Der Schweizer Journalist Tom Kummer wurde 2000 durch einen Medienskandal berühmt: Über Jahre hatte er erfundene Star-Interviews an das Magazin der Süddeutschen Zeitung verkauft. Neben Kummer verlor auch der damalige Chefredakteur des SZ-Magazins, Ulf Poschardt, seinen Job. Unter dem Titel „Blow up“ hat Kummer jetzt seine Geschichte veröffentlicht.
Was hat Sie dazu bewogen, Ihre Lebensgeschichte jetzt herunter zu schreiben?
Ich hätte das Buch auch gleich 2000 schreiben können, aber ich war zu sehr emotional vorbelastet. Im übrigen klingt das dann immer so nach Rechtfertigung, wenn man gleich nach so einem Fall ein Buch schreibt.
Haben Sie mit Ihrem Buch den „Fall Kummer “ verarbeitet?
Ich habe immer gesagt, dass ich so über die Jahre immer noch mittendrin stecke. Ich habe gehofft, dass es ein Danach mal gibt – das kam aber nie. Ich war die ganzen Jahre geprägt von dem Fall, den Protagonisten und natürlich den Schlagzeilen, die ich produziert habe. Das hat mich auch traurig gestimmt. Ich glaube, im Buch ist auch ein melancholischer Unterton zu spüren.
Immer wieder beschreiben Sie in Ihrem Buch Momente, in denen Sie Ihr Tun hinterfragen, scheinbar bereuen und in Betracht ziehen, dass es kriminell sein könnte. Haben Sie damals nicht damit gerechnet, dass irgendwann heraus kommt, wie ihre Interviews zu Stande kamen?
Der Stoff meiner Interviews bekam ein so großes Echo – auch von der Heimatredaktion. Dort wurde er gefeiert. So dass ich annahm, dass es einen Konsens gibt zwischen mir und der Chefredaktion – auch wenn wir nie darüber gesprochen haben. Ich wollte auch nicht die Stimmung zerstören, die zwischen mir und dieser Chefredaktion geherrscht hat. Natürlich hätten klare Worte an einem bestimmten Punkt sicher geholfen. Ich kann mich gut erinnern 1999, am Ende meiner Karriere, nach dem 16. Interview oder so, ruft mich der Chefredakteur des SZ-Magazins Ulf Poschardt an und sagt mir: „Wir müssen aufpassen. Die Konkurrenz schaut neidisch auf unser Tun.“ Und es war dieser große Moment meiner Karriere, wo man möglicherweise hätte fragen sollen „sag mal Ulf, von was redest du? Weißt du, was du da in der Zeitung druckst?“ Hab ich nicht getan, er hat auch nicht nachgefragt. Es wurde immer noch nicht nach Bändern gefragt, also dachte ich, ja, das ist mein Kurator hier, Ulf Poschardt. Er will, dass sein Konzeptkünstler Stoff liefert.
Sie schreiben: „Ich glaube, ich besaß eine besondere Form von Intelligenz, die mit sammeln, stehlen und sampeln von bereits Bestehendem zu tu hatte, um damit große neue Welten zu entwerfen“. Verstanden Sie Ihre Arbeit damals wirklich als journalistisch? Oder war es nicht eher die Arbeit eines Buchautors, der sich Geschichten ausdenkt?
Absolut. Ich denke, man kann noch weiter gehen. Es ist die Arbeit eines Situationisten, wie man das in der Kunst nennt. Ich habe einfach ein sehr abstraktes Verhältnis zu meiner Arbeit bekommen, ein surreales. Ich wollte das entdecken, es war wie ein Rausch, es hat soviel Spaß gemacht, solche Geschichten zu entwerfen, zu designen. Am Kummer-Tisch habe ich Träume entworfen. Es gab aber auch Wirklichkeit in diesen Interviews.
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An was glaubt Tom Kummer?
Ich glaube an eine tiefere Wahrheit durch Abstraktion. Ich glaube nicht, dass man die Wahrheit durch Fakten allein findet. Ich glaube, dass es besonders bei einem Kunstprodukt wie einem Hollywood-Star ganz viele Fassaden zu durchbrechen gibt, bis man auf ein menschliches Wesen stößt.
Das findet man heraus, indem man ein Buch an die Wand wirft und an der dann zufällig aufgeschlagenen Seite das Interview aufzieht, so wie Sie es im Fall Charles Bronson getan haben? Dadurch auf den eigentlichen Menschen zu stoßen ist doch unmöglich.
Das ist ein extremes Beispiel. Ich kann auch von anderen Recherchemethoden erzählen, die vielleicht viel seriöser klingen. Aber es geht darum, dass man einem Star, der durch die PR-Maschinerie aufgebaut ist, eigentlich hilflos als Journalist gegenüber steht. Und ich denke, die Aktion des Buchwerfen ist ja auch eine verzweifelte. Und die zeigt die traurige Situation eines Unterhaltungsjournalisten.
Wie muss ich mir Ihre Arbeitsweise vorstellen?
Sie müssen sich das so vorstellen, dass ich verschiedene surreale Methoden anwende, um diesen Texten ein ganz spezielles Geheimnis zu geben. Dem Schauspieler eine neue spannendere Tiefe geben. Und diese Idee mit dem Buchwerfen bezieht sich ja auf ein Pflanzenbuch, das ich erwählt habe. Denn damals war Charles Bronson ein schwer kranker Mann, er hatte sich zurückgezogen in ein Haus in Malibu. Ich hatte meine Recherchen und wusste, dass er ein Botaniker ist, dass er manchmal stundenlange Spaziergänge machte durch seinen Garten und mit Orchideen sprach. Ich wusste, dass er nicht mit mir spricht. So machte ich aus Charles Bronson eine Rollen-Prosa und ließ ihn mit Orchideen sprechen. Interviews hab ich nur gemacht, weil mich die SZ danach gefragt hat. Das war für mich ein reiner Testballon.
Gab es von Seiten der Stars, mit denen Sie Interviews erfunden haben, nie Ärger?
Überhaupt nicht. Es läuft so, dass die Magazine von den Filmverleihen angeguckt werden, und so lange der Star auf dem Cover ist und schön präsentiert wird, sind die zufrieden. Solange man nicht negative Dinge unterstellt, und das hab ich ja nie getan. Ich habe den Star immer zu einem Helden gemacht – ihn größer, besser und smarter erscheinen lassen. So wie wir ihn eigentlich wollen.
Wie würden Sie einem Kind den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge erklären?
Genervt. Wenn es um die moralische Frage geht, können Sie mich natürlich immer an die Wand nageln. Es ist ganz eindeutig, dass ich meinen Kindern erklären würde, dass man in seinem Tun immer Transparenz offenbart. Dass man gegenüber seinen Vorgesetzten und seinen Partnern klar macht, was die Absicht des eigenen Tuns ist – auch wenn man vielleicht etwas verbotenes tut, wenn man das so nennen kann. Künstlerische Freiheit ist etwas, wo man viele Grenzen überschreitet – auch rechtliche. Aber solange der Chefredakteur weiß, mit wem er es zu tun hat, glaube ich, kann man eben auch Lügen oder extreme Grenze sprengen. Und dann ist es auch ok. Leider war das in meinem Fall nicht so.
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Was halten Sie von Vanity Fair Deutschland, das ist doch das ideale Medium für Unterhaltungsjournalisten?
Lacht. Vanity Fair ist ein sehr gut gemachtes Blatt. Die Qualität, wie sie das amerikanische hat, wird das deutsche Magazin aber nicht bekommen. Deutschland hat immer schon ein Problem mit smartem Unterhaltungsjournalismus.
Ist das Projekt Vanity Fair Deutschland unter der Leitung von Ulf Poschardt Ihrer Meinung nach geglückt?
Ich habe mir Vanity Fair noch nicht genauer angeguckt. Unglücklicherweise herrscht auch da dieser Imagekrieg. Man hört so viele negative Sachen, dass man sich selber gar kein Bild mehr machen kann – was traurig ist – man gibt ihm noch nicht mal eine Chance. Ich kenne Ulf, und ich weiß, zu was er fähig ist, und ich kann nicht ein negatives Wort über Vanity Fair sagen.
Würden Sie sich unter anderen Voraussetzungen dort bewerben?
Lacht. Nee, ich warte darauf, dass die mich anrufen. Lacht wieder.
Sie würden dort also arbeiten wollen?
Ich würde dort sofort arbeiten – natürlich. Aber nur, wenn Ulf Poschardt mich anruft und sagt „wir brauchen dich“.
Hat sich denn irgendeiner der Journalisten und Ex-Kollegen, die in „Blow up“ erwähnt werden, jetzt bei Ihnen gemeldet? Gab es Reaktionen?
Einer meiner Kollegen, mein Förderer Claudius Seidl hat ja eine Geschichte geschrieben in der Sonntagsausgabe der „Frankfurter Allgemeinen“, wo er mich noch mal angreift, sich distanziert und Schutzbehauptungen aufstellt – das ist traurig.
Sie haben schließlich auch aus seinen Interviews Elemente geklaut. Das ist doch richtig?
Na gut, das ist die eine Sache. Ich habe viele meiner Helden in meinen Texten verwendet. Ich hab sie genommen, gesampelt und erwähnte ihre Namen nicht. Das hab ich auch mit Hemingway gemacht und Richard Ford. Ich habe viele Elemente in meine Texte reingesteckt, und Claudius sollte stolz sein, dass er in meinen Interviews vorkommt.
Was halten Sie davon, wenn über Sie Interviews erfunden werden?
Das wurde ja schon oft versucht. Dieses kleine Witzchen, dass man als Tom Kummer ein Interview faked. Man hat auch schon oft angefragt, ob ich mich selbst interviewen will. Ich hätte überhaupt kein Problem mit einem gefakten Interview. Aber leider sind die meisten gefakten Interviews, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden irgendwie scheiße, die kann man nicht lesen. Lacht.
Tom Kummer „Blow up“, Blumenbar Verlag, München 2007, ca. 272 Seiten, 18,90 Euro


