3 Bewertungen ****
04.07.2008 
Kunstmarkt

Markt für Milliardäre

von Matthias Thibaut

Ein Rekordpreis jagt den nächsten und ein Ende ist nicht in Sicht. Moderne Kunst ist bei den Londoner Auktionhäusern derzeit so beliebt wie nie. Durch die starke Nachfrage insbesondere aus Russland und Asien könnten die Preise weiter steigen.

Jeff Koons Chromskulptur "Balloon Flower" erreichte einen Rekordpreis von 16,3 Mill. Euro. Foto: ReutersLupe

Jeff Koons Chromskulptur "Balloon Flower" erreichte einen Rekordpreis von 16,3 Mill. Euro. Foto: Reuters

LONDON. Londons Auktionsserie der Superlative zeigte, dass bei der besten Kunst immer noch die Verkäufer die Preise machen. Wieder einmal war die Unsicherheit der Aktienmärkte eine Stütze des Marktes. Rezessionsresistente Superreiche legen ihr Geld weiterhin in Kunst an und lassen sich durch nichts von Höchstgeboten abschrecken.

Es war ein Triumph für den Standort London. Die zweiwöchige Serie meisterte die magische 1-Milliarde-Dollar-Grenze, Christie's Impressionistenauktion übertraf den New Yorker Mai-Umsatz und bewies mit der Sammlung Miller, dass sich hochkarätige amerikanische Sammlungen hier glänzend verkaufen lassen. Nun unterstrich am 30. Juni ein Rekordpreis für den amerikanischen Kitschmeister Jeff Koons, dass hier die Bieter aus dem Nahen Osten, Russland und Asien aktiv sind. Sie geben nun zunehmend den Ton an.

Wie erstaunlich viele Lose in dieser Contemporary-Woche hatte Koons tonnenschwere Chromskulptur "Balloon Flower (Magenta)" aus der Sammlung Rachofsky, Dallas, den Rekordpreis bereits in die Taxe einprogrammiert: 12,9 Mill. Pfund oder 25,8 Mill. Dollar (16,3 Mill. Euro) brachte das Werk, das im St.James's Park aufgebaut und rund um die Uhr nachpoliert wurde, bequem über den bisherigen Rekord von 23,6 Mill. Dollar (für das Magenta-Valentinsherz in New York).

Später sorgte Koons Galerie Gagosian für einen Rekord für ein Gemälde. "Auto, 2001" kostete 2,5 Mill. Pfund. "Wir sehen nicht die geringsten Anzeichen einer Abschwächung", sagte Christie's-Chef Ed Dolman nach der Auktion, die mit einer Einnahme von 86 Mill. Pfund einen Hausrekord aufstellte, der dann am nächsten Abend bei Sotheby's mit 94,7 Mill. noch übertroffen wurde. Aber Dolman meinte den Markt der Milliardäre.

In der Tagauktion fielen dann die Rückgangsraten mit 33 Prozent noch einmal eine Schraubendrehung höher aus als im Februar. Mag bei der Multimillionen-Kunst für Milliardäre das Geld locker sitzen, im Segment der wohlhabenden Mittelständler, Ärzte und Rechtsanwälte wird vorsichtiger geboten. "Käufer, die nur eine halbe Million Dollar für Kunst ausgeben können, werden nervös", resümierte der Pariser Kunstberater Hugues Joffre.

Die Contemporary Serie begann nämlich wacklig, als Phillips de Pury am 29. Juni hoch taxierte und riskant garantierte Kunst versteigerte, und die Rückgangsraten auf über ein Drittel stiegen. In der Tagauktion wurde nach Wert nur 50 Prozent abgesetzt. Viele Prestigelose wurden nur knapp verkauft, auch der Geheimtipp der Auktion, Zeng Fanzhis Mao-Gemälde "Chairman Mao II" (2,2 Mill. Pfund).

Ein Lichtblick für Phillips de Pury war ein früher Willem de Kooning, den Händler Ivor Braka auf die doppelte Taxe steigerte: 3,5 Mill. Pfund oder 4,4 Mill. Euro.

Wer glaubte, diese wacklige Ouvertüre würde auf die Abendauktionen abfärben, täuschte sich. "Die Sammler sind objektbezogen und lassen sich dadurch nicht beirren. Für diese hohen Preise reichte die Qualität einfach nicht aus", sagte Kunstberater Jörg-Michael Bertz aus Düsseldorf. Er hatte recht.

Francis Bacon bleibt begehrtester Künstler der Saison. Bei Christie's überraschte ein Triptychon mit etwas über Din-A4-Format großen, verdrehten Selbstporträts. Vier Bieter wollten das nicht exzeptionelle Werk. Christie's Expertin Pilar Ordovaz bot 17,3 Mill. Pfund oder 21,8 Mill. Euro. Sie agierte am Telefon offenbar auf Anweisung des New Yorker Händlers Tony Shafrazi, der den Nachlass von Bacon vertritt.

Bei Sotheby's war das körnig gemalte Porträt von Bacons Lover George Dyer (Taxe um 8 Mill. Pfund) am attraktivsten: Ein Telefonkäufer wurde von einer Gruppe südostasiatischer Saalbieter auf 13,8 Mill. Pfund (17,3 Mill. Euro) gesteigert. Dagegen ging der Bacon, nach dem sich Museumsdirektoren die Finger geleckt hätten, eine verdrehte und gequälte Figur, bei 10 bis 15 Mill. Pfund zurück. Bacon kann was kosten, aber auch er muss gefällig sein.

Stütze von Sotheby's Abendauktion waren zwölf Lose der Sammlung Lauffs, die zusammen die Schätzung auf 19 Mill. Pfund verdoppelten. In den letzten Reihen saß die Erbengemeinschaft Lauffs, angeführt von der 90-jährigen Sammlerwitwe Helga Lauffs, und während Yves Kleins Anthropométrie "ANT 131", auf 900 000 Pfund geschätzt, in 100 000 Pfund-Schritten höher gesteigert wurde, ging ein freudiges Lächeln über die Gesichter der Enkelinnen. 4,2 Mill. Pfund (5,2 Mill. Euro) bezahlte ein Telefonkäufer gegen ein Züricher Sammlerpaar, das für "ANT 2" bereits 2,2 Mill. Pfund bewilligt hatte. Das rote Schwammbild "Re 3" brachte 3,2 Mill., und Händler Anthony Meier aus San Francisco bezahlte 1,9 Mill. Pfund für Piero Manzonis flauschiges "Achrome".

Künstler, um die es eine Weile ruhig war, machten Rekordsprünge, wenn wichtige Werke mit vernünftigen Taxen angeboten waren: Antony Gormleys Modell für den monumentalen "Angel of the North" mit über 5 Metern Flügelspannweite (2,2 Mill. Pfund, Taxe bis 800 000 Pfund) oder Marlene Dumas Großformat "The Visitor", ihr wichtigstes Werk in einer Auktion seit fast drei Jahren. Es war weit unter ihrem Höchstpreis attraktiv taxiert und verdreifachte die Schätzung mit 3,1 Mill. Pfund.

Was dagegen bereits auf Rekordniveau taxiert war, wurde nur zögerlich übernommen: Richard Prince "Overseas Nurse" für 4,2 Mill. Pfund an den Händler Jose Mugrabi oder der Basquiat der Popgruppe U2, für den ein Buchgebot für 5,1 Mill. Pfund vorlag. Auch bei Bridget Rileys "Chant 2" aus der Fürther Sammlung Hoh wurde der Bieteifer durch die hohe Taxe gebremst. Riley machte erst vor einem Jahr den Sprung über die 500 000-Pfund-Grenze. Nun brachte das Streifenbild 2,5 Mill. Pfund.

Bei Christie's waren ein Nicholas de Stael (1,7 Mill. Pfund) und Gilbert & Georges subtiles Werk "To her Majesty" die Ausreißer. Taxiert auf 400/600 000 Pfund, wurde es gegen den New Yorker Händler Robert Mnuchin auf 1,8 Mill. Pfund gesteigert. Fontanas rosafarbenes "Fine di Dio" wurde dagegen Opfer der Hochpreispolitik: Erst im Februar waren die Preise für Fontana gigantisch vorangeprescht, die Taxe mit 8 Mill. Pfund war nun einfach zu hoch. Sogar bei Lucian Freuds "Akt mit Reflexion" folgten die Käufer der Preisangabe von 10 bis 15 Mill. Pfund nur zögernd. Es ist nun mit 11,8 Mill. Pfund zweitteuerstes Gemälde Freuds.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Der Palast der Republik ist Geschicht...

    Der Palast der Republik ist Geschichte

    Nach jahrelangen Verzögerungen und auch Hindernissen in den vergangenen Tagen fiel am Dienstag das letzte Treppenhaus dem Abrissbagger mit seinem 40 Meter langen Greifarm zum Opfer. Karl Marx und Friedrich Engels sahen weg, als hinter ihrem Rücken nach jahrelanger Verz...Bildergalerie 

  • Die Top Ten der Kommissare

    Die Top Ten der Kommissare

    Es ist die älteste deutsche Krimireihe, und zieht doch immer noch Millionen von Menschen jeden Sonntag in ihren Bann. Am 29. November 1970 wurde die erste „Tatort“-Folge ausgestrahlt, seitdem haben über 70 Kommissare ermittelt. Welche der aktuellen Ermittlerteams am be...Bildergalerie 

  • Schlammlawine verwüstet Bergdorf

    Schlammlawine verwüstet Bergdorf

    500 Jahre war er inaktiv. Im vergangenen Jahr regte sich der Vulkan Nevado del Huila im Südwesten Kolumbiens erstmals wieder. Am Wochenende kam es dann zur Katastrophe, als sich Schlammmassen vom Hang des Vulkans zu Tal wälzten.Bildergalerie 

vor