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01.10.2008 
Rezension

Schock mit schleichender Wirkung

von Christoph Rabe

Zehn Bücher sind in die engere Wahl für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2008 gekommen. Bis zur Preisverleihung am 16. Oktober stellt das Handelsblatt jede Woche einen der Kandidaten vor. In dieser Woche analysiert Frank Sieren Chinas neue Machtpolitik.

Das Buch "Der China Schock" von Frank Sieren ist im Econ-Verlag erschienen. Foto: PRLupe

Das Buch "Der China Schock" von Frank Sieren ist im Econ-Verlag erschienen. Foto: PR

DÜSSELDORF. Wie sich die chinesische Führung mittels der "Konkubinenwirtschaft" westliches Know-how verschafft, beschrieb der langjährige China-Korrespondent verschiedener deutscher Magazine und Zeitungen, Frank Sieren, bereits 2005 in seinem Buch "China-Code". Ihm folgt nun "Der China-Schock". Ein Buch, das seine Wirkung schleichend freisetzt.

China verknüpft seinen Hunger nach Öl und Metallen mit strategischer Machtpolitik. Das Riesenreich wirft ein Netz über die rohstoffreichen Staaten in Afrika, in Zentralasien und im Vorderen Orient aus, nutzt geschickt die Frustration von Ländern, die sich vom Westen enttäuscht abwenden, und sichert sich nicht nur Rohstoffe für seine rapide wachsende Industrie, sondern schmiedet nebenbei auch zahlreiche strategische Allianzen. Die "Mutter-Courage-Politik" nennt Sieren diesen Ansatz. China engagiert sich in schwachen Ländern, hilft ihnen und verdient zugleich prächtig Geld.

Diese Allianzen haben das Zeug, die geopolitischen Konstellationen nachhaltig zu verändern. Noch haben nur wenige das Ausmaß des chinesischen Netzwerkes in seiner vollen Tragweite begriffen. Afrika genießt zwar immer mehr Aufmerksamkeit aus Amerika und Europa, doch die Chinesen sind ihnen mit konkreten Projekten schon einen gewaltigen Schritt voraus. Und: Sie verknüpfen keinen Werteexport mit ihrer wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Das macht sie in den Augen vieler Entwicklungsländer zu einem interessanten Partner. Denn von Bevormundung haben die Länder, von denen einige unter einer langen Kolonialherrschaft leiden mussten, die Nase voll.

Sierens neues Werk lebt von der Anschaulichkeit. Es ist eine Mixtur aus Reportage, Interview und historischer Analyse. Er beschreibt, wie chinesische Firmen in Angola Straßen bauen, in Nigeria verhandeln. Wie sie Geschäfte in der Mongolei und Nordkorea anbahnen und wie sie im Iran in die Lücke stoßen, die durch westliche Boykottpolitik aufreißt. China hat wenig Skrupel, auch mit Regimen zusammenzuarbeiten, die schwere Menschenrechtsverstöße begehen, so im Sudan.

Wie die Chinesen dabei vorgehen und wie sie sich politische Fehler der Großmächte zunutze machen, versteht Sieren höchst lebendig zu erzählen, weil er stets Menschen und Begebenheiten aus dem Alltag mit dem politischen und historischen Hintergrund verknüpft. Sierens Verdienst ist es, im Jahr, in dem die Sommer-Olympiade in Peking stattfand, den vielfältigen Strategien der Volksrepublik nachzuspüren und aufzuzeigen, wie sich China zum Global Player mausert. Die Grundthese ist richtig: Den Industriestaaten wächst ein Konkurrent heran, der nicht mehr übersehen werden kann. Aber ob Chinas Kraft tatsächlich ausreicht, um einen globalen Schockzustand auszulösen, ist noch längst nicht erwiesen. Denn auch der Westen verändert sich.

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