Sie habe früher oft acht bis zehn Stunden trainieren müssen, sagt Liu Xuan. Und zu viel Training erhöhe eben die Verletzungsgefahr, sagt sie kritisch. Noch heute spüre sie, was ihrem Körper damals angetan wurde.
„Wir haben auch viel Spaß gehabt, aber ich habe die Kinder beneidet, die einfach zur Schule gingen und viel Zeit zum Spielen hatten.“ In der Sportschule Shichahai zeigt schon das Verhältnis der 20 Lehrer zu 80 Trainern, wo der Schwerpunkt der Ausbildung liegt. Hier werden die Jungen und Mädchen zuallererst zu Hochleistungssportlern getrimmt.
Die Kleinsten sind sechs Jahre alt und brauchen meist ein Jahr zur Eingewöhnung. Nur wer in die Leistungsklassen kommt, wird vom Staat finanziert. Die anderen müssen das Schulgeld von rund 3 000 Euro im Jahr selbst zahlen. In der Regel wird Chinas Sportlernachwuchs vier Jahre lang auf nationale Wettkämpfe vorbereitet. Mit zehn Jahren müssen die Kinder Top-Leistungen bringen. „Wenn sie dann ihre Ziele nicht erreichen, müssen sie die Schule verlassen“, sagt Vize-Leiterin Shi.
Das ist nicht nur für die Kinder bitter. Im Reich der Mitte stammen viele Sporttalente aus armen Familien, die auf Medaillen-Ruhm und sozialen Aufstieg hoffen. Manchmal ist der Druck der Familien sogar noch größer als der Druck der Trainer.
Liu Xuan bringt eher die Liebe des Vaters zur Mutter in die Sportschule. Ihre Mutter ist einst selbst eine Turnerin gewesen, die von einer Sportkarriere träumt. Doch mit der Kulturrevolution muss sie ihre Hoffnung beerdigen. Unter Mao gelten Sportarten wie Kunstturnen als „bürgerlich“, sind verpönt. „Mein Vater hat wohl gedacht, meine Mutter würde sich freuen, wenn ich ihren Wunsch erfülle.“
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Doch die Mutter ist dagegen, dass die kleine Xuan Turnerin wird. Sie weiß, was die „Schule der Schmerzen“ für ihre Tochter bedeutet. Sie hat nicht vergessen, wie ihr einst die Knochen verbogen wurden. In den 80er- und 90er-Jahren wurden etliche Fälle bekannt, in denen Trainer mit rigorosen Trainingsmethoden Chinas Sportlernachwuchs zu Höchstleistungen gezwungen hatten.
Doch Liu Xuan fand Spaß am Turnen, und schon bald erkannte einer von Chinas Sportinspektoren, die in Schulen und bei Wettkämpfen den Nachwuchs sichten, ihr Talent. 1992 kam sie in das Nationalkader. Liu sei nicht nur eine gute Athletin, lobte damals Cheftrainerin Lu Shanzen: „Sie hat einfach die Schönheit des Turnens im Blut.“
Aussehen habe für sie schon immer eine Rolle gespielt, sagt Liu Xuan heute und lacht selbstbewusst. „Als Sportlerin muss man schon eine gewisse Ausstrahlung haben.“ Und die hat ihr auch eine neue Zukunft beschert. Olympiasieger bekommen in China einen Studienplatz. Liu konnte nach ihrer Sportkarriere in Peking Journalismus studieren, ist Mitglied in der Kommunistischen Partei. „Der Sport hat mir alles ermöglicht, was ich heute bin“, sagt sie.
Bei den Sommerspielen im August in Peking will sie natürlich dabei sein. Ob als Punktrichterin oder als Sportmoderatorin, steht noch nicht fest. Auf keinen Fall jedoch werde sie das Finale am Schwebebalken verpassen, sagt Liu Xuan. Und auch diesmal wird sie wieder vor Anspannung die Luft anhalten – für China.

