So schön und schnell der weiß-blaue Renner auch daherkommt, so kapriziös erwies sich Motor und Technik zu Beginn der Testfahrten. Theissen, der von der Siegfähigkeit des Autos überzeugt ist, spricht von einem ganz bewussten Konzeptsprung: „Um die Teams vor uns einholen zu können, mussten wir auf ein aggressives Konzept setzen.“ Die Unwägbarkeiten des Neuwagens nimmt er billigend in Kauf: „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ein Auto mit viel Potenzial am Anfang schwieriger zu beherrschen ist als ein gutmütiges Auto, dessen Limit aber auch viel schneller erreicht ist.“
Wagen und gewinnen? Wenn es nur so einfach wäre. Die Unwägbarkeiten sind groß, die Konkurrenz ist es auch. Sechs der elf Formel-1-Rennställe sind fest in Konzernhand, zwei Drittel des Gesamtetats aller Teams von rund zwei Milliarden Euro gibt allein die Gruppe der Topteams für die 18 Saison-Rennen aus. Im kommenden Jahr soll, wenn sich der Automobilweltverband Fia mit seiner geplanten Budgetobergrenze von knapp 100 Millionen Euro pro Team durchsetzt, der Aufwand halbiert werden.
Ein letztes Mal aus dem Vollen schöpfen, das kommt nicht nur dem Aufsteiger BMW entgegen. Alle Rennabteilungen stehen unter Erfolgszwang: Bei Ferrari muss sich das neue, stark italienisch geprägte Management unter Todt-Nachfolger Stefano Domenicali beweisen. Mercedes hat die Überreste der Vorjahresskandale aufzukehren und muss weiter mit Ron Dennis zusammenarbeiten, der gestern entgegen der Branchengerüchte verkündete, er werde McLaren weiter als Teamchef vorstehen. Toyota kann sich auf Dauer ein Scheitern seiner Serienphilosophie und den immensen finanziellen Aufwand nicht leisten. Honda hat seinen japanischen Formel-1-Beauftragten abberufen und Ferrari-Superhirn Ross Brawn zum Chef gemacht. Und Renault hat den Etat erhöht und Ex-Weltmeister Fernando Alonso zurückgeholt.
Die Verlagerung des ewigen deutschen Prestigeduells Mercedes gegen BMW von der Autobahn auf die Rennstrecke bringt daher zusätzliche Brisanz in den Rennzirkus, macht es für BMW aber nicht gerade leichter, seine ehrgeizigen Pläne umzusetzen. Zuversichtlich sind sie dennoch, nach den vielen Verunsicherungen zu Saisonbeginn, als Nick Heidfeld (30) und Robert Kubica (23) über ein sehr eigenwilliges Fahrverhalten des F1.08 klagten, brennen sie jetzt auf den Vergleich mit der Konkurrenz – auch wenn mit einem Sieg beim Auftakt keiner rechnet.
Erst für das Saisonfinale erhofft sich etwa Technikchef Willy Rampf Lohn für den Mut des Teams: „Denn den Anschluss kann man nicht erreichen, indem man konservativ zu Werke geht. Wer an die Spitze will, muss seine Grenzen ausloten.“
