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15.11.2008 
Weight-Watchers-Paar macht in Kunst

Kunst in der Nische

von Markus Mittringer

Im Epizentrum der explodierenden Szene Pekings hat das belgische Weight-Watchers-Gründerehepaar Myriam und Guy Ullens ein Museum errichtet, das zeitgenössische chinesische Kunst zeigt. Aber heißt das nicht Eulen nach Athen tragen? Mitnichten!

Gemälde "Second Situation" des chinesischen Künstlers Geng Jianyi im Ullens Center for Contemporary Art in Peking. Foto: reutersLupe

Gemälde "Second Situation" des chinesischen Künstlers Geng Jianyi im Ullens Center for Contemporary Art in Peking. Foto: reuters

Ein langer Marsch: Aus einem Business-Trip nach Beijing, immerhin vor zwanzig Jahren, wird eine der größten Sammlungen zeitgenössischer chinesischer Kunst ebenda. Guy Ullens, damals Investor auf dem Weg in die Terra incognita, wollte eigentlich „nur“ Geschäfte machen. Baron Ullens, belgischer Millionär und Erfinder der Weight Watchers, sitzt im Restaurant „Super Gan Bei“ und schmunzelt bei dem Gedanken an die ersten Monate in der Metropole: „Eigentlich war es eine Diaspora. Ich hatte das Glück, einige Künstler kennenzulernen, und habe durch sie ein ganz anderes Peking entdeckt.“

Der vermögende Ullens ist keine Spaßbremse à la Dagobert Duck. Selbst heute, mit 71 Jahren, sieht man ihm noch an, dass der Grandseigneur mal das war, was man im Kölner Raum als „lecker Kerlchen“ bezeichnet. Für jemanden mit Sinn für das Savoir-vivre ist Peking immer noch kein Dorado. Riesige Stadtautobahnen durchschneiden die 15-Millionen-Megacity, am Straßenrand Hochhaussiedlungen, wie sie sich Corbusier für Paris erträumt hat. „Hier hat die Regierung umgesetzt, was dem französischen Architekten Gott sei Dank verwehrt wurde. Alte Viertel wurden dem Erdboden gleichgemacht, das Stadtbild hat sich zum größten Teil in einen Alptraum in Beton verwandelt“, erzählt Guy Ullens. Peking, das sind Betonköpfe der Regierung, verkrustete Strukturen und exotische Nischen, in denen sich das Kunstvolk tummelt.

Eine Nische hat Guy Ullens zusammen mit seiner Frau Myriam geschaffen. Das Sammlerpaar, das hauptsächlich in Genf lebt, hat ein Museum eröffnet, das zeitgenössische chinesische Kunst zeigt. Heißt das nicht Eulen nach Athen tragen? Guy Ullens zögert nicht mit der Antwort, die Frage scheint ihm obsolet: „Das Ullens Center for Contemporary Art, kurz UCCA, füllt ein Vakuum, denn hier gibt es kein Museum für aktuelle Kunst.“ Kaum vorstellbar, denn Peking ist auch die Hauptstadt der Künstler des Riesenreichs.

Im Epizentrum der explodierenden Kunstszene hat Guy Ullens sein Museum. Eilfertige Hostessen begrüßen die Gäste. Ein Einstellungskriterium scheint Kleidergröße 36 zu sein. Guy Ullens lacht über den Einwurf. Aber alles ist so smart und stylish, wie man es aus der europäischen Galerieszene kennt. Im Vorraum zum eigentlichen Museum, das 1951 als Munitionsfabrik von DDR-Ingenieuren gebaut wurde, post das Ehepaar geduldig vor Fotografen.

Es ist der Eröffnungsabend ihrer Ausstellung „Our Future“, aus den 1 500 Werken, die Guy Ullens sein Eigen nennt, hat Kurator Jérôme Sans 61 ausgewählt. Der Mann, zuvor Direktor des Palais de Tokyo in Paris, tritt auf wie ein Rock-Star. Knallenge Dior-Jeans, spitze 50er-Jahre-Retro-Schuhe und eine Brit-Popper-Mähne, steht er in der fast 1 000 qm großen Haupthalle (das ganze Gebäude hat 8 000 qm) und erklärt, was kaum zu erklären ist. „Chinesische Kunst erschließt sich Europäern nur schwer“, räumt er ein. Also hilft nur eins: auf das Bauchgefühl hören. Jedem intellektuellen Kunst-Connaisseur dreht sich dabei der Magen um.

Doch auch Guy Ullens verfährt bei Ankäufen nicht anders. Die Werke sprechen ihn an – oder eben nicht. Wertanlage? Fehlanzeige. Zumindest nicht als Initialzündung: „Als ich begonnen habe zu sammeln, waren die meisten Künstler nicht auf der Landkarte der Szene zu finden“, sagt Guy Ullens. Es ist das Privileg der privaten Sammler, ein subjektives Konvolut zusammenzustellen, das sich (oft) erst im Nachhinein auch im kunsthistorischen Sinn als bleibend erweist. Bei den Ullens hängen (und stehen) Werke, die, so man die Bedeutung von Kunst in harte Währung übersetzten will, wertvoll sind. Yue Minjun ist so ein Shooting-Star der chinesischen Zeitgenossen. 1998 verkaufte er Gemälde aus seinem Atelier für ein paar Tausend Dollar, 2008 hat Sothebys sein „Massacre of Chios“ für 4,1 Millionen Dollar versteigert.

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