Liu Xuan mit Autorin Ruth Kirchner und dem China-Korrespondenten des Handelsblatt, Andreas Hoffbauer. Foto: Katharina Slodczyk
Damals habe sie aber auch gelernt, nicht aufzugeben, sagt Liu. So gelang ihr vier Jahre später in Sydney das Gold-Comeback. Hinter der Frau mit dem Lächeln steckt auch eine Frau mit einem sehr starken Willen. „Beim Turnen habe ich gelernt, dass man sich erst selbst besiegen muss, bevor man andere besiegen kann.“
Dieser Satz könnte auch auf einem der roten Spruchbänder stehen, die in der Sportschule Shichahai in Peking aufgehängt sind. „Fleißig trainieren im Kampf für die Olympischen Spiele in Peking“, prangt auf einem der Banner, an dem die 600 künftigen Champions jeden Tag zum Training vorbeimarschieren. An einer solchen Sportschule begann auch einst Lius Karriere.
„Wir sind eine der drei Topschulen im Land“, sagt die stellvertretende Schulleiterin Shi Fengshua und verteilt die Liste der 32 Weltmeister und Olympia-Medaillengewinner, die die Kaderschmiede Shichahai hervorgebracht hat.
In einer der Sporthallen üben an diesem Morgen Turnerinnen. Ein Mädchen im rosa Dress macht auf einem Schwebebalken eine Reihe von Überschlägen. Sie ist sechs Jahre alt, turnt aber schon in fast perfekter Haltung. Ihr Blick zur Trainerin, in dem das Hoffen auf eine Spur Anerkennung liegt, wird nicht belohnt. „Noch mal“, ruft die Frau im blauen Sportanzug, klatscht in die Hände. „Wir sind hier doch nicht im Tanzkurs.“
Am anderen Ende der Halle steht ein Junge auf einem Holztisch, seine Hände umklammern die zwei über ihm hängenden Ringe. Der Trainer zieht den Tisch weg. Der Junge stöhnt kurz auf, als der Ruck ihm in die Arme fährt. Dann hängt er über dem Boden, mit zusammengepressten Lippen. Kein Mucks ist zu hören.
Liu Xuan kennt solche Sportschulen, und sie kennt ihre Trainingsmethoden. Es gebe schon „sehr viel Zwang“, räumt sie ein. 1979 wurde sie in der armen Provinz Changsha geboren und mit fünf Jahren von ihren Eltern auf eine Sportschule in ihrer Heimatstadt geschickt. „Es gibt immer wieder Verletzungen, und das tut furchtbar weh“, erinnert sie sich an ihre Jahre in solchen „Schulen der Schmerzen“.
Lesen Sie weiter auf Seite 5: Zehn Stunden Training pro Tag

