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09.05.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Am Anfang war der Schmerz

von Andreas Hoffbauer

Seit Liu Xuan bei Olympia 2000 Gold im Turnen gewann, ist sie ein Star in China. Um ihrem Vorbild zu folgen, plagen sich Zehntausende Kinder in staatlichen Sportschulen.

Goldmedaillengewinnerin Liu Xuan in Peking: "Meine Niederlage bei Olympia 1996 ist tiefer verwurzelt in mir als der Jubel über die Medaille vier Jahre später." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Goldmedaillengewinnerin Liu Xuan in Peking: "Meine Niederlage bei Olympia 1996 ist tiefer verwurzelt in mir als der Jubel über die Medaille vier Jahre später." Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Nur kurz verharrt Liu Xuan auf dem Schwebebalken. Noch einmal holt sie tief Luft. Volle Konzentration, jeder Muskel ist angespannt. Dann zwei schnelle kräftige Schritte auf dem vibrierenden Holz, schon wirbelt die junge Sportlerin im rot-gelben Dress durch die Luft. Sie wagt einen spektakulären Abgang mit Doppelsalto, Chinas Turnwelt hält den Atem an.

Als Liu Xuan sicher auf der blauen Matte landet, brechen die Zuschauer in Jubel aus. Die Olympia-Halle von Sydney ist außer sich. Das muss sie sein, die Goldmedaille im Frauenturnen. Aus der Startnummer 322 ist ein Star geworden.

„Es gibt viele schöne Momente im Leben, aber dieser ist für mich unvergesslich“, sagt die Goldmedaillengewinnerin heute. Für die damals 21-Jährige wurde bei den Sommerspielen im Jahr 2000 nicht nur ein Traum war. Für die zierliche Frau, die schon mit fünf Jahren trainierte und mit 13 Jahren in der chinesischen Nationalmannschaft turnte, hatte sich mit einer perfekten Übung endlich alle Plagerei bezahlt gemacht – die einsamen Stunden im Sportinternat, das knochenharte Training, die Kindheit voller Schmerzen.

Acht Jahre später hat Liu ihren Erfolg auch zu Geld gemacht. Heute trifft man sie nicht mehr in einer von Schweiß und Gummi miefenden Sporthalle; bei den am 8. August beginnenden Olympischen Spielen im eigenen Land tritt sie nicht mehr an. Heute trifft man Liu Xuan vor allem in Pekings Szene-Restaurants.



Inzwischen ist sie eine der beliebtesten Filmschauspielerinnen Chinas. Daneben wirbt die 29-Jährige für chinesische Kosmetik, sie versucht sich als Popsängerin, im Fernsehen tritt sie als Moderatorin auf. Jedes Kind in China kennt Liu Xuan. Sie ist der lebende Beweis dafür, dass härtestes Training und höchster sportlicher Erfolg im Namen der Nation sich auszahlen – in sozialem Aufstieg.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Inszeniert wie in Hollywood

Ein schwarzer Kleinbus mit abgedunkelten Scheiben fährt vor. Der Fahrer springt heraus und hält die Tür auf. Liu Xuan steigt aus, begleitet von ihrer Agentin und einer Assistentin. Liu hat darauf bestanden, am Eingang des Restaurants abgeholt zu werden. Sie kommt viel zu spät, das Fotoshooting für das Modemagazin „Vogue“ hat länger gedauert als geplant. Alles ist ein bisschen wie in Hollywood – nur ein roter Teppich fehlt noch.

Doch die Inszenierung ist nur Fassade, schon nach ein paar Minuten erzählt Liu Xuan offen von ihrem Leben – wie jede Studentin in Peking. „Ich mache kaum noch Sport“, sagt sie und kichert, „nur manchmal Joggen oder Yoga.“ Liu trägt blaue Jeans, sie hat sich einen modischen schwarzen Schal um den Hals geschlungen.

„Als Kind wollte ich eigentlich Polizistin werden, so mit einer richtig schönen Uniform“, plaudert der Superstar des 1,3-Milliarden-Volkes. Sie liebe chinesisches Essen, „aber richtig schön scharf“ müsse es sein. Ihr Lieblingsland sei die Schweiz, weil da alles so niedlich und sauber ist. Und die US-Schauspielerin Katharine Hepburn verehre sie.


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Und im Sport? „Im Sport war immer Li Ning mein Vorbild“, sagt Liu dann und nickt so heftig, dass ihre großen Silberohrringe auf und nieder hüpfen. Turnprinz Li Ning, heute ein erfolgreicher Unternehmer, ist Chinas große Sportlegende, eine Art chinesischer Uwe Seeler. Li hatte 1984 in Los Angeles mit sechs Medaillen – darunter dreimal Gold – seine Volksrepublik triumphal aus ihrer olympischen Isolation geholt. 30 Jahre lang hatte das Land aus politischen Gründen nicht an Sommerspielen teilgenommen.

Liu Xuan wurde zum Sportidol, weil sie in Sydney gerade noch eine große Schmach für Chinas Turnerinnen verhinderte. Das Team aus der Volksrepublik war als klarer Favorit angetreten, hatte aber schwach abgeschnitten. Liu am Schwebebalken war die letzte Chance auf Turngold für die chinesischen Frauen – und sie ließ ihre Nation nicht im Stich.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ein Star wird geboren

Goldruhm gepaart mit Schönheit, China hatte seinen Superstar. Und Liu Xuan verkörpert besonders anschaulich die Stärken der Chinesen: Ausdauer, Disziplin, Mut, Beweglichkeit und Willensstärke.

Mehr goldene Ergebnisse denn je erwartet China bei den Heim-Sommerspielen von seinen 400 Athleten. In Sydney schafften sie mit 28 Goldmedaillen den Aufstieg zur weltweit drittbesten olympischen Macht. Mit 32 goldenen lag die Volksrepublik vier Jahre später in Athen schon auf Platz zwei – nur noch vier Goldmedaillen hinter der Sportübermacht USA.

Nun, 2008, scheint der heimliche Traum der Wirtschaftsmacht China, im Sport die Nummer eins der Welt zu werden, zum Greifen nah. Dabei sind es aber gar nicht so sehr die Vorgaben der kommunistischen Führung in Peking, die Erfolgsdruck erzeugen. Vor allem Chinas Bürger wollen Gold sehen. Eine Umfrage ergab, der größte Wunsch der Chinesen ist, dass Nationalheld und 110-Meter-Hürden-Sprinter Liu Xiang in Peking als Erster über die Ziellinie fliegt.


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Die Erwartungen der Fans und die seelische Belastung seien bisweilen zu groß, beklagen bereits Athleten wie der Gewichtheber Shi Zhiyong öffentlich. Liu Xuan allerdings hat das nie so empfunden: „Für mich bedeutet Druck immer Motivation.“

Überhaupt seien Niederlagen im Sport oft wichtiger als Siege, sagt sie. Ihre Augen blicken ernst. Sie weiß, wovon sie spricht. Bereits als 17-Jährige war sie zu den Sommerspielen 1996 nach Atlanta geschickt worden. Doch sie patzte bei ihrem Olympia-Debüt am Stufenbarren und vermasselte der Mannschaft jede Medaillenchance. Das war der bitterste Moment in ihrem Leben, sagt Liu Xuan: „Und der ist tiefer verwurzelt in mir als der Jubel über die Medaillen.“

Doch über die Tränen, die sie in Atlanta vergoss, schäme sie sich nicht. „Sportler sollten ruhig Gefühle zeigen“, sagt Liu und wirft lachend den Kopf in den Nacken. Ihr Team zeigte damals allerdings wenig Mitgefühl, wollte sie aus dem Kader werfen. Sie setzte erst einmal mit dem Sport aus. „Atlanta war meine ganz große Niederlage.“ Ihre schmale Hand streicht über den Tisch im Restaurant, als wolle sie etwas beiseite schieben.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: "Fleißig trainieren für Olympia"

Liu Xuan mit Autorin Ruth Kirchner und dem China-Korrespondenten des Handelsblatt, Andreas Hoffbauer. Foto: Katharina SlodczykLupe

Liu Xuan mit Autorin Ruth Kirchner und dem China-Korrespondenten des Handelsblatt, Andreas Hoffbauer. Foto: Katharina Slodczyk

Damals habe sie aber auch gelernt, nicht aufzugeben, sagt Liu. So gelang ihr vier Jahre später in Sydney das Gold-Comeback. Hinter der Frau mit dem Lächeln steckt auch eine Frau mit einem sehr starken Willen. „Beim Turnen habe ich gelernt, dass man sich erst selbst besiegen muss, bevor man andere besiegen kann.“

Dieser Satz könnte auch auf einem der roten Spruchbänder stehen, die in der Sportschule Shichahai in Peking aufgehängt sind. „Fleißig trainieren im Kampf für die Olympischen Spiele in Peking“, prangt auf einem der Banner, an dem die 600 künftigen Champions jeden Tag zum Training vorbeimarschieren. An einer solchen Sportschule begann auch einst Lius Karriere.

„Wir sind eine der drei Topschulen im Land“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Shi Fengshua und verteilt die Liste der 32 Weltmeister und Olympia-Medaillengewinner, die die Kaderschmiede Shichahai hervorgebracht hat.

In einer der Sporthallen üben an diesem Morgen Turnerinnen. Ein Mädchen im rosa Dress macht auf einem Schwebebalken eine Reihe von Überschlägen. Sie ist sechs Jahre alt, turnt aber schon in fast perfekter Haltung. Ihr Blick zur Trainerin, in dem das Hoffen auf eine Spur Anerkennung liegt, wird nicht belohnt. „Noch mal“, ruft die Frau im blauen Sportanzug, klatscht in die Hände. „Wir sind hier doch nicht im Tanzkurs.“

Am anderen Ende der Halle steht ein Junge auf einem Holztisch, seine Hände umklammern die zwei über ihm hängenden Ringe. Der Trainer zieht den Tisch weg. Der Junge stöhnt kurz auf, als der Ruck ihm in die Arme fährt. Dann hängt er über dem Boden, mit zusammengepressten Lippen. Kein Mucks ist zu hören.

Liu Xuan kennt solche Sportschulen, und sie kennt ihre Trainingsmethoden. Es gebe schon „sehr viel Zwang“, räumt sie ein. 1979 wurde sie in der armen Provinz Changsha geboren und mit fünf Jahren von ihren Eltern auf eine Sportschule in ihrer Heimatstadt geschickt. „Es gibt immer wieder Verletzungen, und das tut furchtbar weh“, erinnert sie sich an ihre Jahre in solchen „Schulen der Schmerzen“.

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Zehn Stunden Training pro Tag

Sie habe früher oft acht bis zehn Stunden trainieren müssen, sagt Liu Xuan. Und zu viel Training erhöhe eben die Verletzungsgefahr, sagt sie kritisch. Noch heute spüre sie, was ihrem Körper damals angetan wurde.

„Wir haben auch viel Spaß gehabt, aber ich habe die Kinder beneidet, die einfach zur Schule gingen und viel Zeit zum Spielen hatten.“ In der Sportschule Shichahai zeigt schon das Verhältnis der 20 Lehrer zu 80 Trainern, wo der Schwerpunkt der Ausbildung liegt. Hier werden die Jungen und Mädchen zuallererst zu Hochleistungssportlern getrimmt.

Die Kleinsten sind sechs Jahre alt und brauchen meist ein Jahr zur Eingewöhnung. Nur wer in die Leistungsklassen kommt, wird vom Staat finanziert. Die anderen müssen das Schulgeld von rund 3 000 Euro im Jahr selbst zahlen. In der Regel wird Chinas Sportlernachwuchs vier Jahre lang auf nationale Wettkämpfe vorbereitet. Mit zehn Jahren müssen die Kinder Top-Leistungen bringen. „Wenn sie dann ihre Ziele nicht erreichen, müssen sie die Schule verlassen“, sagt Vize-Leiterin Shi.

Das ist nicht nur für die Kinder bitter. Im Reich der Mitte stammen viele Sporttalente aus armen Familien, die auf Medaillen-Ruhm und sozialen Aufstieg hoffen. Manchmal ist der Druck der Familien sogar noch größer als der Druck der Trainer.

Liu Xuan bringt eher die Liebe des Vaters zur Mutter in die Sportschule. Ihre Mutter ist einst selbst eine Turnerin gewesen, die von einer Sportkarriere träumt. Doch mit der Kulturrevolution muss sie ihre Hoffnung beerdigen. Unter Mao gelten Sportarten wie Kunstturnen als „bürgerlich“, sind verpönt. „Mein Vater hat wohl gedacht, meine Mutter würde sich freuen, wenn ich ihren Wunsch erfülle.“


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Doch die Mutter ist dagegen, dass die kleine Xuan Turnerin wird. Sie weiß, was die „Schule der Schmerzen“ für ihre Tochter bedeutet. Sie hat nicht vergessen, wie ihr einst die Knochen verbogen wurden. In den 80er- und 90er-Jahren wurden etliche Fälle bekannt, in denen Trainer mit rigorosen Trainingsmethoden Chinas Sportlernachwuchs zu Höchstleistungen gezwungen hatten.

Doch Liu Xuan fand Spaß am Turnen, und schon bald erkannte einer von Chinas Sportinspektoren, die in Schulen und bei Wettkämpfen den Nachwuchs sichten, ihr Talent. 1992 kam sie in das Nationalkader. Liu sei nicht nur eine gute Athletin, lobte damals Cheftrainerin Lu Shanzen: „Sie hat einfach die Schönheit des Turnens im Blut.“

Aussehen habe für sie schon immer eine Rolle gespielt, sagt Liu Xuan heute und lacht selbstbewusst. „Als Sportlerin muss man schon eine gewisse Ausstrahlung haben.“ Und die hat ihr auch eine neue Zukunft beschert. Olympiasieger bekommen in China einen Studienplatz. Liu konnte nach ihrer Sportkarriere in Peking Journalismus studieren, ist Mitglied in der Kommunistischen Partei. „Der Sport hat mir alles ermöglicht, was ich heute bin“, sagt sie.

Bei den Sommerspielen im August in Peking will sie natürlich dabei sein. Ob als Punktrichterin oder als Sportmoderatorin, steht noch nicht fest. Auf keinen Fall jedoch werde sie das Finale am Schwebebalken verpassen, sagt Liu Xuan. Und auch diesmal wird sie wieder vor Anspannung die Luft anhalten – für China.

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