0 Bewertungen
09.01.2008 
Der Maler Heinrich Zille

„Lach Dir nen Ast und setz Dir druff“

von Martin Roos

Da können Willy Brandt, Marlene Dietrich und Herbert von Karajan nicht mithalten. Zwar sind auch sie Ehrenbürger Berlins, doch der Hauptstadt populärster Sohn bleibt der Maler Heinrich Zille (1858 bis 1929). Der „Pinselheinrich“ wäre morgen 150 Jahre alt geworden. Bereits vier Denkmäler erinnern an ihn. Das fünfte folgt morgen.

DÜSSELDORF. Im Nikolaiviertel in der Nähe des Zille-Museums darf die Öffentlichkeit ihn dann als Sandsteinfigur bestaunen. Die Beliebtheit verdankt Zille seiner Volksnähe. Kein anderer Künstler hatte zu Anfang des 20. Jahrhunderts bis in die Zeit der Weimarer Republik die Abgründe Berlins so sozialkritisch und gleichzeitig humorvoll zeichnerisch dokumentiert wie Zille. Seine Beschreibungen des proletarischen „Milljöhs“, seine Humoresken und spöttischen Anekdoten wollten anecken, vor allem in den wilhelminischen Amtsstuben. Jedes seiner Werke bildet eine Einheit aus Bild und Text – Untertitel in schnodderigem Berliner Jargon. Dass die Zeichnungen wie dahingeworfen wirken, macht ihre Meisterschaft aus. Käthe Kollwitz, die lange mit Zille befreundet war, bringt seine Kunst auf den Punkt: „Ein paar Linien, ein paar Striche, ein wenig Farbe mitunter – und es sind Meisterwerke.“

Früh ließ sich der junge Heinrich, Sohn eines Uhrmachers und einer Bergmannstochter, von den Stichen des englischen Malers William Hogarth (1697 bis 1764) inspirieren. Noch auf der Schule nahm Zille Zeichenunterricht. Als Vierzehnjähriger fing er eine Lehre als Lithograph in Berlin an. Dass sich im gleichen Haus ein zwielichtiges Lokal befand, war sein Schicksal. Denn dort beobachtet er nicht nur Saufgelage, sondern auch Kellner, die besoffene, dicke Huren über den Stuhl hängten und auf deren entblößtem Hintern Dauerskat kloppten. Szenen, die Zille Jahre später variantenreich in seinen „Milljöh“-Zeichnungen verarbeitete.

Dass er seine Motive vor allem auf der Straße suchte, verdankte er seinem Mentor, dem Maler Theodor Hosemann, selbst ein präziser Beobachter des Altberliner Spießers. Er riet Zille: „Gehen Sie lieber auf die Straße hinaus, ins Freie, beobachten Sie selber, das ist besser, als wenn Sie mich kopieren. Ohne Künstler werden zu wollen, können Sie Zeichnen im Leben immer gebrauchen; ohne Zeichnen zu können, sollte kein denkender Mensch sein.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Darstellungen bringen Sittenwächter auf die Barrikaden.

Zille zeichnete nach der Jahrhundertwende für erlesene Zeitschriften wie den „Simplicissimus“ oder die „Jugend – Münchner Illustrierte Wochenschrift für Kunst & Leben“. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges erschienen sein Bildband „Mein Milljöh“ und die Zyklen „Berliner Luft“ und „Hurengespräche“. Schnell brachte die ungeschminkte Darstellung von Prostituierten und Pornografie die Sittenwächter der Stadt auf die Barrikaden. Doch Zille blieb gelassen. „Gibt Dir das Leben eenen Knuff, dann weene keene Träne. Lach Dir nen Ast und setz Dir druff und baumle mit die Beene“, setzte er als Wahlspruch unter eines seiner Bilder.

Der Erfolg gab ihm recht. Für Kurt Tucholsky war er „die reinste Inkarnation Berlins“: „Du kennst den janzen Kleista – den ihr Schicksal: Stirb oda friß! Du warst ein jroßa Meista. Du hast jesacht, wies is“, urteilte der Schriftsteller über den Maler Zille.

Auf Empfehlung seines Freundes Max Liebermann wurde Zille, der „Raffael der Hinterhöfe“, schließlich zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste benannt. Fünf Jahre später starb er.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne

Beiträge zum Thema

Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Die beliebtesten Wohnorte der Topverd...

    Die beliebtesten Wohnorte der Topverdiener

    Welche Gebiete locken die meisten Wohlhabenden an? Wo wohnen die Besserverdienenden in Deutschland am liebsten und welche Teile Deutschlands werden eher gemieden? Das Nürnberger Marktforschungsunternehmen GfK hat untersucht, welches die begehrtesten Städte der Wohlhabe...Bildergalerie 

  • Wie die Deutschen Flagge zeigen

    Wie die Deutschen Flagge zeigen

    Die CDU möchte die deutsche Sprache im Grundgesetz verankern. Der Parteitagsbeschluss fachte bundesweit eine neue Patriotismus-Debatte an. Worüber debattiert wird, kann auch im Haus der Geschichte in Bonn besichtigt werden – in der Ausstellung „Flagge zeigen? Die Deut...Bildergalerie 

  • Der Palast der Republik ist Geschicht...

    Der Palast der Republik ist Geschichte

    Nach jahrelangen Verzögerungen und auch Hindernissen in den vergangenen Tagen fiel am Dienstag das letzte Treppenhaus dem Abrissbagger mit seinem 40 Meter langen Greifarm zum Opfer. Karl Marx und Friedrich Engels sahen weg, als hinter ihrem Rücken nach jahrelanger Verz...Bildergalerie 

vor