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07.05.2008 
Zyklon „Nargis“

Bis zu 100 000 Tote in Birma befürchtet

Der Zyklon „Nargis“ könnte nach Einschätzung eines US-Diplomaten 100 000 Menschen in Birma das Leben gekostet haben. Hungernde Menschen stürmten die wenigen geöffneten Läden. Nun gerät auch die Miltärjunta des Landes zunehmend unter Druck, auch von Seiten der Uno.

Durch den schweren Wirbelsturm "Zyklon" sind in den betroffenen Gebieten mehr als 95 Prozent der Gebäude zerstört worden. Foto: Democratic Voice of BurmaLupe

Durch den schweren Wirbelsturm "Zyklon" sind in den betroffenen Gebieten mehr als 95 Prozent der Gebäude zerstört worden. Foto: Democratic Voice of Burma

HB RANGUN. 95 Prozent der Gebäude in den betroffenen Gebieten seien zerstört, sagte Shari Villarosa, die Leiterin der US-Botschaft in Rangun. Die staatlichen birmanischen Medien bezifferten die Zahl der Toten am Mittwoch auf knapp 23 000, mehr als 42 000 Menschen galten demnach als vermisst. Rund eine Million wurden obdachlos. Hungernde Menschen stürmten im verwüsteten Irrawaddy-Delta die wenigen Läden, die nach der Sturmkatastrophe zum ersten Mal wieder öffneten.

Die Vereinten Nationen beklagten Behinderungen ihrer Arbeit durch die Militärregierung. Mitarbeiter vieler Hilfsorganisationen warteten schlicht auf Einreisevisa, teilte Uno-Sprecherin Elisabeth Byrs in Genf mit. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon rief die Junta auf, der internationalen Unterstützung den Weg zu ebnen.


Bildergalerie Bildergalerie: Sturmkatastrophe im Militärstaat


Richard Horsey vom Uno-Büro für die Koordination Humanitärer Hilfe in Thailand sprach von einer „großen, großen Katastrophe“. Praktisch alle tiefer gelegenen Gebiete des Irrawaddy-Deltas stünden unter Wasser. In der Katastrophenregion würden Tabletten zur Wasserreinigung, Moskitonetze, Plastikplanen und Medikamente verteilt, sagte Hornsey. Allerdings seien weite Gebiete nur mit dem Boot zu erreichen. Nicht einmal per Hubschrauber könnten Hilfsgüter dorthin gebracht werden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Preise verdoppelt

In der Millionenmetropole Rangun schossen die Preise für Lebensmittel in die Höhe. Auf den Märkten verdoppelte sich der Preis für Reis, Speiseöl und Trinkwasser. In einem Vorort der Großstadt mussten für einen Sack Reis umgerechnet 25 Euro bezahlt werden - ein astronomischer Preis in einem Land, wo die meisten Menschen mit weniger als zwei Dollar (1,30 Euro) pro Tag auskommen müssen.

In einigen Vierteln Ranguns gab es am Mittwoch wieder Elektrizität, die meisten Einwohner waren jedoch nach wie vor von der Stromversorgung abgeschnitten und konnten damit auch ihre elektrischen Wasserpumpen nicht benutzen.

Der Wirbelsturm war am Samstag über Birma hinweggerast und hat im Irrawaddy-Delta eine unbeschreibliche Spur der Verwüstung hinterlassen. Am Mittwoch öffneten einige Läden in dem Gebiet wieder. Sie wurden sofort von Hungrigen gestürmt, wie ein Sprecher des Welternährungsprogramms (WFP) in Bangkok unter Berufung auf Mitarbeiter vor Ort sagte. „Am dringendsten werden Wasser und Essen benötigt“, sagte Andrew Kirkwood von der Hilfsorganisation Save the Children in Rangun. „Viele Leute werden krank. Alles steht unter Salzwasser, und es gibt nichts zu trinken.“

Deutschland und Frankreich appellierten am Mittwoch eindringlich an die birmanische Regierung, ausländische Helfer und Hilfsgüter ins Land zu lassen. Bundesentwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul sprach von der „schlimmsten Katastrophe seit dem Tsunami“. Der französische Außenminister Bernard Kouchner teilte mit, Birma habe grünes Licht für zwei Uno-Maschinen mit Hilfsgütern gegeben. Die französische Marine habe auch mehrere Schiffe mit Ausrüstung und Lebensmitteln an Bord vor der Küste des Landes. „Nur verweigert die birmanische Regierung die Genehmigung, um den Menschen zu helfen“, sagte Kouchner.

Das Auswärtige Amt in Berlin verdoppelte die humanitäre Soforthilfe für die Menschen in Birma auf eine Mill. Euro. „Die Bundesregierung ist sehr besorgt angesichts der immer größeren Ausmaße der Katastrophe“, sagte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Ban Ki Moon: Appell an Militärregierung in Birma zur Kooperation

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat an die Militärregierung in Birma appelliert, die Hilfe der internationalen Gemeinschaft zügiger anzunehmen. Die Regierung solle auf die „Angebote zur Unterstützung und Solidarität eingehen, die Einreise von Hilfskräften erleichtern und die Hilfslieferungen genehmigen“, sagte der Uno-Chef in einer am Mittwoch in New York verbreiteten Erklärung.

Vier der fünf Mitarbeiter des Teams zur Einschätzung und Koordinierung der Katastrophenhilfe der Vereinten Nationen (UNDAC) hätten mittlerweile die Erlaubnis erhalten, ins Land zu reisen, bestätigte John Holmes, der Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten, vor Journalisten. Sie würden voraussichtlich am Donnerstag vom thailändischen Bangkok aus nach Birma fliegen. Die UNDAC-Mitarbeiter hätten jedoch kein Visa benötigt, weil sie asiatischer Herkunft seien. Holmes schätzte, dass zwischen 50 bis 100 UN-Mitarbeiter derzeit noch auf Einreisevisa warteten. „Natürlich würden wir gerne sehr viel mehr sehr viel schneller tun“, sagte Holmes. Allerdings liefe die Zusammenarbeit mit der Militärregierung zumindest „in die richtige Richtung“.

Deutlicher wurde der französische UN-Botschafter Jean-Marie Ripert: „Wir haben alles was wir brauchen: Geld, Nahrungsmittel, Medikamente, um bei dieser unglaublichen Katastrophe zu helfen. Wir wollen Birma zu nichts zwingen, aber sie haben gesagt, dass sie Hilfsmaßnahmen akzeptieren: Also los!“, sagte der Diplomat vor Journalisten. „Wir wollen handeln und zwar schnell“, fügte er hinzu.

Auch die USA haben an die birmanische Militärregierung appelliert, angesichts zehntausender Opfer des Zyklons „Nargis“ ausländische Helferteams ins Katastrophengebiet zu lassen. „Es sollte eine einfache Sache sein“, sagte Außenministerin Condoleezza Rice am Mittwoch in Washington. „Es handelt sich nicht um Politik, sondern um eine humanitäre Krise.“ Die Regierung Birmas sollte daran interessiert sein, dass ihr Volk alle verfügbare Hilfe von außen bekomme - ungeachtet der politischen Haltung der Geberländer.

Außenamtssprecher Sean McCormack teilte mit, Washington sei an die traditionellen Freunde Birmas - China, Indien, Indonesien, Japan, Malaysia und Thailand - herangetreten, um sich bei der Militärregierung zur Annahme von Auslandshilfe auch von Staaten anzunehmen, die der Militärregierung kritisch gegenüberstehen.

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