Die Freundschaft der beiden verwandelte sich bald in Eifersucht und Gegnerschaft. Apotheose ihrer Konkurrenz ist die "Auferweckung des Lazarus", die 1520 zusammen mit Raffaels gleich großer "Transfiguration" ausgestellt und von Kardinal Giulio de Medici für seinem Bischofssitz in Narbonne erworben wurde. Auch die Freundschaft mit Michelangelo, der ihm für einige seiner Kompositionen Zeichnungen lieferte (zwei sind in der Ausstellung), endete im Unfrieden, als Sebastiano dem Älteren für das "Jüngste Gericht" der Sixtinischen Kapelle seine eigene Maltechnik und Grundierung aufzwingen wollte. Er selbst hatte mit der vorbildlichen "Geißelung" in San Pietro in Montorio seinen Rang als innovativer Freskenmaler bewiesen.
Papst Clemens VII., von dem Sebastiano mehrere Porträts schuf (drei sind in der Ausstellung der Gemäldegalerie), machte den Künstler 1531 zu seinem Siegelbewahrer - ein gut dotiertes Amt, das ihm zu seinem Spitznamen verhalf (piombo = Siegel). In seinen letzen 16 Jahren bestätigte er seinen Ruhm als Porträtmaler. Doch die Arbeitslust schwand - wohl nicht zuletzt aus dem Gefühl einer Krise der mittelitalienischen Malerei um 1550, die der Schnellmalerei mehr Bewunderung widmete als der feinen Arbeitstechnik Sebastianos.
Schon in den frühen römischen Bildnissen hatte der Maler einen Porträtstil gepflegt, der die Halbfigur mit sensueller Aura in diffusem Licht erscheinen lässt. Die dunklen Partien spielen hier eine ebenso starke bildprägende Rolle. Vasari rühmt nicht von ungefähr die "fünf- oder sechserlei verschiedenen Schwarztöne" wie die blinkende Rüstung, der glänzende Atlas oder die Feinstruktur des Pelzes. In den späten Porträts haben die Gesichter steinerne Plastizität oder sie erscheinen, in mystisches Dunkel getaucht, wie balsamiert dem Leben entrückt.
Gegenüber Florentiner Zeitgenossen wie Andrea del Sarto oder Bronzino war Sebastiano del Piombo jahrhundertelang unterbewertet. Noch 1999 ging ein monumentales Männerbildnis aus der Sammlung Barbara Piasecka Johnson, das auf 1 - 1,5 Mill. Dollar geschätzt war, bei Sotheby?s in New York zurück. Das ist angesichts der Rarität und Einzigartigkeit seines Werks unverständlich. Die Ausstellung kommt zur rechten Zeit. Der noch immer Unterschätzte erfährt mit der römisch-berlinischen Initiative eine glänzende Satisfaktion. Der Makel, den ihm Vasari mit dem Satz "Die Kunst verlor durch ihm nicht viel", angeheftet hatte, ist endgültig gelöscht. Bis 28.09.08., Katalog (Federico Motta) 38 Euro.


