An was glaubt Tom Kummer?
Ich glaube an eine tiefere Wahrheit durch Abstraktion. Ich glaube nicht, dass man die Wahrheit durch Fakten allein findet. Ich glaube, dass es besonders bei einem Kunstprodukt wie einem Hollywood-Star ganz viele Fassaden zu durchbrechen gibt, bis man auf ein menschliches Wesen stößt.
Das findet man heraus, indem man ein Buch an die Wand wirft und an der dann zufällig aufgeschlagenen Seite das Interview aufzieht, so wie Sie es im Fall Charles Bronson getan haben? Dadurch auf den eigentlichen Menschen zu stoßen ist doch unmöglich.
Das ist ein extremes Beispiel. Ich kann auch von anderen Recherchemethoden erzählen, die vielleicht viel seriöser klingen. Aber es geht darum, dass man einem Star, der durch die PR-Maschinerie aufgebaut ist, eigentlich hilflos als Journalist gegenüber steht. Und ich denke, die Aktion des Buchwerfen ist ja auch eine verzweifelte. Und die zeigt die traurige Situation eines Unterhaltungsjournalisten.
Wie muss ich mir Ihre Arbeitsweise vorstellen?
Sie müssen sich das so vorstellen, dass ich verschiedene surreale Methoden anwende, um diesen Texten ein ganz spezielles Geheimnis zu geben. Dem Schauspieler eine neue spannendere Tiefe geben. Und diese Idee mit dem Buchwerfen bezieht sich ja auf ein Pflanzenbuch, das ich erwählt habe. Denn damals war Charles Bronson ein schwer kranker Mann, er hatte sich zurückgezogen in ein Haus in Malibu. Ich hatte meine Recherchen und wusste, dass er ein Botaniker ist, dass er manchmal stundenlange Spaziergänge machte durch seinen Garten und mit Orchideen sprach. Ich wusste, dass er nicht mit mir spricht. So machte ich aus Charles Bronson eine Rollen-Prosa und ließ ihn mit Orchideen sprechen. Interviews hab ich nur gemacht, weil mich die SZ danach gefragt hat. Das war für mich ein reiner Testballon.
Gab es von Seiten der Stars, mit denen Sie Interviews erfunden haben, nie Ärger?
Überhaupt nicht. Es läuft so, dass die Magazine von den Filmverleihen angeguckt werden, und so lange der Star auf dem Cover ist und schön präsentiert wird, sind die zufrieden. Solange man nicht negative Dinge unterstellt, und das hab ich ja nie getan. Ich habe den Star immer zu einem Helden gemacht – ihn größer, besser und smarter erscheinen lassen. So wie wir ihn eigentlich wollen.
Wie würden Sie einem Kind den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge erklären?
Genervt. Wenn es um die moralische Frage geht, können Sie mich natürlich immer an die Wand nageln. Es ist ganz eindeutig, dass ich meinen Kindern erklären würde, dass man in seinem Tun immer Transparenz offenbart. Dass man gegenüber seinen Vorgesetzten und seinen Partnern klar macht, was die Absicht des eigenen Tuns ist – auch wenn man vielleicht etwas verbotenes tut, wenn man das so nennen kann. Künstlerische Freiheit ist etwas, wo man viele Grenzen überschreitet – auch rechtliche. Aber solange der Chefredakteur weiß, mit wem er es zu tun hat, glaube ich, kann man eben auch Lügen oder extreme Grenze sprengen. Und dann ist es auch ok. Leider war das in meinem Fall nicht so.
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