0 Bewertungen
08.10.2007 
Zensur

Stalin darf nicht weinen

von Andreas Hoffbauer

Es war ein wenig still um die künstlerische Zensur in China. Nun hat es mit Via Lewandowsky einen deutschen Künstler getroffen: Eine seiner Installationen ließ ein Abbild Josef Stalins weinen – ein Gemütszustand, der den Zensoren offenbar zu weit ging.

PEKING. Die ersten Herren kamen bereits am Tag nach der Eröffnung. Die Zensoren des lokalen Kulturbüros aus Peking waren freundlich, wenn auch wenig interessiert an Avantgarde und Abstraktem. Sie räumten das aus einer roten China-Fahne genähte Kissen in der Ausstellung einfach weg. Auf das kleine Kunstwerk hatte der deutsche Installationskünstler Via Lewandowsky noch den Deckel einer chinesischen Teetasse gelegt – und eine tote Fliege.

Kunstfreiheit hin oder her, das gehe zu weit, so die Beamten. Das Kunstwerk sei eine „Verunglimpfung der chinesischen Fahne“, erklärten die Männer der Zensurbehörde. Lewandowsky ließ sich darauf ein. Als Kompromiss. Denn er habe bei seiner Installation nicht im Traum daran gedacht, Chinas Flagge in irgendeiner Form zu beleidigen.

Trotz des Zugeständnisses ist die Ausstellung „Erinnerung an einen Fortschritt“ inzwischen aber komplett dicht gemacht worden. Denn auf der mit einem chinesischen Künstler gemeinsam inszenierten Ausstellung, die unter anderem das Goethe-Institut organisiert und deutsche Firmen finanziert hatten, erregte noch ein Lewandowsky-Kunstwerk den Unmut der Zensoren. Der 44-jährige Deutsche hatte ein Stalin-Plakat mit Wasserpumpe und Plastikeimer so installiert, dass dem sowjetischen Diktator die Tränen nur so aus den Augen spritzten. Titel: Als Stalin weinte.

Da auch die „Verunglimpfung bedeutender historischer Persönlichkeiten“ in China verboten ist, rückte die Kunst-Polizei erneut an. Die Ausstellung im Pekinger Kunstbezirk „798“, musste vorzeitig ihre Pforten schließen.

Das war’s dann mit dem deutschen Beitrag zur großen 50-Jahr-Feier. Denn der Bezirk „798“ war 1957 vor den Toren Pekings als Rüstungsfabrik von DDR-Ingenieuren in kommunistischer Bruderschaft aufgebaut worden. Heute sind in den meisten alten Fabrikhallen internationale Galerien und Künstler-Ateliers zu finden, der „798 Dashanzi Art Distric“ ist ein buntes und beliebtes Touristenziel. Doch was nur wenige Besucher mitbekommen: Hier werden regelmäßig Bilder abgehangen, etwa wenn es um kritische Mao-Portraits geht.

Er habe sich wieder wie früher gefühlt, so der in Dresden geborene Lewandowsky leicht frustriert: „Es war so, als sei ich wieder von DDR-Funktionären umgeben.“ Und so stießen die Versuche, seine Kunstwerke zu erklären, bei den chinesischen Zensoren auf taube Ohren. Er habe mit der toten Fliege doch nur an die „Vergeblichkeit menschlichen Strebens“ erinnern wollen, sagt der heute in Berlin lebende Künstler. Doch Lewandowsky musste in China die Vergeblichkeit der künstlerischen Kraft erkennen – und einpacken.

Vielleicht liegt der Grund weniger in der Fliege auf der Fahne, sondern im momentan angespannten deutsch-chinesischen Verhältnis. Dass Kanzlerin Angela Merkel trotz chinesischer Proteste den Dalai Lama empfangen hat, verärgert noch immer das politische Peking. Zudem zeigt der Fall, dass die Führung ein Jahr vor Olympia und kurz vor dem 17. Parteitag keine kritische Stimmen wünscht.

So wird in China aus einer harmlosen Fliege schnell ein politischer Elefant. Und Stalin darf nicht mal weinen. Eigentlich zum Heulen.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Blogkommentare zu diesem Artikel

Städtewetter Deutschland

Bitte tragen Sie hier PLZ oder Städtenamen ein:

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Zukunft der Stadt

    Zukunft der Stadt

    Vor welchen Herausforderungen stehen die Metropolen von heute? Und wie sehen Ideen für die Stadt von morgen aus?Special 

  • 60 Jahre Bundesrepublik

    60 Jahre Bundesrepublik

    2009 feiert die Bundesrepublik ihren sechzigsten Geburtstag. Auch Handelsblatt.com blickt aus diesem Grund noch einmal auf Politik, Managementgeschichte und Ökonomie Deutschlands zurück. Obendrein gibt es beim BRD-Quiz attraktive Preise zu gewinnen.Special 

  • Brasilien – ein Riese erwacht

    Brasilien – ein Riese erwacht

    Brasilien hat sich gewandelt wie kaum ein anderes Land. Es hat gute Chancen, gestärkt aus der globalen Wirtschaftskrise hervorzugehen und steht zu Unrecht im Schatten von China und Indien. Das neue, starke Brasilien – ein Dossier.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Tour de France: Wer zu den Favorite...

    Tour de France: Wer zu den Favoriten gehört

    Bekannte Fahrer wie Alexander Winokurow, Alejandro Valverde oder Ivan Basso sitzen ihre Dopingsperrren ab, Alexander Klöden ist von seinen besten Zeiten weit entfernt – aber Lance Armstrong ist wieder dabei. Doch gehört er auch zu den Favoriten? Handelsblatt....Bildergalerie 

  • Wie man der Hitze Paroli bieten kan...

    Wie man der Hitze Paroli bieten kann

    Was tun bei unerträglich hohen Temperaturen? Schüler bekommen (manchmal) Hitzefrei, die arbeitende Bevölkerung wird dagegen wohl kaum blau machen können. Im Arbeitsalltag muss man sich etwas Anderes einfallen lassen. Zehn Tipps, was man gegen die drückende Hi...Bildergalerie 

  • Reich und sexy: Hollywoods Topverdi...

    Reich und sexy: Hollywoods Topverdienerinnen

    Eines haben sie allesamt gemein: Sie sind bildhübsch, sie sind alle über 30 und fast alle Amerikanerinnen. Das US-Magazin „Forbes“ hat zusammengetragen, was bekannte Schauspielerinnen in den vergangenen zwölf Monaten eingeommen haben. Wer zu den Spitzenverdie...Bildergalerie 

vor