Das Autorenspecial des Literarischen Colloquium Berlin ist zum festen Bestandteil der Leipziger Buchmesse geworden. 2008 heißt das Thema: „Stadteinsichten – Akzeptanz und Aggression in der urbanen Gesellschaft“. Noch bis Sonntag erzählen sieben Schriftsteller aus dem manchmal gewaltätigen Leben in verschiedenen europäischen Städten.
Ansturm der Bücherfreunde: Bis Sonntag zeigen auf der Leipziger Buchmesse 2345 Aussteller aus 39 Ländern ihre Neuerscheinungen. Foto: dpa
BERLIN. Es ist eine lieb gewordene Tradition, die Leipziger Buchmesse zum Schaufenster internationaler Literatur zu machen. Treibender Motor dabei ist das Literarische Colloquium Berlin, das Jahr für Jahr ein Autorenspecial auf der Messe veranstaltet.
Diesmal haben sieben Schriftsteller Essays verfasst, die sie bis zum Sonntag im „Café Europa“ auf dem Messegelände vortragen. „Stadteinsichten“ heißt dieses Programm, das weniger die große Politik als vielmehr das oft monotone und manchmal gewalttätige Leben in den Städten des Kontinents beleuchtet.
Das Leben in Bukarest etwa, „einer der gewalttätigsten urbanen Agglomerationen der Welt“, wie Mircea Cartarescu schreibt. „Im Teufelskreis der Gewalt“ heißt sein Text, eine Analyse subtiler Grausamkeiten. Zweieinhalb Millionen Einwohner, in heruntergekommenen Wohnblocks lebend. Umweltverschmutzung, Staub, das Zentrum Bukarests „unglaublich ruiniert“, der Himmel „trüb und depressiv, von unendlicher Melancholie“.
Dort wurde Cartarescu 1956 geboren. Sein erster Roman „Nostalgia“ durfte erst nach der Revolution unzensiert erscheinen. „Die Kommunisten“, schreibt er, „hatten sich vorgenommen, den neuen Menschen zu bilden, was ihnen größtenteils auch gelungen ist.“ Der Mensch wurde zur manipulierbaren Figur, Verursacher und Opfer urbaner Gewalt. Oft ist es Wort-Gewalt, ausgelebt etwa von einem Taxifahrer. „Aus seinem hasserfüllten Gerede erfährt man, dass ,die Frau kein Mensch ist’, ,der Zigeuner immer Zigeuner bleibt, selbst zu Ostern’, dass er die Homosexuellen aufhängen und die Juden wieder nach Auschwitz schicken würde.“
Der Leser schluckt bei solchen Sätzen. Nüchtern, authentisch trägt Cartarescu sie vor. Er schreibt mit bitterer Erkenntnis: Chauvinismen, Klischees, Intoleranz und Aggression werden sich übertragen – „von Generation zu Generation“.
Kleiner als Bukarest und dem ersten Anschein nach bedeutungslos ist die polnische Stadt Tychy. Ein künstlich angelegtes Monumentalwerk des Sozialismus, nach dem Krieg erbaut auf Wiesen und Feldern. Will man dort leben? „Nein“ wäre die zu erwartende Antwort. Als „Ja“ lässt sich Michal Witkowskis Beitrag lesen. Sein Stück heißt „Der Sexappeal vergangener Zeiten“. Städte wie Tychy „gewinnen wieder an Attraktivität“, lautet seine These.
Witkowski, 33, gehört zu den jungen polnischen Autoren. Sein erster Roman erschien 2001. Er selbst lebt und arbeitet in der Hauptstadt, neidisch in die architektonische Provinz blickend. „Einer wie ich, der in einer Warschauer Plattenbausiedlung wohnt … darf nicht einmal träumen von Schulen, Krippen oder Kindergärten.“ Einrichtungen, wie sie die Planer in Tychy selbstverständlich berücksichtigt haben.
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Der Schriftsteller schreibt mit großstädtischem Understatement. Er zeigt, wie längst vergessene Siedlungsformen den Weg in die Moderne schaffen. „Schaut her und besichtigt den Sozialismus“, so könnte man seinen Text auch überschreiben. Er ist nicht düster, nicht depressiv, sondern durchtränkt von schwärmerischem Optimismus.
Witkowski ist eher Berichterstatter, weniger beobachtend wie Slavenka Drakulic. Die kroatische Schriftstellerin bekam 2005 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Nun legt die 59-Jährige „Eine Geschichte über drei Städte“ vor, eine Zustandsbeschreibung über das Leben in Stockholm, Wien und Zagreb. Orte, an denen sie lebt oder gelebt hat.
Jede Stadt sei ein „lebendiger Organismus, der auf seine Art atmet und wächst“. Die Zuwanderer bewahrten sich zumindest in Spuren, „was sie als wesentlich für ihre Identität erleben, wie etwa die Sprache, die Nahrung, religiöse Kennzeichen und Sitten“.
Drakulic besuchte Stockholm zum ersten Mal 1970. Drei Monate lang arbeitete sie in einem Warenlager. Ihre Vermieterin stammte aus Jugoslawien, eine Frau mit dem „typischen Heimweh der ersten Zuwanderergeneration“. Erst ihre Kinder kannten die „Leichtigkeit des Seins“. Und so „erwarben sie eine Ambivalenz, mit der viele von ihnen bis auf den heutigen Tag nicht zurechtkommen“.
Drakulic spricht mit nüchterner Klarheit. Wien sei etwas ganz anderes als Stockholm. Nicht so sauber, eher nach Hundekot riechend. Das Fremde sei allgegenwärtig. Die lange Tradition des multinationalen Staates habe Wien milder gemacht. Trotz des Wirkens eines Jörg Haider „sind sich die meisten Menschen bewusst, dass die Zuwanderer notwendig sind“.
In Zagreb hingegen scheint das Leben komplizierter. Die Stadt verändere die Zuwanderer und passe sie an. „Bereits in der zweiten Generation macht es urbane Individuen.“ Zagreb ist eine harte Stadt. Der Balkankrieg hat Spuren hinterlassen.
Für Slavenka Drakulic ist es nicht mehr die Frage, wer das Recht hat, in den europäischen Städten zu leben: „Dafür ist es bereits zu spät.“ Und doch bleibt am Ende Optimismus. Das Wachsen der Stadt berge die Hoffnung auf ein Wachsen der Toleranz. „Urbanisierung bedeutet zugleich auch einen Individualisierungsprozess, in dem die individuellen Eigenschaften die Oberhand über die nationalen oder ethnischen gewinnen – obwohl das dauern kann.“

