0 Bewertungen
21.01.2006 
Vor- und Nachteile von Mobilität

Berufsnomaden und Billigflieger

Wer mobil ist, gilt als modern, flexibel und dynamisch. Die Menschen sind immer mehr unterwegs. Doch der Soziologe Norbert Schneider warnt: „Mobilität ist kein Wert an sich, sondern mit vielen Belastungen verbunden.“

Pendler auf dem Weg zur Arbeit. Foto: dpaLupe

Pendler auf dem Weg zur Arbeit. Foto: dpa

HB HAMBURG. Nach den aktuellsten Zahlen legte jeder Deutsche im Jahr 2003 im Schnitt etwa 13 500 Kilometer zurück - Flugreisen nicht berücksichtigt. Das entspricht zwölf Mal der Entfernung Flensburg- Berchtesgaden, wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ausgerechnet hat. 1976 waren es noch 9850 Kilometer.

Auch am Himmel wird es enger: Von 1990 bis 2004 verdoppelte sich die Zahl der von deutschen Flughäfen abfliegenden Passagiere auf knapp 79 Millionen. „Mobilität ist Risiko und Chance zugleich. Wir müssen aber anfangen, uns viel kritischer mit den negativen Folgen auseinander zu setzen“, fordert der Soziologe Norbert Schneider.

Der Wissenschaftler an der Universität Mainz forscht darüber, wie sich berufliche Mobilität auf den Menschen auswirkt. Er hat festgestellt, dass etwa zwei Drittel der Pendler über körperliche und seelische Belastungen klagen. „Menschen, die jeden Tag mehr als zwei Stunden zu ihrer Arbeitsstelle und zurück unterwegs sind, leiden häufig unter Erschöpfungszuständen, Schlafstörungen und Depressionen. Pendeln belastet die Gesundheit.“

Rund 30 Millionen Menschen stufen sich laut dem letzten Mikrozensus des Statistischen Bundesamts aus dem Jahr 2004 als Berufspendler ein. Knapp jeder fünfte von ihnen legt auf dem Weg zur Arbeit 25 oder mehr Kilometer zurück. Dabei ist das Auto Verkehrsmittel Nummer eins. Rund 80 Prozent aller Wege absolviert der Mensch auf vier Rädern, sagt Manfred Boltze, Verkehrsplaner an der Technischen Universität Darmstadt.

Trotz gestiegener Spritpreise war die Fahrleistung auf deutschen Straßen 2004 mit 697 Milliarden Fahrzeugkilometern laut DIW hoch wie nie zuvor. Mit dem Massenaufkommen des Autos ging die Transportgeschwindigkeit allerdings stark zurück: So steht in Deutschland jeder Autofahrer durchschnittlich 65 Stunden im Jahr im Stau, hat der ADAC ausgerechnet. Ein Autofahrer kommt in deutschen Großstädten im Schnitt pro Stunde 16 Kilometer vorwärts. Dennoch ist eine Kehrtwende nicht abzusehen: Nach Angaben des Kraftfahrt- Bundesamts gab es Anfang vergangenen Jahres 45,4 Millionen Personenkraftwagen in Deutschland, 1995 waren es 40,4 Millionen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Mobilität führt im Berufsleben zu Vorteilen, im Privatleben aber zu gravierenden Nachteilen

Dieser ungebrochene Zuspruch zum Auto hängt nach Ansicht des Mobilitätsforschers Weert Canzler auch damit zusammen, dass Mobilität in Zeiten der Globalisierung in der Regel positiv gesehen wird. „Mobilität hat für viele Menschen auch etwas mit Sozialprestige zu tun. Ich nutze das Angebot der Billigflieger, bin also aktiv und Teil der rastlosen Gesellschaft“, sagt Canzler, Leiter der Projektgruppe Mobilität am Wissenschaftszentrum Berlin.

Nicht immer wurde das Unterwegssein allerdings positiv bewertet: Bis ins 18. Jahrhundert galt Mobilität nach Einschätzung Schneiders als etwas Unerwünschtes und Bedrohliches. Erst mit der Aufklärung habe sich dies geändert, fortan galt Mobilität als ein Symbol für Fortschritt und Unabhängigkeit. „Diese positive Symbolhaftigkeit besteht fort, ist aber zunehmend negativ besetzt. Die Menschen fühlen sich getrieben, von Politik und Wirtschaft wird Mobilität allerdings unreflektiert positiv gesehen“, sagt Schneider.

„Mobilität führt im Berufsleben vielfach zu Vorteilen, denen teilweise gravierende Nachteile im Privatleben gegenüber stehen. So hemmt oder verhindert Mobilität die Familienentwicklung.“ Der Soziologe hat in einer Untersuchung festgestellt, dass beruflich mobile Menschen häufiger kinderlos bleiben. Falls sie doch Nachwuchs bekommen, geschieht dies deutlich später als bei nicht mobilen Paaren. Jeder sechste in einer Beziehung lebende Erwerbstätige ist aus beruflichen Gründen mobil. „Ich schätze, dass diese Zahl in Wirklichkeit noch höher liegt.“ Davon gibt jeder Dritte an, nicht freiwillig dem Job hinterherzureisen. Zugenommen hätten vor allem Fern- und Wochenendbeziehungen. Zu den negativen Begleiterscheinung zählt der Wissenschaftler außerdem hohe Kosten und Umweltbelastung.

Dass das Internet durch Telearbeit zu Hause oder E-Commerce dazu beitragen kann, Verkehr und Pendeln zu vermeiden, glaubt Canzler nicht. „Das Gegenteil ist der Fall: Die gesparte Zeit wird für neue Wege genutzt oder um beispielsweise den Vertriebsradius eines Außendienstmitarbeiters auszuweiten.“ Auf den ersten Blick ein Widerspruch, denn in Zeiten von Pizza-Bringdiensten und E-Mail ist es wohl noch nie so einfach gewesen, einen Satz des französischen Philosophen Blaise Pascal (1623-1662) zu befolgen: „Das ganze Unglück der Menschen rührt daher, dass sie nicht still in einem Zimmer bleiben können.“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor