Körpergeruchs-Lyrik stürmt derzeit die Bestseller-Listen. In einem "Essence de rêve"-Seminar in Sachsen-Anhalt können Sie jetzt ihr eigenes Parfum kreieren. Vier mal im Jahr treffen sich olfaktorisch Gleichgesinnte am Forellensee im historischen Ilsenburg, um mehr über "Die Enthüllung der Düfte" zu erfahren.
Unparfümiert mache ich mich auf meine Reise in den Harz. Nein, nicht dass Sie mich falsch verstehen, gesellschaftsverträglich geduscht bin ich schon, und riechen tue ich auch nicht streng. Aber ich möchte sozusagen duftneutral an einem "Essence de rêve"-Seminar im historischen Ilsenburg teilnehmen. Der junge Goethe und Heinrich Heine reisten auch schon in den Harz, Hans Christian Andersen und der Romantiker Joseph von Eichendorff ebenfalls - aber die kamen zum Dichten und wegen der Lebenserfahrung und nicht, um an einem Parfumworkshop namens "Traum-Essenzen" teilzunehmen. Ich will alles drei.
Der Kursus findet in dem von den Dichterfürsten geweihten Landhaus "Zu den Rothen Forellen" statt. Vier mal im Jahr treffen sich olfaktorisch Gleichgesinnte am idyllischen Forellensee in Sachsen-Anhalt, um mehr über "Die Enthüllung der Düfte" zu erfahren.
Ich gehöre zu den 50 Prozent der "Wessis", die die Fahrt zum legendären Brocken angetreten haben. Sie wissen: der Hexentreff in der Walpurgisnacht. Aber "Wessis" oder "Ossis", alle kommen aus Mittel- oder Norddeutschland. Den Gesamtdeutschen aus dem Süden liegt wohl nichts an der Eigenduftoptimierung.
Und Männern offenbar auch nicht. An unserem Kurs nehmen zehn Personen zwischen 25 und 65 Jahren teil, neun Frauen und ein (Ehe-)Mann. Niels hat es seiner Nina zur Hochzeit überreicht und wollte nicht kneifen. "Meine Schwiegertochter hat es mir zum Geburtstag geschenkt, meine Freundin mir zum 30., ich habe es von meinen Kindern bekommen ..." Anne, Angela und Stephanie berichten von großzügigen Geschenken, denn schließlich kostet der Tagesworkshop 213 Euro und das Wochenenderlebnis schlägt bei zwei Übernachtungen mit 624 Euro zu Buche. Fast alle haben die Idee dazu auf einer Website für Geschenktipps unter "Wohltuende Erlebnisse ab 29" gefunden.
Die Damen haben sich fein gemacht, der Schmuck funkelt, die grauen Locken sind onduliert und die Fingernägel frisch manikürt. Im Tagungsraum fünf treffen wir an einem großen Tisch zusammen. Ein bisschen sieht es aus wie bei einem monatlichen Vertretertreffen. Jeder hat an seinem Platz einen Notizblock, ein Laborglas, ein Schälchen mit Kaffeebohnen zur Neutralisierung der aromastrapazierten Nase und eine leere Sprayflasche, in dem das Ergebnis des Duft-Workshops dann die Heimreise antreten kann.
Christian Woll, unser Seminarleiter, kurzärmliges Hemd und Krawatte, hat "schon mal was vorbereitet". Das Flipchart ist aufgebaut, daneben hängt eine Parfüm-Genealogie. "Leider sind die jüngsten Parfüms darauf von 1995", bedauert er. Das Bedauern sollte ihm von Herzen kommen, denn seither hat sich viel getan auf dem dynamisch wachsenden Mark der Düfte, denke ich.
Auf seinem Tisch stehen Pipettenfläschchen mit der Aufschrift Muscy, Floral, Spicy, Woody, Leathery, Animalic und anderen wohlklingenden Bezeichnungen. Doch der Vormittag ist der Theorie gewidmet, aber keineswegs grau.
Die Geschichte des Parfüms ist schnell erzählt: Sie begann vor 5 000 Jahren in Ägypten, dann kommt Ludwig XIV. ins Spiel. An seinem Hof wusch man sich bekanntlich nicht und überdeckte die unvermeidlichen Gerüche mit schweren Parfüms. Als später die Hygiene entdeckt und populär wurde, wurden die Riechstoffe leichter.
Woll erzählt von Kopf-, Herz- und Basisnoten, aus denen jedes Parfüm komponiert ist, und den verschiedenen Kategorien: pudrig, orientalisch und blumig. Kleine Schweißtropfen auf seiner Stirn zeigen, dass er mit Feuereifer bei der Sache ist. Wir sind andächtig still. Zehn Kugelschreiber flitzen übers Papier und füllen Seite um Seite. Als er an Kindheitserinnerungen, den Duft von Vanillewaffeln, frisch gemahlenen Kaffee und den Garten der Mutter im Sommer, rührt, hat er uns in seinem Bann.
Um zu erklären, wie mühsam die Parfümherstellung früher war, zeigt er einen Ausschnitt aus Patrick Süsskinds Film "Das Parfüm" und erklärt dazu, dass man 5 000 Kilogramm Rosenblüten braucht, um ein Kilogramm reines Rosenöl zu gewinnen. Schon im Mittelalter war die südfranzösische Stadt Grasse für ihre Parfümmanufakturen berühmt. Angereichert mit und angespornt von all dem Wissen, schreibe ich mein Rezept für "mein" Parfüm auf, das ich am Nachmittag mischen will.
Und dann ist es Zeit für das Zwei-Gänge-Mittagsmenü. Aber so viel Zeit wieder auch nicht. "Ich mach jetzt mein Parfüm", verkündet Beate, als wir wieder im Raum fünf eintreffen, "und dann fahr ich nach Hause." Das ist gleich im Nachbardorf, und sie riecht energisch an einem herumgereichten Fläschchen nach dem anderen.
"Hm" - "Das ist aber süß" - "Nee, nicht mein Ding" - "Wo ist denn Vanille?": Die Kommentare werden aufgeregter, das Tun hektischer.
Wir sind nur noch Nasen, die schnüffelnd den ultimativen Duft finden wollen, und die Entscheidungen fallen keineswegs leicht. "Da hängt ja die Zukunft von ab", orakelt Ursula und lässt zwei Tropfen Ozon in ihr Mischglas fallen. Ich nehme dreimal Leathery.
Das meiste Gekicher und Gelächter erntet "Animalic". "Hören Sie mal, ich muss noch nach Hause fahren", empört sich Beate, als Woll ihr empfiehlt, davon zu nehmen. Und auch Johanna verzichtet pikiert auf Animalisches. Und trotz solcher offenbar nicht geteilter Vorlieben ist Wolls Rat bis zum Schluss gefragt: "Hier würde ich noch etwas holziges oder etwas Ambra dazugeben, und da fehlt die Basis." Er bringt es fertig, alle Düfte schön zu finden, ohne unaufrichtig zu wirken.
Als er die zehn Eau-de-Parfum-Flakons nach und nach mit Alkohol auffüllt und druckversiegelt, sprudelt es aus Anne heraus: "Es hat was ... Romantisches!" "Wie es uns gebührt in unserem Alter", ergänzt Beate. Das hätte dem Geheimrat Goethe gefallen. Er war ein großer Liebhaber des Eau de Cologne.


