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27.12.2007 
Vermögensverwalter Martin Stürner

„Bald kommen die Leichenfledderer“

von Ingo Narat

Martin Stürner musste sich die Augen reiben. Dass auch deutsche Banken so tief im Subprime-Schlamassel stecken, hätte er sich nie träumen lassen. Wie der Vermögensverwalter die schwersten Stunden seiner Kunden erlebt.

FRANKFURT. "Es überraschte uns, dass es auch Adressen wie die IKB so heftig erwischte", sagt der Chef der Vermögensverwaltung PEH Wertpapier AG aus Oberursel bei Frankfurt. Es ist nicht die einzige Überraschung geblieben. Anfang August kamen die ersten Anfragen institutioneller Anleger, die ihre Depots von anderen Banken steuern lassen, doch bitte einmal ihre Abrechnung anzuschauen. Auch so mancher Mittelständler war darunter. In den letzten Wochen häufen sich die Anfragen. Fast immer gibt es ein böses Erwachen bei den Verunsicherten.

Es geht um die vielzitierten ABS-Produkte, Bündel forderungsbesicherter Anleihen. Viele der betroffenen Kunden hatten das AAA-Rating dieser Titel einfach als Gütesiegel gewertet und nicht hinterfragt - ein folgenschwerer Fehler, wie sich dann herausstellte. Die vermeintlichen Gütesiegel waren nichts wert.

"Wir waren im Sommer zum ersten Mal mit der knallharten Realität von strukturierten Produkten konfrontiert", sagt Stürner. "Ein Fünftel des Depotwertes ist oft einfach weg, und man kann noch nicht einmal verkaufen, weil das Zeug keiner haben wollte." Bei Bonds hat Stürner so etwas noch nicht erlebt. "Und ich bin seit zwei Jahrzehnten im Geschäft."

Viele Investoren waren nicht informiert. Sie haben oft ein vermeintlich sicheres Produkt erworben mit einem nur geringen Aufschlag gegenüber dem sicheren Marktzins. "Vorher war die Erwartung gewesen: Wenn es ganz schlimm kommt, verliere ich den Kupon", sagt Stürner. Hohe Wertverluste hatte kaum einer auf dem Radarschirm.

Das Schlimmste aber war das Gefühl der Hilflosigkeit, bei den Verkaufsversuchen auf jene Investmentbanken als Ansprechpartner angewiesen zu sein, die die Papiere an den Mann und die Frau gebracht hatten. "In der Zwangslage muss man zu denen gehen, die einen da hineinberaten haben, und ist auf deren guten Willen angewiesen", sagt Stürner. "Da kratzt man dann an der Tür, ist dem Emittenten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert."

Die Crux an diesen komplexen Produkten ist ja: Die komplizierten und umfangreichen Prospekte dazu verstehen oft nur die Experten der emittierenden Bank, und bewerten kann diese Portfolios oft auch nur ebendiese Bank.

Da könnten die Investmentbanken sogar doppelt verdienen. Erst machen sie sich beim Verkauf an die Kunden die Taschen voll, dann greifen sie unten ab und kaufen dieselben Papiere zu Tiefstpreisen zurück. "Das wäre eins der Traumgeschäfte", meint Stürner sarkastisch. Seiner Einschätzung nach "kommen bald die Leichenfledderer", um die Titel zu Ramschpreisen einzusammeln.

Erste mutige - und durchaus seriöse - Investmenthäuser stehen schon in den Startlöchern. Aber für den Verwalter aus Oberursel ist es zum Einstieg zu früh. Die Ausverkäufe stehen seiner Meinung nach noch bevor. So mancher institutionelle Anleger dürfte in den kommenden Monaten durchgeschüttelt werden. Doch wenn Stürner eine gute Nachricht parat hat, dann die: "Eine echte Finanzkrise sehe ich nicht."

In die Krise schlittern wird dagegen so manche Bank-Kunden-Beziehung. "Die Leute fühlen sich teilweise verraten und verkauft, sind entsetzt", erzählt Stürner aus seinen Gesprächen. Eines ist für ihn klar: "Viele der Betroffenen werden ihre Berater vor die Tür setzen."

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