0 Bewertungen
12.03.2008 
Formel-1

Noch einmal aus dem Vollen schöpfen

von Elmar Brümmer

Am Sonntag beginnt die Formel-1-Saison 2008 mit dem ersten Rennen in Melbourne. BMW-Sauber will endlich die Phalanx von Mercedes und Ferrari aufbrechen und in den Kampf um die Spitze eingreifen. Ron Dennis bleibt trotz der Querelen der Vorjahre Teamchef bei McLaren.

MELBOURNE. Genfer Auto-Salon war letzte Woche, an diesem Sonntag beginnt die richtige Weltmeisterschaft der Automobilkonzerne: Die Formel-1-Saison 2008, sie startet mit dem ersten Rennen in Melbourne.

Und sie verspricht zu einer Schlacht der Werksteams zu werden. McLaren-Mercedes hat nach der Spionage-Affäre und dem verlorenen Titel im letzten Rennen in Sao Paulo noch mehrere Rechnungen mit Ferrari offen, und BMW will aus dem Zweikampf einen Dreikampf machen.

Nein, muss. Geschätzte 210 Millionen Euro lässt sich der Münchner Automobilkonzern das Unternehmen Grand-Prix-Sieg in diesem Jahr kosten. Seit der Jahrtausendwende probiert BMW den Aufstieg an die Spitze der Königsklasse, erst als Motorenlieferant, seit drei Jahren mit eigenem Team. Damals hat der deutsche Konzern das Schweizer Privat-Team von Peter Sauber erworben. Seither wird es zur Konzernfiliale ausgebaut. 430 Mitarbeiter in Hinwil und rund 300 Ingenieure in München umfasst die komplettierte Mannschaft, in der Schweiz stehen ein Supercomputer, der modernste Windkanal der Branche und eine nagelneue Rennfabrik.

Die Aufbauphase ist abgeschlossen, jetzt muss der Aufschwung kommen. Es ist kein Wunsch, sondern ein Befehl – festgeschrieben in einer Zielvereinbarung mit Technikvorstand Klaus Draeger. Der Plan sieht vor: Siege in diesem Jahr und im kommenden um den Titel mitfahren. Ist der Druck zu groß? „Nein“, sagt der Motorsportchef des Teams Mario Theissen: „Schlaflose Nächte habe ich nicht, dadurch wird das Auto auch nicht schneller.“

Doch der letzte Schritt an die Spitze ist eher ein Sprung und zwar ein gewaltiger. Ferrari und McLaren-Mercedes operieren seit Jahren im absoluten Spitzenbereich. BMW will das nun mit Überraschungen kontern. Schon Ende vergangenen Jahres, nachdem der zweite Platz in der Teamwertung feststand, (McLaren fiel aufgrund der Spionage-Affäre auf den letzten Platz zurück), wurde alles auf die Zukunft ausgerichtet. Dementsprechend radikal sind die technischen Lösungen, die im neuen Boliden F1.08 stecken – vor allem die Aerodynamik mit ihren Hirschgeweih ähnlichen Flügeln.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Unwägbarkeiten sind groß.

So schön und schnell der weiß-blaue Renner auch daherkommt, so kapriziös erwies sich Motor und Technik zu Beginn der Testfahrten. Theissen, der von der Siegfähigkeit des Autos überzeugt ist, spricht von einem ganz bewussten Konzeptsprung: „Um die Teams vor uns einholen zu können, mussten wir auf ein aggressives Konzept setzen.“ Die Unwägbarkeiten des Neuwagens nimmt er billigend in Kauf: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Auto mit viel Potenzial am Anfang schwieriger zu beherrschen ist als ein gutmütiges Auto, dessen Limit aber auch viel schneller erreicht ist.“

Wagen und gewinnen? Wenn es nur so einfach wäre. Die Unwägbarkeiten sind groß, die Konkurrenz ist es auch. Sechs der elf Formel-1-Rennställe sind fest in Konzernhand, zwei Drittel des Gesamtetats aller Teams von rund zwei Milliarden Euro gibt allein die Gruppe der Topteams für die 18 Saison-Rennen aus. Im kommenden Jahr soll, wenn sich der Automobilweltverband Fia mit seiner geplanten Budgetobergrenze von knapp 100 Millionen Euro pro Team durchsetzt, der Aufwand halbiert werden.

Ein letztes Mal aus dem Vollen schöpfen, das kommt nicht nur dem Aufsteiger BMW entgegen. Alle Rennabteilungen stehen unter Erfolgszwang: Bei Ferrari muss sich das neue, stark italienisch geprägte Management unter Todt-Nachfolger Stefano Domenicali beweisen. Mercedes hat die Überreste der Vorjahresskandale aufzukehren und muss weiter mit Ron Dennis zusammenarbeiten, der gestern entgegen der Branchengerüchte verkündete, er werde McLaren weiter als Teamchef vorstehen. Toyota kann sich auf Dauer ein Scheitern seiner Serienphilosophie und den immensen finanziellen Aufwand nicht leisten. Honda hat seinen japanischen Formel-1-Beauftragten abberufen und Ferrari-Superhirn Ross Brawn zum Chef gemacht. Und Renault hat den Etat erhöht und Ex-Weltmeister Fernando Alonso zurückgeholt.

Die Verlagerung des ewigen deutschen Prestigeduells Mercedes gegen BMW von der Autobahn auf die Rennstrecke bringt daher zusätzliche Brisanz in den Rennzirkus, macht es für BMW aber nicht gerade leichter, seine ehrgeizigen Pläne umzusetzen. Zuversichtlich sind sie dennoch, nach den vielen Verunsicherungen zu Saisonbeginn, als Nick Heidfeld (30) und Robert Kubica (23) über ein sehr eigenwilliges Fahrverhalten des F1.08 klagten, brennen sie jetzt auf den Vergleich mit der Konkurrenz – auch wenn mit einem Sieg beim Auftakt keiner rechnet.

Erst für das Saisonfinale erhofft sich etwa Technikchef Willy Rampf Lohn für den Mut des Teams: „Denn den Anschluss kann man nicht erreichen, indem man konservativ zu Werke geht. Wer an die Spitze will, muss seine Grenzen ausloten.“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige
Anzeige