Der Schriftsteller schreibt mit großstädtischem Understatement. Er zeigt, wie längst vergessene Siedlungsformen den Weg in die Moderne schaffen. „Schaut her und besichtigt den Sozialismus“, so könnte man seinen Text auch überschreiben. Er ist nicht düster, nicht depressiv, sondern durchtränkt von schwärmerischem Optimismus.
Witkowski ist eher Berichterstatter, weniger beobachtend wie Slavenka Drakulic. Die kroatische Schriftstellerin bekam 2005 den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Nun legt die 59-Jährige „Eine Geschichte über drei Städte“ vor, eine Zustandsbeschreibung über das Leben in Stockholm, Wien und Zagreb. Orte, an denen sie lebt oder gelebt hat.
Jede Stadt sei ein „lebendiger Organismus, der auf seine Art atmet und wächst“. Die Zuwanderer bewahrten sich zumindest in Spuren, „was sie als wesentlich für ihre Identität erleben, wie etwa die Sprache, die Nahrung, religiöse Kennzeichen und Sitten“.
Drakulic besuchte Stockholm zum ersten Mal 1970. Drei Monate lang arbeitete sie in einem Warenlager. Ihre Vermieterin stammte aus Jugoslawien, eine Frau mit dem „typischen Heimweh der ersten Zuwanderergeneration“. Erst ihre Kinder kannten die „Leichtigkeit des Seins“. Und so „erwarben sie eine Ambivalenz, mit der viele von ihnen bis auf den heutigen Tag nicht zurechtkommen“.
Drakulic spricht mit nüchterner Klarheit. Wien sei etwas ganz anderes als Stockholm. Nicht so sauber, eher nach Hundekot riechend. Das Fremde sei allgegenwärtig. Die lange Tradition des multinationalen Staates habe Wien milder gemacht. Trotz des Wirkens eines Jörg Haider „sind sich die meisten Menschen bewusst, dass die Zuwanderer notwendig sind“.
In Zagreb hingegen scheint das Leben komplizierter. Die Stadt verändere die Zuwanderer und passe sie an. „Bereits in der zweiten Generation macht es urbane Individuen.“ Zagreb ist eine harte Stadt. Der Balkankrieg hat Spuren hinterlassen.
Für Slavenka Drakulic ist es nicht mehr die Frage, wer das Recht hat, in den europäischen Städten zu leben: „Dafür ist es bereits zu spät.“ Und doch bleibt am Ende Optimismus. Das Wachsen der Stadt berge die Hoffnung auf ein Wachsen der Toleranz. „Urbanisierung bedeutet zugleich auch einen Individualisierungsprozess, in dem die individuellen Eigenschaften die Oberhand über die nationalen oder ethnischen gewinnen – obwohl das dauern kann.“


