Solche Zeitromane sind die aktuellen Bücher nicht. Dazu bleibt ihr Ausschnitt zu begrenzt, auch wenn bei Kumpfmüller und Oswald das Prekariat oder die ins Rutschen geratende Mittelschicht sehr wohl vorkommt. Ihre Romane sind interessant, weil sie ihren Gegenstand vom Standpunkt des Machbaren – also von der Realpolitik her – betrachten. Politik wird bei Kumpfmüller gar zum „Spiel“ und zu einer „Art Handel“.
Selden, der Innenminister eines mitteleuropäischen Landes, ist in dem Roman „Nachricht an alle“ ein Projektmanager der Politik. Unruhen, Streiks, brennende Autos und demonstrierende Massen bringen ihn in Höchstform, weil sie Störfaktoren sind, die gemanagt werden müssen: durch mehr Gesetze, mehr Polizei oder Bildungsprogramme für Migranten. „Alle Politik ist Beschwichtigungspolitik. Man probierte etwas aus, setzte es in die Welt; gab es ausreichend Widerstand, nahm man es zurück und suchte nach anderen Wegen“, schreibt Kumpfmüller.
Das hat scheinbar nichts mit der deutschen Realität zu tun. So fragte Joschka Fischer während der Akademie-Diskussion immer wieder: „Was treibt diesen Selden an?“ Denn hinter einer solchen Politik steckt kein Programm, keine Idee, keine Vorstellung von dem, wie die Welt aussehen soll. Auch wenn Innenminister Selden von dieser Welt sehr in Mitleidenschaft genommen wird: Seine Tochter stirbt bei einem Flugzeugabsturz, und er selbst wird von einer Attentäterin fast umgebracht.
Kumpfmüller zeigt die Innenansicht einer von Krisenmanagement geprägten Politik, in der ungeplante Situationen eben besondere Lösungen erfordern: „Selden plädierte für Ruhe und Gelassenheit und forderte die Medien zu sachlicher Berichterstattung auf. Die Bilder waren dramatisch, aber es waren eben nur Bilder, Ausschnitte, arrangierte Wirklichkeit, während der Rest des Landes wie jeden Morgen brav zur Arbeit ging und über die Krawalle mehrheitlich den Kopf schüttelte.“
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