Als eine der zehn schönsten Inseln der Welt gerühmt, entwickelt sich Hvar vor der Küste Kroatiens zu einem Sommerdorado Europas. Dazu trägt auch der Hvarer Kultursommer bei mit einer Reihe von ehrgeizigen Veranstaltungen, die den Willen zum "Upgrading" der Insel unterstreichen.
Stari Grad Plain: Das Gebiet auf der Insel Hvar gehört seit 2008 zum Unesco-Weltkulturerbe. Foto: dpa
Wenn von Ivos Disziplin nicht so viel abhinge für die Insel und wenn seine Wachsamkeit mit weniger Verantwortung und mehr Verdienst zu tun hätte, dann könnte man ihn rundum beneiden. Sommerjob, Paradiesarbeit. Seine Tätigkeit besteht nämlich darin, auf einem Aussichtsturm hoch über der schönen und sonnengefluteten kroatischen Adriainsel Hvar nach Brandherden Ausschau zu halten, stets die Macchia im Visier, die in den Sommermonaten wie verheerender Zunder sein kann. Ab und an schweift sein Blick in den prächtigen Garten mit Olivenbäumen, Kräutern, Obst- und Gemüserabatten.
Der wäre nicht weiter der Rede wert, wenn der kleine Garten nicht auf die Geschichte der Insel verwiese: Zu Hause verwahrt Ivo Fossilienfunde, Muschel- und Fischversteinerungen, die ein paar Jahrtausende alt sein mögen und darauf schließen lassen, dass das Meer vielleicht mal bis hier oben reichte.
Ivos Münzfunde erinnern an die 520 Jahre (1278 bis 1797), als Stadt und Insel Hvar von der Republik Venedig beherrscht, aber auch zu kultureller Blüte geführt wurde. Noch heute nennen die Einheimischen das Zentrum der Stadt "Pjazza"; der Platz wird dominiert vom Hvarer Dom mit dem weithin sichtbaren Glockenturm und vom monumentalen Arsenal, in dem auf Meereshöhe Kriegsgaleeren repariert wurden und im Stockwerk darüber eines der ersten öffentlichen Theater Europas 1612 den Vorhang hob.
Im Jugoslawien des Marschall Tito wurde die Insel massentouristisch erschlossen und galt jahrzehntelang, mit Unterbrechung durch die Balkankriege, als so etwas wie die italienische Antwort auf Deutschlands mallorquinischen Ballermannkomplex. Das ändert sich allmählich: Insel und Stadt Hvar streben in den touristischen Adelsstand. Dazu trägt auch der Hvarer Kultursommer bei mit einer Reihe von ehrgeizigen Veranstaltungen, die den Willen zum "Upgrading" der Insel unterstreichen.
Dazwischen gibt's aber immer noch volksmusikalische Konzerte einheimischer Gesangsgruppen ("Klape"), ohne die dalmatinisches Leben undenkbar ist. Manchmal tun sie sich als Choristen für klassische Konzerte zusammen, die sich schon wegen der Kulisse einprägen: Verdis Requiem ist doppelt und dreifach unvergesslich, wenn es auf der Pjazza aufgeführt wird und sich dann die Abenddämmerung über die Szenerie der Stadt legt, über die Kathedrale, das Arsenal, den Hafen und die blassroten Dächer Hvars.
Die Venezianer wussten wohl um solche oder ähnliche ästhetischen Effekte. Sie haben Stadt und Insel Hvar ihr Gesicht gegeben, eine Baugestalt, die aufs Faszinierende korrespondiert mit einer natürlichen Lage vor der dalmatinischen Küste im östlichen Mittelmeer, welche das Reisemagazin "Conde Nast Traveller" ins Schwärmen versetzte: Es erklärte Hvar zu einer der zehn schönsten Inseln der Welt.
Spätestens seit diesem Urteil geht "tout le monde" im kleinen Hafen Hvars vor Anker. Luxusyachten dümpeln in bis zu sieben, acht Reihen hintereinander, nur ein paar Schritte vom "Carpe Diem" entfernt, dem Nachtclub, unter dessen Torbögen sich jeder niederlässt, der als in, cool und dazugehörig gelten möchte. Die Nächte beginnt man genussvoll im wohl besten Fischrestaurant, dem "Gariful", nimmt frisch Gegrilltes zu sich, immer mit einem einheimischen Wein. Weinbau hat auf Hvar eine ruhmreiche Tradition seit Römerzeiten; hier wird der Ursprung der Rebsorte Zinfandel vermutet, die in Kalifornien so beliebt ist.
Im "Gariful" sowie in den Restaurants und Bars in der Altstadt, beiderseits der Reste der alten Stadtmauer und links und rechts der Stufen, die zur Festung "Spanjola" führen, raunt man sich Geschichten vom russischen Megamilliardär Roman Arkadjewitsch Abramowitsch zu, der immer mal wieder vor Hvar die Anker lichtet und die Lappen flaggt. Aber auch Bill Gates hat schon mal vorbeigeschaut und der Schauspieler John Malkovich, dessen Vater aus Kroatien stammt.
Storys dieser Art sind vielleicht auch in einer dieser Winzerstuben wie dem "Katerina" Gesprächsthema, wo Frane Novak seinen wunderbaren Weißen tagsüber und abends verabreicht und verkauft. Dazu ein bisschen Käse, Oliven und dalmatinischer Schinken, der noch immer die Besucher zweifeln lässt, ob sie sich weiter zur Festung hinaufbewegen oder doch lieber in der Kühle der Stube ausharren sollen, zwischen dickem Mauerwerk aus alter Zeit und vor mächtigen, dekorativen Weinfässern.
Aber "Spanjola" muss sein, schon wegen der Traumperspektive auf Stadt und Hafen Hvar und die vorgelagerte Insel- und Halbinselwelt von Pakleni Otoci, mit den beliebten Bade- und Ausflugszielen Jerolim, Stipanska und Palmizana. Wer sich hierher ohne Tauch- oder zumindest Schnorchelausrüstung begibt, hat selbst Schuld.
Hier, in der einmalig klaren Wasserwelt der Ostadria vor teils mächtigen Felsgebilden und verwitterten Schiffswracks, tummeln sich farbenprächtige Fischschwärme, die Hvar zu einem der begehrtesten Tauchreviere Dalmatiens gemacht haben. Mit etwas Glück findet man die eine oder andere Amphorenscherbe aus vergangenen Epochen, die auch 400 Meter höher, unterhalb der Feuerwacht, unter Ivos Garten ihre Spur hinterlassen haben.


