Mit Blick auf die Olympischen Spiele in China haben viele Verlage auf ein steigendes Interesse an Tibet gesetzt. Bisher dominierten Bücher über das 1959 aus Tibet nach Indien geflohene religiöse Oberhaupt, den Dalai Lama. Jetzt bietet eine Fülle von Neuerscheinungen auch andere Zugänge zum Volk auf dem "Dach der Welt".
BERLIN. Als Tubten Khetsun acht Jahre alt ist, sieht er zum ersten Mal einen chinesischen Kommunisten. "Anders als ich erwartet hatte, trugen die drei Chinesen saubere, hellblaue Uniformen, Blumenkränze hingen um ihre Nacken. So ritten sie an uns vorbei, lachten und winkten in die Menge." Anfang 1950 in Lhasa, der tibetischen Hauptstadt. Die Chinesen sind gerade dabei, das Land am Himalaya-Gebirge zu erobern. Und ungläubig verfolgt Khetsun die Ereignisse zunächst aus der Kinderperspektive.
Doch als Sohn eines tibetischen Funktionärs dauert es nicht lange, bis er die andere Seite der neuen kommunistischen Herrscher kennenlernt. Er wandert zwischen Arbeits- und Umerziehungslagern hin und her - bis er sich nach der aufkeimenden liberaleren Stimmung nach dem Tode Maos im Jahr 1979 ins Ausland absetzen kann, zunächst nach Nepal, dann in die USA. Dort hat er seine Lebensgeschichte aufgeschrieben, die jetzt als eines der seltenen Zeugnisse des Lebens in Tibet unter chinesischer Herrschaft erschienen ist.
Dass das Buch gerade jetzt erscheint, ist kein Zufall. Denn mit Blick auf die Olympischen Spiele in China haben viele Verlage auf ein steigendes Interesse an Tibet gesetzt - schon vor den Unruhen. Bisher dominierten vor allem Bücher über das bereits 1959 aus Tibet nach Indien geflohene religiöse Oberhaupt, den Dalai Lama. Jetzt bietet eine Fülle von Neuerscheinungen auch andere Zugänge, wie man sich dem Volk auf dem "Dach der Welt" nähern kann.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Sympathien sind klar verteilt
Eines ist dabei allen im Westen erschienenen Büchern über Tibet gemeinsam: Die Sympathien liegen auf der Seite des langsam von der chinesischen Assimilierungspolitik in seinem eigenen Land an den Rand gedrängten Volkes. Gerade deshalb ist Khetsuns Buch interessant, weil trotz der Opferperspektive zumindest die verschiedenen Phasen der chinesischen Herrschaft spürbar werden - eine relativ liberale Phase von 1950 bis zu den Unruhen 1959. Eine Terrorherrschaft von 1959 bis 1979, danach wieder eine liberale Phase bis zu den Studentenprotesten in Peking 1989.
Den besten und einfachsten Einstieg in das Thema ermöglicht sicherlich das Buch von Klemens Ludwig. Zwar wird es publikumswirksam unter dem Titel "Dalai Lama" verkauft. Doch Ludwig bietet in Wahrheit eine Einführung in alle Aspekte der tibetischen Geschichte, unterteilt in lesefreundliche kleine Kapitel.
Für diejenigen, die sich vor allem für die Person des Friedensnobelpreisträgers interessieren, hat Pico Iyer ein sehr persönliches Psychogramm über den Dalai Lama geschrieben. Schon sein Vater war mit diesem befreundet, er selbst kann die Bewunderung für den Mann nicht verbergen. Doch auch bei ihm werden Spannungen klar - der Kampf des Dalai Lamas um einen einheitlichen Glauben, etwa gegen die Shugden-Sekte; sein Konflikt mit zornigen jungen Exiltibetern, die für Freiheit nicht beten, sondern kämpfen wollen.
"Authenticating Tibet" bietet den konträren Ansatz, nämlich größtmögliche Objektivität: Anne-Marie Blondeau und Katia Buffetrille hatten sich vorgenommen, mit den Mythen beider Seiten aufzuräumen, denen der Chinesen und denen der Exiltibeter. Basis ist eine chinesische Propagandabroschüre, die 100 Fragen zu Tibet stellte und beantwortete.
Das Buch dokumentiert nicht nur die offiziellen chinesischen Antworten, sondern lässt westliche Wissenschaftler die Fragen erneut beantworten. Wie kam es zu den blutigen Unruhen 1959? Welche Rechte haben Tibeter? Am Ende bedauert man, dass es nur 100 Fragen gibt. Denn in den meisten Kapiteln sind die Autoren ihrem Anspruch gerecht geworden: "Propaganda vereinfacht komplizierte Sachverhalte. Wissenschaft verkompliziert, was einfach aussieht."
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein echtes Kleinod
Das wahre Kleinod in der Auseinandersetzung mit Tibet aber ist das nur 93-seitige Werk von Edward Fox, geschrieben lange vor der derzeitigen aufgeregten Debatte. Es ist die Geschichte eines Ungarn, der Anfang des 19. Jahrhunderts auf das Dach der Welt reiste - besessen von der Theorie, dass die Ursprünge der Ungarn im Himalaya liegen. Je weiter man dem unglaublichen Lebensweg des Alexander Csoma de Körös folgt, desto faszinierender wird das Buch.
Sein Weg über die Universität Göttingen durch den Nahen Osten bis nach Tibet vermittelt ganz nebenbei ein Gefühl dafür, warum viele Europäer von Tibet bis heute so fasziniert sind - und welcher Spielball der Großmächte die Region schon früher war. Auch damals prallten westlicher Materialismus und tibetische Spiritualität, Moderne und eine selbst für den ersten Tibet-Enthusiasten Csoma schmerzliche Rückständigkeit in diesem von Bergketten umschlossenen Landstrich aufeinander.
Genau dieser Kontrast ist es übrigens, der heute fortschrittsgläubige Chinesen auf die Tibeter herabschauen lässt - und sie gleichzeitig fasziniert. Iyer erwähnt das Buch einer chinesischen Journalistin, deren Bericht über die tibetischen "Wilden" in eine fast bewundernde Beschreibung einer magischen Unschuld abgleitet. Das Buch, so Iyer, erinnere ihn an die Überlebensberichte der ersten von Indianern verschleppten amerikanischen Siedler.
ANNE-MARIE BLONDEAU, KATIA BUFFETRILLE (Hrsg.): Authenticating Tibet. Answers to China's 100 Questions University of California Press, Berkeley 2008, 364 Seiten, 14,95 US-Dollar.
TUBTEN KHETSUN: Memories of Life in Lhasa under Chinese Rule Columbia University Press, New York 2008, 344 Seiten, 32,50 US-Dollar.
PICO IYER: The Open Road. The Global Journey of the Fourteenth Dalai Lama Bloomsbury, New York 2008, 288 Seiten, 20,80 US-Dollar.
KLEMENS LUDWIG: Dalai Lama Beck, München 2008, 191 Seiten, 9,95 Euro.
EDWARD FOX: Der Mann, der zum Himmel ging. Ein Ungar in Tibet Wagenbach, Berlin 2006, 96 Seiten, 13,90 Euro.

