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11.07.2008 
Formel-1-Talent Lewis Hamilton

„Verlieren macht stärker“

von Harry Miltner

Schon in seiner ersten Saison verdrängte Formel-1-Pilot Lewis Hamilton den damaligen Weltmeister Fernando Alonso und verpasste selbst den Weltmeister-Titel nur knapp. Mit dem Handelsblatt spricht der Senkrechtstarter über den Leistungsdruck, die Rivalität und den Ausgleich.

Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton hat gelernt mit Niederlagen umzugehen. Foto: ReutersLupe

Formel-1-Fahrer Lewis Hamilton hat gelernt mit Niederlagen umzugehen. Foto: Reuters

Handelsblatt: In Ihrer ersten Formel-1-Saison wurden Sie sensationell Vize-Weltmeister. Nach dem Wechsel Ihres teaminternen Rivalen, Doppelchampion Fernando Alonso zu Renault, sind Sie dieses Jahr die Nummer eins bei McLaren-Mercedes und mit 23 Jahren Anwärter auf den Weltmeistertitel. Wie fühlt sich diese steile Karriere an?

Hamilton: Ich habe Glück gehabt und war zur rechten Zeit am richtigen Ort. Wir haben ein Super-Auto und eine Mannschaft, die Tag und Nacht daran arbeitet, noch besser zu werden. Im Rennauto ist es das Schwierigste, konstant zu sein und wenig Fehler zu machen. Dafür musst Du ausgeglichen sein.

Wie groß ist der Leistungsdruck?

Leistungsdruck hatte ich von Beginn meiner Karriere an: 2003 musste ich die britische Formel-Renault-Meisterschaft gewinnen, um die Förderung durch McLaren-Mercedes nicht zu verlieren. Dann habe ich die GP2-Meisterschaft vor zwei Jahren erst am letzten Wochenende gewonnen, und nur dadurch die Chance in der Formel 1 bekommen. 2007 war ich dann bei McLaren die Nummer zwei. Dieses Jahr habe ich nun Fernandos Position, auch wenn ich mich schon vergangenes Jahr im Team als gleichwertig etabliert habe. Ich habe letztes Jahr sicherlich noch mehr Druck verspürt.

Wie gehen Sie damit um?

Was immer ich im Leben gemacht habe, ich habe mich nie dirigieren lassen. Ich glaube ans Schicksal, daran, dass es für alles einen Grund gibt. Aber ich kämpfe in der Formel 1 um den Weltmeistertitel, weil ich die Gelegenheiten in meinem Leben konsequent genutzt habe. Ron Dennis hat mir damals deutlich gesagt: ,Nur wenn Du gewinnst, bekommst Du die Chance, in unserem Auto zu sitzen.‘ Ich habe alles unternommen, um das Maximum aus mir herauszuholen.

Gibt es mentale Übungen, die Sie dabei unterstützen?

Nein. Mentaltrainer halte ich für überflüssig. Ich bin überzeugt von meinem Auto, meinem Team, und mir selbst. Ich vermeide es, mir bis in die Nacht den Kopf zu zerbrechen.

Helfen Ihnen vielleicht bestimmte Menschen?

Ich versuche, so viel Zeit wie möglich mit meiner Familie zu verbringen – mit meinem Vater und meinem Bruder. Sie lenken mich ab. Für mich wäre es schwierig, ein Rennwochenende ohne sie durchzustehen.

Wie viel Spielraum haben Sie, sich langsam oder kontinuierlich zu steigern?

Wenn Du nicht mit aller Entschlossenheit ans Rennfahren herangehst, wirst Du nie so gut werden, wie Du könntest. Es gibt in der Formel 1 Fahrer, die nicht das Letzte aus sich herausholen. Umgekehrt kompensieren manche das, was ihnen an Talent fehlt, mit Fleiß. Der Beste kannst Du aber nur werden, wenn Du beides hast. Du musst auch die technische Seite deines Autos verstehen und Du musst das, was Du auf der Strecke spürst, in Worte fassen und den Ingenieuren vermitteln können. So was muss man lernen. Erfolgreich Rennen zu fahren heißt, einen Plan zu haben.

Hat sich Ihre Selbstsicherheit gesteigert, seit Sie die Vertragsverlängerung bei McLaren-Mercedes unterschrieben haben?

Ich denke ja. Dass das Team weitere fünf Jahre mit mir arbeiten will, ist großartig. Ich liebe es, dieses Auto zu fahren, ich liebe die Leute hier. Ich bin am richtigen Fleck.

Wie schwer ist es für Sie, bei McLaren-Mercedes als Nachfolger für Fernando Alonso mit zig Jahren Rennerfahrung betrachtet zu werden?

Alonso ist eine anerkannte Größe – der zweimalige Weltmeister. Nun Fernandos Position inne zu haben, ist etwas Neues. Aber ich weiß heute viel mehr über das Auto, über das Team, die Strecken, die Regeln und auch über mich selbst. Ich bin ein besserer Fahrer als vor einem Jahr. Und, ich bin jung und kann noch besser werden.

Hatten Sie das Gefühl, sich intern gegen ein Idol durchsetzen zu müssen?

Man muss außerhalb des Autos Respekt voreinander zeigen. Ich habe die Formel 1 in den Vorjahren aufmerksam verfolgt und gesehen, wie toll Fernando gefahren ist. Er hat mir gezeigt, wie man sich verhält und professioneller wird. Es wäre schön, wenn jemand mal in der Position ist, von mir zu lernen und dann sagt: ,Das ist der Weltmeister.‘

Was tun Sie konkret, um sich durchzusetzen?

Wenn Du in Deine erste Saison gehst und gleich gegen den Weltmeister fährst, ist das ein Privileg. Ich bewundere, was Fernando Alonso erreicht hat, aber der erste, den es zu schlagen gilt, ist immer der Teamkollege. Und das war mein Ziel. In Ungarn sind wir uns auf die Füße getreten (Anm. der Redaktion: Alonso hat Hamilton in der Boxengasse aufgehalten). Daraufhin habe ich ihn angerufen und gesagt: ,Wir müssen miteinander auskommen, also müssen wir reden.‘ Wir haben uns dann in einem Hotelzimmer in Istanbul vor dem Grand Prix ausgesprochen. Damit war für mich die Luft wieder rein.

Wie groß ist in den aktuellen Rennen die Rivalität zwischen Ihnen beiden?

Ich war traurig und enttäuscht, dass sich unsere Beziehung nicht verbesserte. Dieses Jahr hat Fernando bei Renault kein so konkurrenzfähiges Material. Daher fighten wir auf der Strecke nur selten gegeneinander.

Wie versuchen Sie Ihre vergleichsweise geringe Erfahrung wett zu machen?

Vergessen Sie nicht, dass ich in den vergangenen zehn Jahren in verschiedenen Klassen um Titel gekämpft habe. Ich bin stark genug, um alle Situationen im Rennen zu meistern. Dennoch wusste ich viel zu wenig über die Feinheiten eines Formel-1-Autos und auch über die Erfahrung des Verlierens. Sie ist sehr wichtig, denn sie macht einen noch stärker, sie formt die Persönlichkeit.

Wie gehen Sie mit Rückschlägen wie zuletzt beim Rennen in Montreal um, als Sie in der Boxengasse in den Wagen von Kimi Räikkönen krachten?

Mein Selbstbewusstsein wurde nicht angeknackst. Ich bin auch nicht niedergeschlagen oder enttäuscht. Es war einfach nur eines der Dinge, die man erleben und abhaken muss.

Wie optimieren Sie Ihr Durchhaltevermögen?

Ich trainiere meine Körperbeherrschung, meine mentale Fitness und vor allem übe ich mich in Disziplin. Das Zeitmanagement ist dafür sehr wichtig. Denn Erholen, um Kraft zu tanken, ist ein wichtiger Punkt in meinem Tagesablauf.

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