Birmas Militärmachthaber haben Ausländern die Katastrophengebiete gezeigt – offenbar aber nur ausgesuchte Bereiche. Unterdessen wird die Kritik immer lauter – sowohl an der Blockadehaltung als auch an den Ergebnissen einer Wahl, die das Militärregime trotz der Katastrophe abhalten ließ. Die deutsche Wirtschaft ruft unterdessen zu Spenden auf.
HB RANGUN. Birmas Militärmachthaber beugen sich zögerlich dem internationalen Druck zur Annahme von Katastrophenhilfe. Zwei Wochen nach dem Durchzug des Wirbelsturms „Nargis“ durften ausländische Diplomaten erstmals drei Lager im abgeschotteten Irawadi-Delta besuchen. Dutzende Ärzte und Krankenschwestern aus Asien erhielten eine Einreisegenehmigung, ebenso wie UN-Hilfskoordinator John Holmes. Nach Einschätzung der Hilfsorganisationen reicht dies aber angesichts der verzweifelten Lage der rund zwei Millionen Menschen, die durch den Zyklon alles verloren haben, bei weitem nicht aus.
Mit einem Hubschrauber brachten die Behörden am frühen Morgen eine Gruppe von Diplomaten und führenden Vertretern von Hilfsorganisationen aus Rangun in das am schwersten verwüstete Irawadi-Delta. „Was sie uns zeigten, sah sehr gut aus, doch war das nicht das ganze Bild“, berichtete der örtliche Leiter des Welternährungsprogramms (WFP), Chris Kaye, nach seiner Rückkehr. Nach seinen Angaben bekamen sie drei Auffanglager zu sehen, in denen jeweils maximal 250 Menschen lebten.
In Rangun trafen 30 Ärzte und Krankenschwestern aus dem benachbarten Thailand ein. Laut Kaye haben sie eine zweiwöchige Aufenthaltsgenehmigung, dürfen sich aber nur bis zum Stadtrand von Rangun bewegen. Eine Gruppe indischer Ärzte sei bereits im Land, weiteres Personal aus China und Bangladesch werde im Laufe des Wochenendes erwartet. Der örtliche Vertreter von Ärzte ohne Grenzen, Frank Smithuis, sagte, dass dringend internationale Katastrophenexperten gebraucht würden, um Wasser aufzubereiten, Toiletten zu bauen und Nothilfe zu organisieren.
Am Freitagabend landeten nach Angaben des US-Außenministeriums vier Transportflugzeuge mit Hilfsgütern in Rangun. UN-Koordinator Holmes wurde für Sonntag in Rangun erwartet. Er will die Militärregierung dazu bewegen, nicht nur ausländische Hilfe, sondern auch die internationalen Helfer ins Land zu lassen. Trotz zehntausenden Toten und hunderttausenden Obdachlosen versichern Birmas Behörden, die Krise weitgehend allein bewältigen zu können.
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Internationale Kritik
Der britische Premierminister Gordon Brown warf den regierenden Generälen eine „unmenschliche Behandlung“ ihrer eigenen Bevölkerung vor. „Wir haben eine unerträgliche Situation, hervorgerufen durch eine Naturkatastrophe. Durch Fahrlässigkeit wird sie zu einer von Menschen gemachten Katastrophe“, sagte Brown im BBC-Rundfunk. Die Verantwortung für das Ausmaß der Katastrophe liege „bei Birmas Regime“, es werde dafür „zur Verantwortung gezogen“.
Frankreichs UN-Botschafter Jean-Maurice Ripert sagte, die Blockadehaltung der Junta grenze an ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“. Er forderte ein energischeres Eingreifen der Vereinten Nationen. „Zehntausende Menschenleben sind bereits verloren, hunderttausende könnten es werden“, mahnte er. Nach seinen Angaben streiten sich Frankreich und Birma weiter, wie mit den Hilfslieferungen an Bord eines französischen Marineschiffs verfahren werden soll, das vor Birmas Küste ankert. Laut Ripert warf sein birmanischer Kollege Paris vor, ein „Kriegsschiff“ entsandt zu haben.
In Washington forderten 43 Abgeordnete beider Parteien US-Präsident George W. Bush auf, sich für eine „humanitäre Intervention“ in Birma einzusetzen. Der US-Präsident verlängerte die Sanktionen gegen Birma um ein weiteres Jahr.
Die Vereinten Nationen haben unterdessen ihre Forderung an das Militärregime in Birma bekräftigt, internationale Helfer ins Land zu lassen. „Mehr als zwei Wochen nach dem Zyklon befinden wir uns an einem kritischen Punkt“, sagte UN-Generalsekretär Ban Ki Moon. „Wenn nicht schnell mehr Hilfe in das Land gelangt, stehen wir vor dem Ausbruch von Infektionskrankheiten, die die aktuelle Krise dramatisch verschlimmern könnten.“
Bundesregierung : THW steht bereit
Die Bundesregierung hat Birma aufgefordert, internationale Helfer ins Land zu lassen. Innenstaatssekretär August Hanning sagte in einem Interview der Berliner Tageszeitung „B.Z. am Sonntag“, das Technische Hilfswerk habe Wasseraufbereitungsanlagen in die Hauptstadt Rangun gebracht, um 70 000 Menschen mit Trinkwasser zu versorgen. Aber noch liefen die Gespräche mit der Regierung über die Genehmigung. Im Interesse der Menschen seien schnellere Entscheidungen notwendig, betonte der Staatssekretär. Dem Land drohe jetzt die zweite Katastrophe durch Regen und Seuchen. „Wir können innerhalb von Stunden helfen, wenn wir dürfen. Das aber ist genau unser Problem in Myanmar“, sagte Hanning.
Das Bundesinnenministerium bietet auch China Katastrophenhilfe an. „Das Bergen der Verschütteten haben chinesische Kräfte, insbesondere die Volksbefreiungsarmee übernommen. Wir sind aber bereit, China zu helfen“, erklärte Hanning.
Deutsche Wirtschaft will helfen
Die deutsche Wirtschaft hat eine Spendenaktion für die Opfer der Naturkatastrophen in Birma und China gestartet. Das sage der Vorsitzende des Asien-Pazifik-Ausschusses, BASF-Chef Jürgen Hambrecht, der „Bild“-Zeitung. Er habe alle 50 Mitgliedsorganisationen und Unternehmen angeschrieben. „Die schrecklichen Bilder aus den Ländern haben uns alle erschüttert. Deshalb wollen wir jetzt schnell helfen.“ Er plädiere an alle Unternehmen, jeden Euro Spende der Mitarbeiter zu verdoppeln. Bei BASF seien bereits auf diese Weise in China 200 000 Euro zusammengekommen.
Das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und die Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmond-Gesellschaften rufen zu Spenden auf. Die Organisation erklärte in Berlin, mit zwölf Millionen Euro könnten in den kommenden zwölf Monaten etwa 100 000 Überlebende unterstützt werden. Die Kinderhilfsorganisation World Vision schickt am Montag vom Frankfurter aus ein Flugzeug mit Hilfsgütern für rund 25 000 Menschen nach Birma.
Nach Angaben der Johanniter-Unfall-Hilfe kommen Hilfsgüter sicher bei den Bedürftigen in der Region um das Irrawaddy-Delta an. Alexander Richter, Mitglied eines Erkundungsteams der Organisation, sagte im Deutschlandradio Kultur: „Natürlich ist das und alles, was bislang an Hilfe in Birma ankommt, viel, viel zu wenig angesichts des Ausmaßes der Katastrophe. Aber es kommt Hilfe durch.“ Da ausländische Helfer von der Regierung noch immer massiv überwacht und behindert würden, sei man auf Kooperation mit Einheimischen angewiesen.“
Opposition bezweifelt Wahlergebnisse
Die Partei der birmanischen Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi hat das Ergebnis des von der Militärjunta abgehaltenen Verfassungsreferendums zurückgewiesen. „Das Ergebnis ist komplett falsch“, sagte Nyan Win, Sprecher der Nationalen Liga für Demokratie (NLD), der Nachrichtenagentur AFP. Die Behörden hätten die Menschen gezwungen, mit Ja zu stimmen. Außerdem sei die Abstimmung nicht geheim gewesen.
Die Militärjunta in Birma hatte am Donnerstag verkündet, für die neue Verfassung hätten 92,4 Prozent der Wähler gestimmt. Obwohl das Land kurz zuvor von dem verheerenden Sturm „Nargis“ heimgesucht worden war, war der Urnengang am 10. Mai in den meisten Teilen des Landes abgehalten worden. In den von der Katastrophe am schwersten betroffenen Gebieten soll am Samstag kommender Woche abgestimmt werden. Win kritisierte, dass die Regierung die Ergebnisse bereits vor dem Nachwahlgang bekanntgegeben habe.
Die letzten Wahlen im Jahr 1990 hatte die Partei von Suu Kyi mit großer Mehrheit gewonnen. Das Ergebnis wurde von den Militärmachthabern aber nie anerkannt, die Oppositionsführerin verbrachte seitdem die meisten Zeit unter Hausarrest. Während die Regierung dafür wirbt, dass die neue Verfassung den Weg zu neuen Wahlen in zwei Jahren freimacht, befürchten Kritiker, die seit 1962 regierende Junta werde ihre Kontrolle über das Land auf Jahre zementieren. Unter anderem versperrt die Verfassung Suu Kyi den Weg zum Präsidentenamt, weil sie bis zu dessen Tod 1999 mit einem Ausländer verheiratet war.

