Keine Frage: Hörbücher boomen. Und immer mehr Menschen holen sich ihre Literatur aus dem Internet. Die Zielgruppe der Anbieter sind „Menschen ohne Zeit“. Und so ist der typische Hör-Leser männlich, jung – und mobil.
Der vierjährige Niclas ist noch etwas zu jung, um in die Zielgruppe der Hörbuch-Anbieter im Internet zu passen. Foto: dpa
DÜSSELDORF. Was ist mit der zwölfjährigen Josy geschehen, die unter mysteriösen Umständen verschwand? Wurde sie entführt? Was ist los mit ihrem Vater, dem berühmten Berliner Psychiater Viktor Larenz? Wird er selbst zum Opfer seines Psychoduells mit der unbekannten Frau, die er behandelt, die unter Wahnvorstellungen leidet und die von Josys Verschwinden weiß? Sechs Stunden und sieben Minuten dauert es, bis sich das Rätsel löst – mit einem haarsträubenden Finale. So lang ist die Spielzeit des Hörbuchs „Die Therapie“ von Sebastian Fitzek in der ungekürzten Version.
„Die Geschichte ist richtig gut und bei uns seit einem Jahr der Top-Renner“, sagt Arik Meyer, Geschäftsführer der Münchener Audible GmbH. „Wir sind durch Internetrezensionen auf das Buch gestoßen.“ Mehr als 100 begeisterte Leser hätten den 2006 im Knaur Verlag erschienenen Krimi in den höchsten Tönen gelobt. „Endlich mal kein blutiger, sondern ein sehr, sehr gut aufgebauter psychologischer Thriller“, schrieb ein Fan. „Da war das Buch in den Buchhandlungen noch gar nicht bekannt“, sagt Meyer.
„Die Therapie“ und Fitzeks Nachfolge-Thriller „Das Amokspiel“ haben wie alle Krimis die meisten Downloads bei audible.de zu verzeichnen. Das Münchener Unternehmen, ein Joint Venture von Audible, Inc., Holtzbrinck Ventures GmbH, Random House (Bertelsmann) und Lübbe, hat schon 2004 einen neuen Lesertrend erkannt und bietet seitdem Hörbücher zum Herunterladen im Internet an, entweder im Einzelverkauf oder im Abonnement.
Noch ist die Größenordnung bescheiden – auf rund 95 000 neue Bücher pro Jahr kommen nur rund 2 000 Hörbuch-Neuerscheinungen –, doch aus den allerneuesten Zahlen lässt sich gleich ein doppelter Trend ablesen: Einmal haben Hörbücher Zuwachsraten, die nicht ohne sind. Eine Delle Anfang des Jahres, die die Rekorde von 2006 schmälerte, ist wieder aufgefüllt. Im Oktober stieg der Umsatz bei Hörbüchern im Vergleich zum Vorjahr um fünf Prozent, wie der „Branchen-Monitor Buch“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels meldet. Allein im ersten Halbjahr wurden fünf Millionen CDs verkauft. Zum Vergleich: Bei den Taschenbüchern ging der Oktober-Umsatz um 5,7 Prozent zurück.
Zum anderen holen immer mehr Menschen sich ihr Buch aus dem Internet, es gibt in Deutschland rund 20 Portale. Krimis und Science-Fiction-Hörbücher sind die Spitzenreiter unter den rund 6 000 deutschsprachigen Titeln, die Marktführer audible.de im Programm hat.
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Gleich auf die Krimis folgen Ratgeber. „Werke über nutzwertige Themen, die beruflich und persönlich weiterbringen, sind bei uns bei den Hörbüchern Top-Titel“, sagt auch Brigitte Hort vom Frankfurter Campus-Verlag. Reinhard K. Sprengers „Business Classics“, sechs CDs mit 420 Minuten Spielzeit, gehört dazu, ebenso wie der Longseller „Simplify Your Life“. Campus hat seit 2002 Hörbücher im Programm, die für den Verlag produziert werden, und arbeitet mit audible.de zusammen. Meist erscheinen Buch und Hörbuch gleichzeitig. Der nächste programmierte Bestseller kommt im März 2008 heraus: „Raus aus der Komfort-Zone – rein in den Erfolg“ von Sabine Asgodom.
Warum kommt die Belletristik bei den Downloads erst an dritter Stelle? Die Antwort ist im User-Profil zu finden und bestätigt altbekannte Weisheiten: Frauen kaufen lieber schöne Hörbücher, Romane, Erzählungen. Lyrikbände, freuen sich über die Hülle, verschenken die CDs oder hören sie zu Hause zur Entspannung. Männer stehen auf das schnelle Laden auf MP3-Player oder iPod. Der typische Hör-Leser ist 39 Jahre alt, männlich, Akademiker und mobil, ergab eine unabhängige Studie über den Hörbuch-Markt, die Audible zusammen mit anderen Anbietern durchführen ließ.
„Unsere Zielgruppe sind Menschen ohne Zeit“, bestätigt Meyer, „passionierte Vielhörer, die Wartezeiten auf Reisen oder zwischen Meetings nutzen, um sich weiterzubilden oder bei den Neuerscheinungen mitreden zu können.“ Menschen ohne Zeit zum Lesen, aber mit mehr Zeit zum Hören, denn die meisten Download-Kunden suchen nach ungekürzten Versionen wie bei der „Therapie“.
Keine Frage, Hörbücher boomen, vor allem in diesem Jahr. Auf der Frankfurter Buchmesse zeigten mehr als 700 deutsche und internationale Aussteller ihre neuen Produktionen. 120 Verlage gehören zur „Arbeitsgruppe Hörbuchverlage“ des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, neue Fachmagazine wie „hör-Bücher“, „Hörbuch Report“ und mehrere Radiosender bringen Bestseller-Listen und Hörbuch-Rezensionen. Die Produktionen werden immer aufwendiger, Regisseure leiten die Aufnahmen, es gibt dramaturgische Effekte, Musik und vor allem prominente Vorleser: Martin Walser hat für den Hörverlag seinen Roman „Ein fliehendes Pferd“ auf drei CDs selbst gesprochen, gerade erschienen sind Joschka Fischers „Rot-grüne Jahre“, in der gekürzten Fassung über 280 Minuten lang und von ihm persönlich vorgelesen.
Die Download-Portale setzen auf ungekürzte Versionen, die ihre Kunden hauptsächlich verlangen. „Zweieinhalb Jahre haben wir für die erste Million Downloads gebraucht“, sagt Audible-Chef Meyer zu den Perspektiven seiner Branche, „die zweite kommt in den nächsten zwölf Monaten.“
- Sebastian Fitzek: Die Therapie, Lübbe Verlag /Audio, Bergisch Gladbach 2007, 4 CDs, 12 Euro
- Reinhard K. Sprenger: Sprenger Business Classics, Campus, Frankfurt 2007, 6 CDs, 29,90 Euro
- Joschka Fischer: Die rot-grünen Jahre, Der Hörverlag, München 2008, 4 CDs, 24,95 Euro


