Das Desaster an der Wall Street ist endgültig in der Provinz angekommen. Die Landeskirche Oldenburg hat rund zehn Prozent ihres Vermögens in Mischfonds, aber auch in Papiere von Lehman investiert – und Millionen an der Wall Street verloren. Während bei Gläubigen Entsetzen herrscht, finden Vertreter der evangelischen Kirche die Investition vertretbar.
Die evangelische Landeskirche Oldenburg hat rund 4,5 Millionen Euro durch Investments mit Lehman Brothers verzockt. Foto: dpa
OLDENBURG. Der Zug von Bremen nach Oldenburg passiert an diesem sonnigen Herbsttag jahrhundertealte Backsteinhäuser mit riesigen, teils reetgedeckten Dächern und kleinen Sprossenfenstern darunter. Saftig-grüne Kuhweiden, schwer tragende Apfelbäume, Blumengärten voll leuchtenroter Dahlien und violetter Astern. Eine scheinbar heile Welt.
Doch jetzt ist auch hier in der Provinz das Desaster der Wall Street angekommen.
Gerade übernimmt ein neuer Bischof feierlich das Amt in der evangelischen Kirche Oldenburg. Da platzt die schlechte Nachricht herein: Das Vermögen, das die Landeskirche zum großen Teil aus Grundstücksgeschenken der Bauern angesammelt hat, war teilweise in Bonds und Derivate der pleitegegangenen US-Investmentbank Lehman Brothers investiert. Die Landeskirche mit ihren 123 Kirchengemeinden von Cloppenburg über Vechta bis Wilhelmshaven muss rund 4,5 Millionen Euro abschreiben.
Evangelische Kirche kauft Lehman-Papiere? Was da so ungeheuerlich klingt, kann der zuständige Oberkirchenrat Wolfram Friedrichs schlüssig erklären. Das Gesamtvermögen der Kirche, insgesamt 118 Millionen Euro, sei zu 90 Prozent in sicherem Festgeld oder Staatspapieren angelegt, erläutert er in seinem Büro – gleich hinter der Abteilung für Bibelarbeit. Der Anlagenaussschuss der Synode habe vor einiger Zeit jedoch beschlossen, wenigstens ein Zehntel des Vermögens in rentablere Positionen zu stecken. Überwiegend in Mischfonds hat die Kirche dieses Zehntel investiert, aber auch in Papiere von Lehman. Das verhängnisvolle Investment sei auf Veranlassung eines einzelnen Mitarbeiters der Finanzabteilung der Landeskirche zustande gekommen, „wozu dieser Mitarbeiter auch befugt war“, wie Friedrichs betont.
Jeder Vermögensverwalter würde dies als höchst konservatives Geldmanagement bezeichnen. Doch für die ohnehin finanziell klamme Landeskirche ist es ein schwerwiegendes Problem. Denn das Kirchenvolk ist empört. „Ich habe über den Betrag gelesen und ausgerechnet, wie viel Kirchensteuer ich in meinem Leben bezahlt habe. Ich überlege sehr ernsthaft, auszutreten“, schimpft auf dem Marktplatz von Oldenburg eine grauhaarige Dame im lila Schal. Sie könne nicht verstehen, dass ein einzelner Mitarbeiter eine solche Investitionsentscheidung treffen durfte.
Hinter ihr ragt die St. Lamberti Kirche über den Platz, sie ist gerade für drei Millionen Euro frisch renoviert worden. Ein Drittel davon mussten die Gemeindemitglieder aus Spenden aufbringen. Über ein am Kirchturm angebrachtes Spruchband läuft: „SPENDENSTAND 661 827 EURO – NOCH BENÖTIGT: 38 173 EURO“. Die Küsterin wundert sich, dass überhaupt noch Geld eingeht. „Das kommt wohl von den Touristen“, glaubt sie.
4,3 Millionen Euro – davon hätte man nicht nur die Renovierung der markanten Hauptkirche bezahlen können. Mit einem Betrag dieser Höhe sind auch die Kosten des Kindergarten-Fachpersonals im Haushalt veranschlagt. 4,3 Millionen, das sind in etwa auch die Zinseinnahmen eines ganzen Jahres, die direkt in den Haushalt fließen.
Doch je länger man Oberkirchenrat Friedrichs reden hört, desto stärker relativiert sich der Betrag. 4,3 Millionen – das sei vor allem ein Schwund der Rücklagen. Die Zinseinnahmen aus den konservativ angelegten 90 Prozent des Vermögens flössen ja noch. Im aktuellen Haushalt mache sich der Schaden nur mit rund 250 000 Euro bemerkbar.
Aber vor dem Hintergrund, dass die Kirche jetzt mehr privates Mäzenatentum ankurbeln will, ist selbst das eine Katastrophe. Denn angesichts der sinkenden Steuereinnahmen ist die Kirche auf jedes Mitglied und auf freiwillige Spenden angewiesen. Bis 2020 halbieren sich die Steuereinkünfte der Landeskirche, erläutert Friedrichs. Statt 47 Millionen, die heute noch in den Haushalt fließen, sind es dann nur noch 23,5 Millionen. Das Steuereinkommen pro Kopf ist in Oldenburg obendrein noch niedriger als im Bundesschnitt. Deshalb wies die zentrale EKD den Norddeutschen in den vergangenen zwei Jahren 1,5 Mio. Euro zu.
Luther hatte seinerzeit noch Zinseinkünfte als Wucher „verdampt“. Doch vielleicht war es hier das erlaubte „Notwücherlein“, das er besonders Bedürftigen zugesteht. Mit acht Prozent Zinsen hatte Lehman geworben, und das Geld war laut Webseite hundertprozentig sicher angelegt. „Ich verstehe nicht viel von Finanzen“, sagt eine Besucherin der Lamberti-Kirche, „aber solche Investitionen mache ich doch nur, wenn ich Geld übrig habe. Und die Kirche hat kein Geld übrig.“
Beraten hat die Landeskirche bei der Anlage hat laut lokaler Presse die Evangelische Darlehens-Genossenschaftsbank. Dort gibt man jedoch keine Auskunft. Offenbar kam der Handlungsdruck auch vom Finanzausschuss der Synode, in den sich gerne Banker oder Unternehmer melden. „Uns wurde vorgeworfen, unsere Zinseinnahmen seien so spärliche Zinsen wie bei einer Oma“, heißt es bei der Landeskirche.
Auf dem Marktplatz stehen drei Herren in dunklen Anzügen bei Bratwurst und Senf. Mitarbeiter der Oldenburgischen Landesbank. „Der Druck auf die Landeskirche, ihr Geld rentabler anzulegen, war doch enorm. Jetzt ist die Debatte etwas scheinheilig“, meint einer von ihnen. Sein Kollege dagegen sagt: „Die Anlageentscheidung war wohl eher unbedarft.“
Anlagenausschuss und Finanzausschuss der Synode haben die nächsten Treffen schon anberaumt. Erwartet wird, dass sie ihre Statuten überarbeiten und künftig auch die letzten zehn Prozent des geschrumpften Vermögens wieder konservativ angelegen.
Bei der EKD in Berlin rümpft man ein wenig die Nase. Aber nicht darüber, dass die Millionen verloren sind. Ein Sprecher der EKD findet die fatale Investition vertretbar und kritisiert nur, dass die Oldenburger den Fall an die Presse gegeben haben.
So finanziert sich die evangelische Kirche
Der Haushalt
Der Großteil der Einnahmen stammt aus Kirchensteuern, der Rest aus Zinseinnahmen. Bei der Landeskirche Oldenburg etwa flossen im vergangenen Jahr 47 Mio. Euro aus Steuereinnahmen in die Kasse. Weitere 4,3 Mio. aus Anlageerträgen. Das Kirchensteueraufkommen pro Gemeindemitglied beträgt derzeit rund 160 Euro im Jahr. Da es in Oldenburg unter dem bundesweiten Durchschnitt liegt, hat die Zentrale in Berlin den Oldenburgern zuletzt 1,5 Mill. Euro zugewiesen. Bis 2020 wird sich das Steueraufkommen halbieren.
Das Vermögen
Aus dem Verkauf alter Grundstücksbestände hat die Kirche ein Vermögen aufgebaut. Bis zur Einführung der Kirchensteuer waren diese Geschenke und Spenden die Haupteinkunftsquelle. Das Vermögen der Oldenburger Landeskirche beträgt 118 Mio. Euro.
Die Moral
Martin Luther hat das Nehmen von Zinsen verboten. Nur Alte und Kranke durften einen „Notwucher“ kassieren, um zu überleben. Heute müssen Geldanlagen ethischen Grundsätzen entsprechen. Spekulative Anlagen sind den Gemeinden verboten.


