Der deutsche Film ist im Ausland so erfolgreich wie selten zuvor. Dennoch läuft in der Branche einiges schief. Mit einer eigenen Kinofilmsparte will die Ufa den Markt jetzt weiter aufmischen. Wie, erklärt im Vorfeld der Berlinale Ufa-Chef Wolf Bauer. Ein Gespräch zu Berlinale, Kinokrise, Hollywood-Streik und den eigenen Kinofilmplänen des größten deutschen Filmproduzenten.
Die UFA will an ihre große Filmvergangenheit anknüpfen und wieder große Kinofilme produzieren. Was war der Grund die UFA Cinema zum 90. Geburtstag des Unternehmens zu gründen?
Für uns war es ein lang gehegter Plan, wieder in einem strategisch erheblichen Umfang in die Kinofilmproduktion einzusteigen. Wir haben deshalb Jahr für Jahr geprüft, ob ein solcher Schritt auch wirtschaftlich zu vertreten ist. Doch es machte lange keinen Sinn. Das hat sich nun geändert.
Was hat sich denn im deutschen Filmmarkt geändert? Den Kinos in Deutschland ging es bekanntlich im vergangenen Jahr ziemlich schlecht.
Das Image des deutschen Films hat sich verbessert. Die großen, auch internationalen Erfolge von „Good Bye, Lenin“ über „Das Parfum“ bis hin zu „Das Leben der Anderen“ haben dem Ansehen des deutschen Films beim Zuschauer sehr genutzt.
Doch reicht das für die UFA aus, nun eine risikoreiche Filmsparte zu gründen?
Wir glauben an den deutschen Film. Ein weiterer Grund für unser Engagement sind die gestiegenen Exportchancen. Deutsche Programme kommen im Ausland zur Zeit sehr gut an. Nicht nur erfolgreiches deutsches Kino findet seinen internationalen Markt. Auch wir haben unsere Fernsehmehrteiler wie beispielsweise „Der Tunnel“, „Die Flucht“ oder „Dresden“ in bis zu 100 Länder verkauft. Zudem wollen wir unsere Bibliothek an Film- und Fernsehrechten weiter ausbauen und die entstehenden vielfältigen Verwertungsmöglichkeiten in der digitalen Welt besser ausschöpfen.
Hat Sie nicht auch die Politik mit der Verteilung von Steuergeldern zu UFA Cinema ermutigt?
Ja! Die die vielfältigen Filmförderungen und insbesondere der im letzten Jahr implementierte Deutsche Filmförderfonds von Staatsminister Neumann werden uns helfen. Bis zu einer gewissen Höchstgrenze fördert der DFFF Filmprojekte mit immerhin 20 % seiner deutschen anerkannten Herstellungskosten. Jährlich fließen mit diesem neuen Instrument insgesamt 60 Millionen Euro in die Förderung des deutschen Films. Das nützt der ganzen Industrie.
Wie sehen denn ihre Kinofilmpläne konkret aus?
Am 1. April beginnt Thomas Friedl, bislang Vorstand der Constantin Film, bei der UFA Cinema. Dann werden wir über die ersten Projekte entscheiden. Es befinden sich etwa 40 Stoffe bei uns in der Entwicklung. Aus denen werden wir eine Auswahl treffen. Bereits Ende dieses Jahres werden wir dann die ersten Filme drehen, die dann Ende 2009 oder Anfang 2010 in die Kinos kommen.
Wie viele Filme wollen Sie produzieren und mit welchen Budgets?
Unser Ziel ist es, ab 2011 acht Filme pro Jahre zu produzieren. Die Filme werden ein Budget von vier bis 15 Millionen Euro haben, im Einzelfall sicherlich auch darüber. Wir wollen kommerzielles Kino machen, das können Bestsellerverfilmungen sein, aber natürlich auch klassische Familienunterhaltung.
Werden Sie ihre Filme auf Deutsch oder doch lieber auf Englisch drehen, um die internationale Verwertbarkeit der Produktionen sicherzustellen?
Wir werden überwiegend auf Deutsch und für den deutschsprachigen Markt drehen. Bei geeigneten Stoffen, wie z.B. internationalen Bestsellern wird es auch internationale Produktionen geben, die wir auf Englisch produzieren.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Ist der deutsche Film marktfern?
Viele Filme gehen am Publikum vorbei. Manche Streifen finden nicht einmal ein Verleih und kommen nie in die Kinos. Ist der deutsche Film so marktfern?
Es erscheinen in Deutschland zahlreiche Filme, die völlig am Zuschauer vorbei produziert werden und niemals ihre Herstellungskosten einspielen. Nach den neuesten Zahlen der FFA wurden 2007 174 deutsche Filme ins Kino gebracht. Weniger als 25 Filme erreichten mehr als 250 000 Zuschauer. Diese Zahl zeigt, dass etwas in eine falsche Richtung läuft. Das mag zur kulturellen Vielfalt beitragen, eine funktionierende Kinofilmindustrie aber lässt sich so nicht aufbauen.
Gibt es also viel zu viele Filme?
Ja, natürlich. Insgesamt starten in Deutschland jährlich fast 500 Filme. Jede Woche gibt es also 10 neue Filmangebote. Die Zahl der Kinoleinwände reicht nicht aus, alle Filme angemessen auszuwerten und auch der Zuschauer hat bei dieser Vielzahl keine Chance, einen Überblick zu bewahren.
Was macht Sie denn so sicher, dass der Aufbau einer Kinofilmsparte bei der UFA in einem überfüllten Markt zum Erfolg wird?
Wir wollen hochwertige Filme mit deutlich höheren Budgets, als bislang für einen durchschnittlichen deutschen Kinofilm ausgegeben wird, machen. Wir müssen in Deutschland dringend den Attraktionswert der Kinofilme erhöhen. Nur so können wir erreichen, dass die Leute vermehrt ins Kino gehen. Das Potential ist da. In Deutschland haben wir nicht einmal zwei Kinobesuche pro Einwohner, in anderen europäischen Ländern vier bis sechs. Wir haben zudem mit unseren aufwendigen TV-Mehrteilern wie „Dresden“ oder „Die Flucht“ bewiesen, dass sich Qualität und Massentauglichkeit nicht ausschließen. Wir werden auch für unsere neue Kinofilmsparte alle Register ziehen.
Gibt es in Deutschland genügend Kreativität, um das Publikum in deutsche Filme zu locken?
Ich entdecke in Deutschland ein hohes Maß an Kreativität. Unser Problem ist der Mangel an herausragenden Autoren. Ich wünschte, wir und die Branche insgesamt hätten mehr für die Autorenausbildung getan.
Wie wichtig ist die UFA Cinema insgesamt für ihre Unternehmensgruppe?
Ufa Cinema ist neben den TV-Produktionstöchtern unsere siebte Unternehmenssäule. Aber natürlich müssen wir auch in unserem Kerngeschäft wachsen. Das ist nicht einfach, denn der deutsche Markt hat einen hohen Reifegrad erreicht. Für uns geht es künftig auch weiterhin darum, neue Inhalte für die digitale Zukunft zu liefern.
Was heißt das?
Der Konsument entscheidet sich immer für Inhalte und nicht für eine Technik. Ohne Inhalte können neue Angebote wie das Handy-TV daher kein Erfolg werden. Mit dem Ausbau unserer Angebote für neue digitale Plattformen sichern wir die Zukunft für die Ufa.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Was der Drehbuchautoren-Streik in Hollywood für Deutschland bedeutet
Profitieren Sie vom Produktionsstopp in Hollywood durch den mehrmonatigen Streik der Drehbuchautoren?
Wir profitieren nicht unmittelbar vom Streik. Auch die große programmkreative Industrie in Hollywood kocht nur mit Wasser. Schon im vergangenen Jahr wurde beispielsweise auf der Filmmesse L.A. Screenings deutlich, dass es auch dort nur selten gelingt, neue exportfähige Serien zu produzieren. Die Studios haben mindestens die zwei vergangenen Jahre nicht mehr an die Erfolge früherer Jahre anknüpfen können. Hier gilt es für die deutsche Produzentenschaft, mit guten Serienideen verlorenes Terrain zurück zu gewinnen.
Werden im diesen Jahr die L.A. Screenings aus Mangel an Produktionen ausfallen?
Ich denke nicht, denn die Piloten für die kommenden LA Screenings dürften schon weitgehend fertig produziert gewesen sein, als der Streik begann. Im Übrigen gehe ich davon aus, dass die Autoren trotz ihres Streiks nicht untätig bleiben, sondern insgeheim längst neue Drehbücher für Serien und Filme in der Schublade haben.
Die Berlinale ist Deutschlands einziges internationales Festival. Was gefällt Ihnen an der Berlinale?
Die Berlinale macht einfach Spaß. Sie ist ein Festival für das Publikum und holt viele internationale Filmfreunde in die Hauptstadt. Zudem hat die Berlinale durch den Talent Campus eine ausgezeichnete Nachwuchsbörse und mit dem European Film Market auch eine wirtschaftliche Bedeutung, die kontinuierlich wächst.
Was gefällt Ihnen nicht an der Berlinale?
Der Termin im Februar gefällt mir überhaupt nicht. Das Wetter in Berlin ist furchtbar. Im Sommer könnte sich die Filmstadt Berlin von ihrer schönsten Zeiten zeigen. Dann wären beispielsweise Filmvorführungen unter freiem Himmel möglich und die Stars müssten nicht so schnell über den roten Teppich in die Wärme flüchten.
...und wie stehen die Chancen für eine Verschiebung?
Dieter Kosslick wird sicherlich gute Gründe für den Verbleib im Februar anführen können und mich böse schelten, so etwas überhaupt anzuregen.


