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04.04.2008 
Literatur

Vom Vormarsch der Pragmatiker

von Kerstin Schneider

Innenminister als Projektmanager, eine verliebter Parteichef und linke Vergangenheitsbewältigung: Politik ist in diesem Bücherfrühjahr das vorherrschende literarische Sujet. Gleich Vier Romane portraitieren die politische Klasse - die darüber weniger begeistert ist.

Politik ist das neue Thema der deutschen Literatur. Foto: dpaLupe

Politik ist das neue Thema der deutschen Literatur. Foto: dpa

BERLIN. Politik ist für die Literatur wieder zum großen Thema geworden, die Zeit der Selbstbespiegelungen in der neuen deutschen Belletristik scheint vorbei. Mehrere Bücher porträtieren in diesem Frühjahr die politische Klasse. Die auf diese Weise Porträtierten zeigen sich allerdings weniger begeistert: Joschka Fischer antwortete bei einer Veranstaltung in der Berliner Akademie der Künste auf die Frage, ob er sich dafür interessiere, als Politiker Gegenstand der Literatur geworden zu sein, mit einem klaren „Nein“.

In vier neuen Romanen sind Politik, Gesellschaft und Medien Gegenstand der literarischen Auseinandersetzung: in Michael Kumpfmüllers Politikroman „Nachricht an alle“, Georg M. Oswalds Juristenschelte „Vom Geist der Gesetze“, Dirk Kurbjuweits Medienroman „Nicht die ganze Wahrheit“ und Bernhard Schlinks Terroristenbilanz „Das Wochenende“.

Der Blick auf die Politik ist dabei völlig unterschiedlich: Bei Spiegel-Journalist Kurbjuweit ist sie sogar eher Schauplatz, um von einer großen Leidenschaft zu berichten. Er erzählt in seinem neuen Buch, wie der Privatdetektiv Arthur Koenen herausfindet, dass der Vorsitzende einer großen Partei eine Affäre hat. Doch allen Autoren gemeinsam ist, dass sie ihre Romane wieder verorten – die Protagonisten haben Berufe und ganz pragmatische Ziele –, und ihr Augenmerk ist nicht nur auf die Themen Familie und Zweisamkeit beschränkt, wie sie die neue deutsche Literatur seit Jahren prägen.

Schon in den großen Zeitromanen der zwanziger und dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts waren Politiker und Juristen, aber auch Unternehmer präsent, wobei ihre Gestalten oft ins Groteske verfremdet wurden. Die Literatur spiegelte in der rasanten Weimarer Zeit die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen wider: ob in Heinrich Manns Roman „Der Kopf“ oder in Lion Feuchtwangers München-Roman „Erfolg“.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Innenansicht einer vom Krisenmanagement geprägten Politik

Solche Zeitromane sind die aktuellen Bücher nicht. Dazu bleibt ihr Ausschnitt zu begrenzt, auch wenn bei Kumpfmüller und Oswald das Prekariat oder die ins Rutschen geratende Mittelschicht sehr wohl vorkommt. Ihre Romane sind interessant, weil sie ihren Gegenstand vom Standpunkt des Machbaren – also von der Realpolitik her – betrachten. Politik wird bei Kumpfmüller gar zum „Spiel“ und zu einer „Art Handel“.

Selden, der Innenminister eines mitteleuropäischen Landes, ist in dem Roman „Nachricht an alle“ ein Projektmanager der Politik. Unruhen, Streiks, brennende Autos und demonstrierende Massen bringen ihn in Höchstform, weil sie Störfaktoren sind, die gemanagt werden müssen: durch mehr Gesetze, mehr Polizei oder Bildungsprogramme für Migranten. „Alle Politik ist Beschwichtigungspolitik. Man probierte etwas aus, setzte es in die Welt; gab es ausreichend Widerstand, nahm man es zurück und suchte nach anderen Wegen“, schreibt Kumpfmüller.

Das hat scheinbar nichts mit der deutschen Realität zu tun. So fragte Joschka Fischer während der Akademie-Diskussion immer wieder: „Was treibt diesen Selden an?“ Denn hinter einer solchen Politik steckt kein Programm, keine Idee, keine Vorstellung von dem, wie die Welt aussehen soll. Auch wenn Innenminister Selden von dieser Welt sehr in Mitleidenschaft genommen wird: Seine Tochter stirbt bei einem Flugzeugabsturz, und er selbst wird von einer Attentäterin fast umgebracht.

Kumpfmüller zeigt die Innenansicht einer von Krisenmanagement geprägten Politik, in der ungeplante Situationen eben besondere Lösungen erfordern: „Selden plädierte für Ruhe und Gelassenheit und forderte die Medien zu sachlicher Berichterstattung auf. Die Bilder waren dramatisch, aber es waren eben nur Bilder, Ausschnitte, arrangierte Wirklichkeit, während der Rest des Landes wie jeden Morgen brav zur Arbeit ging und über die Krawalle mehrheitlich den Kopf schüttelte.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: von der weichen Landung der RAF-Sympathisanten

In dem unterhaltsam, literarisch aber wenig anspruchsvollen Roman des Rechtsanwalts und Autors Georg M. Oswald werden Gesetze und Gerichtsverfahren so arrangiert, dass die Protagonisten den größtmöglichen Profit davon haben. „Vom Geist der Gesetze“ funktioniert nach dem Motto: „Ich helfe dir, du hilfst mir, dann bleiben wir am oberen Ende der Hierarchie.“ Ein Provinz-Politiker kommt in Bedrängnis, weil er einen Unfall mit Fahrerflucht begangen hat und seinem Fahrer dieses Delikt in die Schuhe schieben will. Staranwalt Ludwig Heckler versucht, Generalsekretär Schellenbaum da herauszuhauen, was ihm auch gelingt. Am Ende dürfen alle Mitspieler sich sogar gegenseitig in einer Talkshow auf die Schultern klopfen. Jeder will seine Schäfchen mit Hilfe legaler oder illegaler Rechtsverdreher-Spielchen ins Trockene bringen; sogar dem Opfer von Schellenbaums Fahrerflucht und den Zeugen ist daran gelegen, möglichst viel Geld herauszuholen.

Ganz anders ist der neue Roman von Bernhard Schlink angelegt. In seinem Buch „Das Wochenende“ geht es noch um die Visionen und die Ideale, die die 68er-Generation geprägt haben und die in ihrer Pervertierung zum Terrorismus führten. Ein alternder Terrorist wird nach 20 Jahren begnadigt und verbringt im Schonraum inmitten seiner Freunde ein Wochenende auf einem Landsitz. Die Freunde sympathisierten einst mit den Zielen der „Rote-Armee-Fraktion“, später landeten sie weich in bürgerlichen Berufen.

Was Schlink wie in einem Kammerspiel ausbreitet, ist eine psychologische wie politische Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, innerhalb der alle Figuren etwas betulich die Beweggründe ihres Handelns ausbreiten dürfen. Ganz pragmatisch gehen die Jüngeren mit der linken Geisterbeschwörung um: Die Tochter eines Freundes bietet dem Ex-Terroristen Sex an, um ihn vom Post-Gefängnistrauma zu erlösen. Und so deutet sich auch in Schlinks Szenario an, dass auch hier bald die Pragmatiker regieren werden. Lösungsorientiert in allen Lebenslagen.

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