Wir haben arme und reiche Chinesen besucht, Unternehmer und Künstler, Mao-Fans und -Kritiker. Wie die Serie „Gesichter Chinas“ entstand – trotz mancher Terminabsagen und der Tibet-Krise.
Kinder einer einer Dorfschule im Nordwesten Chinas beim Besuch von Reporterin Katharina Slodczyk und Autorin Ruth Kirchner. Foto: Katharina Slodczyk
PEKING. „Einmal sehen ist besser als hundertmal hören“, lautet ein chinesisches Sprichwort. Für das Handelsblatt-Team, das die Beiträge für die Serie „Gesichter Chinas“ schrieb, war dies in den vergangenen Monaten die goldene Regel.
Wer etwas über China und seine Menschen erfahren möchte, bekommt schnell viele Geschichten zu hören. Doch wir wollten uns selbst ein Bild machen, hinter die Kulissen blicken, die Dinge aus erster Hand erfahren – im Reich der Mitte noch immer kein leichtes Unterfangen.
Und nicht nur das: Kaum ein Volk verabredet sich so unverbindlich und kurzfristig wie die Chinesen. Und sagt so kurzfristig auch Termine wieder ab. Immer wieder mussten Treffen verschoben, neue Interviewpartner gefunden und Behörden überzeugt werden.
Sich mit der jungen Autorin Chun Sue, die bereits mit 17 Jahren einen Skandalroman schrieb, zu verabreden, gestaltete sich beinahe so kompliziert wie ein Interview mit Chinas Staatschef. Eine halbe Stunde vor dem Termin war noch völlig offen, wo wir uns treffen und ob sie überhaupt kommen würde.
Doch im Unterschied zu Chinas Top-Politikern ist die chinesische Avantgarde keineswegs publikumsscheu: Fast drei Stunden plauderte Chun Sue dann in einem Pekinger Café über sich und die Welt, lud sogar noch zu sich nach Hause ein. Solche Einblicke sind für ausländische Journalisten äußerst rar.
Am Ende hat dann doch (fast) alles geklappt. „Mei wenti, mei wenti!“ – alles kein Problem, sagten Chinesen immer lachend, wenn wir Ausländer mal wieder völlig am Ende mit den Nerven waren, weil der Interviewpartner doch nicht so wollte wie ursprünglich vereinbart.
Doch genau dieses bisschen „luan“ (Chaos) hat uns das große Reich immer wieder auch sehr sympathisch gemacht.
„Gesichter Chinas“ stellt 14 Menschen vor, die auf ihre Art und Weise beim Aufbau des neuen Chinas mithelfen. Die Auswahl kann nicht repräsentativ für 1,3 Milliarden Menschen sein. Doch jede Geschichte ist ein authentisches Stück des heutigen Chinas, fügt sich ein wie ein Puzzlestück in ein großes Bild.
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Wir haben bitterarme Menschen besucht und neue Milliardäre getroffen. Wir haben die Kunstszene durchstöbert und sind Unternehmern auf Golfplätze gefolgt. Es kommen treue Mao-Fans ebenso zu Wort wie kritische Stimmen, die um ihre Freiheit bangen; Menschen, die Traditionen zu bewahren versuchen, ebenso wie solche, die als Abbild einer neuen Generation in einem Land des totalen Umbruchs gelten.
Wir haben mit vielen Chinesen stundenlang zusammengesessen – ob bei einer Tasse grünen Tee wie mit dem Maler Yue Minjun oder bei einer Dose Diät-Cola wie mit der ehemaligen Turnerin und Goldmedaillengewinnerin Liu Xuan. Und wir haben sie dort besucht, wo sie arbeiten: bei der morgendlichen Tai-Chi-Stunde im Park, im Bankenturm von Schanghai, zwischen den Häuserschluchten in Hongkong und im Staub und Lärm der Olympia-Baustelle in Peking.
Der weiteste Weg führte uns zu einem Dorfschullehrer in der Nähe der alten Kaiserstadt Xi'an. Stundenlang fuhren wir zunächst in einer wilden Holperfahrt über unbefestigte Straßen. Immer wieder mussten wir nach dem Weg fragen, als es keine Schilder mehr gab, an denen wir uns hätten orientieren können. Und dabei machten wir vor allem eine Erfahrung: Der Chinese gibt nicht gerne zu, wenn er die Antwort auf die Frage nicht weiß. Er sagt lieber „Fahrt links“ oder „vielleicht doch rechts“ statt „Ich weiß nicht“.
Unser Fahrer war zum Glück auch ein Chinese, und der hielt sich an das Sprichwort: „Drei Leute machen erst einen Tiger.“ Übertragen auf unsere Situation hieß das: Wenn dich mindestens drei Leute in dieselbe Richtung schicken, dann wird es wohl die richtige sein.
Unsere Fahrt endete am Fuße eines Berges. Dort wartete bereits ein etwa zwölfjähriger Schüler auf uns. Sein Lehrer hatte ihn geschickt, damit er uns den Weg weist. Knapp eine Stunde lang marschierten wir gemeinsam durch die schneebedeckte Berglandschaft – zur Dorfschule von Dong Gan.
Der lange Weg hat sich gelohnt. Wer einmal den Idealismus erlebt hat, mit dem Lehrer in solch abgelegenen Winkeln Chinas ihre Arbeit machen, versteht plötzlich die Kraft, die hinter Chinas Aufstieg steckt. Und wer einmal die fröhlichen Jungen und Mädchen in diesen Dorfschulen erlebt hat, wo es weder Schulbücher noch Heizung gibt, weder fließendes Wasser noch ein festes Dach über dem Klassenzimmer, der spürt die große Hoffnung, auf die so viele Chinesen ihre Zukunft bauen.
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Es war eine intensive China-Reise. Uns haben Milliardäre und Wanderarbeiter mit Tränen in den Augen gegenübergesessen, als sie über ihre Jugend während der Kulturrevolution erzählten. Diese ungeschminkte Offenheit hat uns immer wieder überrascht. Sie gibt jedem der „Gesichter Chinas“ ein besonderes, menschliches Antlitz.
Aber es gab auch Rückschläge, vor allem als im März die Tibet-Unruhen ausbrachen. Damit veränderte sich auch unsere Arbeit, waren bereits geführte Interviews mit kritischen Bürgern plötzlich aktueller als je zuvor. Weil wir sie nicht gefährden wollten, zögerten wir zunächst, haben uns aber dann entschieden, auch diese Stimmen zu Wort kommen zu lassen. Denn sie sind ein wichtiger Teil im heutigen China. Die Tibet-Krise ließ auch unseren Wunsch platzen, einen Parteifunktionär zu porträtieren. Nach langen Bemühungen sagten die Behörden den Termin ab – keine 24 Stunden vorher.
Mit solchen Problemen müssen Menschen wie Hu Shuli, Chefredakteurin des Wirtschaftsmagazins „Caijing“, jeden Tag umgehen. Die kritische Stimme des chinesischen Journalismus, die so gut wie nie Interviews gibt, gab dem Handelsblatt eine Chance. Höchstens 30 Minuten, ließ die energische Frau uns vorab wissen. Nach fast zwei Stunden ließ sie sich lachend auf dem Sofa zurückfallen: „So, jetzt wisst ihr alles.“
Auch der Immobilienmilliardär Pan Shiyi ist ein Beispiel dafür, dass China in vielen Bereichen bereits einen positiven Wandel vollzieht und auf dem richtigen Weg ist. „China ist viel bunter, als ihr denkt“, brachte es Pekings Baulöwe in unserem Interview auf den Punkt. Wir können das nur bestätigen.
So wie er sich mit seinen weißen Bürotürmen einst gegen die Anweisung der Stadt Peking durchsetzte, alle Gebäude hätten grau zu sein, so sollen auch die „Gesichter Chinas“ mit dem alten Schwarz-Weiß-Denken aufräumen, das noch zu oft die Außensicht auf das Riesenreich prägt. Darum hat das Autorenteam auch den Leitsatz nie aufgegeben: „Einmal sehen ist besser als hundertmal hören.“ Das gilt überall auf der Welt. Aber ganz besonders in einem Land wie China.

