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21.07.2008 
Ausstellung

Zu Unrecht unterschätzt

von Christian Herchenröder

Bester Maler Roms nach dem Tod Raffaels, Adept der weichen Manier Giorgiones, Gehilfe Leonardos, träger Lebemann. Das sind die Urteile, die den Maler Sebastiano del Piombo (1485 - 1547) schon kurz nach seinem Tod zu einem Chamäleon der Kunstgeschichte machen. Nun ermöglicht Berlin die Wiederentdeckung des legendären Künstlers.

BERLIN. Schuld daran trägt nicht zuletzt der nicht immer unvoreingenommene Künstlerbiograph Giorgio Vasari, der ihn in seinen "Vite" zwar als einen begnadeten Porträtisten preist, ihn aber zugleich als faul und "zu sehr in die Freuden des Lebens versenkt" kritisiert.

Die erste monographische Ausstellung über diesen Künstler, der Päpste und Könige bezauberte, mit Gemälden auf Stein und als Freskomaler neue Techniken praktizierte und in seiner Spätphase der Zeit weit voraus war, ist jetzt von Rom nach Berlin gewandert. Hier werden in zwei Stockwerken des Kulturforums mit 40 Gemälden und 20 ausgetauschten Zeichnungen die venezianische und die römische Periode ausgebreitet. Die nicht durchgängig chronologisch gehängte Schau, die aus restoratorischen Gründen auf monumentale Hauptwerke wie die Londoner "Auferstehung des Lazarus" und die "Beweinung" aus St. Petersburg verzichten muss, ist mehr als eine Augenweide. Sie restituiert das Charakterbild eines Künstlers, der zu den größten des italienischen 16. Jahrhunderts zählt.

Eines macht die Ausstellung auf Anhieb klar: Sebastiano del Piombo ist kein Eklektiker, als den ihn die puristisch auf die venezianische Kunst einerseits, auf Raffael und Michelangelo andererseits konzentrierte Kunstgeschichtsschreibung gerne bezeichnet. Sebastiano ist das Paradebeispiel eines Künstlers, der das eigene Idiom durch Anverwandlung der unterschiedlichsten Stile fand. Zwei Drittel der Ausstellung zeigen einen Maler, der die stilistische Summe aus den wichtigsten Strömungen seiner Zeit zieht und dabei selbst zum Vorreiter wird.

Die im venezianischen Teil der Schau gezeigte "Madonna mit Heiligen" steht noch ganz im Banne Bellinis. Aber schon hier zeigt sich in der dichten Figurenkomposition ein physiognomischer Ausdruckswille, der aus dem kanonischen Modell der "Sacra conversatione" (Thronmadonna mit Heiligen) ausbricht. Und in dem bis 1955 als Werke Giorgiones geltenden Bilderpaar "Geburt des Adonis" und "Tod des Adonis" (Sammlung Lia, La Spezia) ist die Landschaft geschlossener und die Figurenkomposition dynamischer als bei dem venezianischen Meister.

Das magische Bildnis einer jungen Römerin, das Wilhelm von Bode 1885 für die Berliner Gemäldegalerie erwarb, wird heute neben Leonardos "Mona Lisa" und Raffaels "Farnesina" zu Recht als Porträt-Ikone der italienischen Renaissance bewundert. Schon 1838 hatte der Berliner Museumsdirektor K. F. Waagen das Bildnis in Blenheim Castle gesehen und es in seinem für viele spätere Museumsankäufe verbindlichen Werk "Kunstwerke und Künstler in England" von Raffael auf Sebastiano del Piombo umgeschrieben: "Auffassung, Zusammenstellung der Farben, Colorit, Landschaft des Hintergrundes sind ganz in seinem Geschmack." Wenn wir jetzt die Gruppe der in Berlin versammelten Porträts abschreiten, kann über Qualität und Authentizität dieser zunehmend kühler und statuarischer werdenden Werke kein Zweifel mehr herrschen. Sebastiano, der sich als hervorragender Lautenspieler zunächst zur Musik berufen fühlte, hatte in Bellini in Venedig seinen ersten Lehrmeister gefunden. Seine Freundschaft mit Giorgione und Tizian, die sich in dem Dreifachporträt aus Detroit manifestiert, zu dem jeder der drei Maler eine Figur beitrug. Durch den Bankier Agostino Chigi, der den Maler 1511 zum Umzug nach Rom überredete, kam er in Kontakt mit Raffael, mit dessen gefeierter Kunst er sich als Porträtist und Freskenmaler zu messen suchte.

Die Freundschaft der beiden verwandelte sich bald in Eifersucht und Gegnerschaft. Apotheose ihrer Konkurrenz ist die "Auferweckung des Lazarus", die 1520 zusammen mit Raffaels gleich großer "Transfiguration" ausgestellt und von Kardinal Giulio de Medici für seinem Bischofssitz in Narbonne erworben wurde. Auch die Freundschaft mit Michelangelo, der ihm für einige seiner Kompositionen Zeichnungen lieferte (zwei sind in der Ausstellung), endete im Unfrieden, als Sebastiano dem Älteren für das "Jüngste Gericht" der Sixtinischen Kapelle seine eigene Maltechnik und Grundierung aufzwingen wollte. Er selbst hatte mit der vorbildlichen "Geißelung" in San Pietro in Montorio seinen Rang als innovativer Freskenmaler bewiesen.

Papst Clemens VII., von dem Sebastiano mehrere Porträts schuf (drei sind in der Ausstellung der Gemäldegalerie), machte den Künstler 1531 zu seinem Siegelbewahrer - ein gut dotiertes Amt, das ihm zu seinem Spitznamen verhalf (piombo = Siegel). In seinen letzen 16 Jahren bestätigte er seinen Ruhm als Porträtmaler. Doch die Arbeitslust schwand - wohl nicht zuletzt aus dem Gefühl einer Krise der mittelitalienischen Malerei um 1550, die der Schnellmalerei mehr Bewunderung widmete als der feinen Arbeitstechnik Sebastianos.

Schon in den frühen römischen Bildnissen hatte der Maler einen Porträtstil gepflegt, der die Halbfigur mit sensueller Aura in diffusem Licht erscheinen lässt. Die dunklen Partien spielen hier eine ebenso starke bildprägende Rolle. Vasari rühmt nicht von ungefähr die "fünf- oder sechserlei verschiedenen Schwarztöne" wie die blinkende Rüstung, der glänzende Atlas oder die Feinstruktur des Pelzes. In den späten Porträts haben die Gesichter steinerne Plastizität oder sie erscheinen, in mystisches Dunkel getaucht, wie balsamiert dem Leben entrückt.

Gegenüber Florentiner Zeitgenossen wie Andrea del Sarto oder Bronzino war Sebastiano del Piombo jahrhundertelang unterbewertet. Noch 1999 ging ein monumentales Männerbildnis aus der Sammlung Barbara Piasecka Johnson, das auf 1 - 1,5 Mill. Dollar geschätzt war, bei Sotheby?s in New York zurück. Das ist angesichts der Rarität und Einzigartigkeit seines Werks unverständlich. Die Ausstellung kommt zur rechten Zeit. Der noch immer Unterschätzte erfährt mit der römisch-berlinischen Initiative eine glänzende Satisfaktion. Der Makel, den ihm Vasari mit dem Satz "Die Kunst verlor durch ihm nicht viel", angeheftet hatte, ist endgültig gelöscht. Bis 28.09.08., Katalog (Federico Motta) 38 Euro.

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