillary Clinton hat damit angefangen, McCain hat es aufgegriffen. Dabei kommt Obama von ganz unten: Sein Vater hat die Familie verlassen, seine Mutter lebte von Lebensmittelmarken. Nur weil er es auf eine gute Uni schaffte, wird er als elitär gebrandmarkt, und McCain, dessen Vater der Navy-Chef war, ist der volkstümliche? Ich kapier' das nicht mehr.
Dahinter steckt auch der Gegensatz zwischen der liberalen Stadt- und der konservativen Landbevölkerung. Kann ein neuer Präsident den überwinden?
Irgendwann muss das geschehen, und ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es klappt. Wahrscheinlich brauchen wir eine Krise dafür.
Die haben Sie jetzt.
Und man sieht schon die ersten Auswirkungen. Die Republikaner haben sich stets gegen Staatseingriffe gewandt, plötzlich muss der Staat die Banken retten.
Die Krise wird Ihrer Ansicht nach das Land verändern?
Ja. Das ist jetzt keine kurzfristige Reparatur mehr. Wir sehen hier Veränderungen, die in langen Zyklen verlaufen: Im 19. Jahrhundert war der wilde Kapitalismus das Leitbild, dann zu Anfang des 20. Jahrhunderts seine Zügelung, vor allem durch Teddy Roosevelt: Zerschlagt die Trusts. Mit Milton Friedman ging es wieder zurück in die andere Richtung, und gegenwärtig erleben wir das Ende dieser von Friedman und seinen Anhängern dominierten Epoche.
Die Stimmung dreht sich zugunsten einer größeren Rolle des Staates?
Ich bin mir nicht sicher, wie schnell und bis zu welchem Grad das gehen wird. Man liest jetzt öfters, dass wegen der staatlichen Bankenrettung die Leute auch offener seien beispielsweise für eine allgemeine Krankenversicherung. Aber davon bin ich nicht überzeugt. Viele Amerikaner haben noch immer Angst vor einem "sozialisiertem Gesundheitswesen" - selbst wenn wir gerade den Kapitalismus verstaatlichen!
Vielleicht fürchten sie, das kreative, produktive Amerika könne unter zu viel Staatseinfluss leiden?
Genau darum geht es, und es ist schwer, die richtige Balance zu finden. Aber in den letzten Jahren sind wir so weit in die falsche Richtung abgedriftet, dass die Menschen dringend eine Kurskorrektur wollen.
Paul Auster: der Mann des Düsteren
Paul Auster, der 1947 in Newark geboren wurde, ist seit seiner von 1985 bis 1987 geschriebenen New-York-Trilogie ein weltweit angesehener Schriftsteller. In seinen Romanen herrscht oft eine düstere, fast klaustrophobische Stimmung. Sein kürzlich erschienener Roman "Mann im Dunkel" (Rowohlt) ist sein politischstes Buch. Es setzt sich mit der Spaltung Amerikas seit der Wahl 2000 auseinander. Gerade hat er das Manuskript für einen neuen Roman abgeschlossen, aber Auster möchte darüber nicht mehr sagen, als dass es um einen Jugendlichen geht, der in den sechziger Jahren in den USA aufwächst.
Auster hat mehrere Jahre in Paris gewohnt und lebt mit seiner zweiten Frau Siri Hustvedt, ebenfalls eine erfolgreiche Autorin, in Brooklyn. In Berlin hat er vor einer Woche seinen zweiten Film vorgestellt. Damit kehrt er zu seiner Jugendliebe zurück: Mit 20 wollte er Film studieren, nahm aber davon Abstand, weil er sich selbst "zu schüchtern fand, um als Regisseur zu arbeiten".


