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01.05.2008 
Gesichter Chinas

Das Lachen des Yue Minjun

von Ruth Kirchner

So lacht niemand. So breit. So wild. Der chinesische Maler Yue Minjun ist der neue Star internationaler Auktionen. Seine Selbstporträts, die ihn in der Regel grinsend und ausgelassen zeigen, werden für einige Millionen versteigert. Teil acht der Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“.

Yue Minjun in seinem Atelier: "Das wilde Lachen soll vielleicht Angst verdecken." Foto: Qialai Shen/sinopixLupe

Yue Minjun in seinem Atelier: "Das wilde Lachen soll vielleicht Angst verdecken." Foto: Qialai Shen/sinopix

PEKING. Der weit offene Mund mit den makellosen Zähnen schiebt den Rest des Gesichts fratzenartig zusammen. Die Augen sind nur noch dünne Schlitze. Der Mann selbst hockt auf dem Boden, verschränkt die Arme vor dem nackten Oberkörper. Seine rosa Haut leuchtet eindringlich vor dem dunklen Hintergrund.

Im wirklichen Leben ist Yue Minjun ernst und verschlossen. Eigentlich lacht er gar nicht. Schon gar nicht laut und aufdringlich. Doch die lachenden Figuren, die er nach seinem Ebenbild entworfen hat, sind zu seinem Markenzeichen geworden.

Der 45-Jährige ist der Shootingstar der chinesischen Kunstszene. Seine Selbstporträts hat er zum Exportschlager gemacht und schaffte es damit als erster chinesischer Maler auf das Titelblatt des US-Magazins „Time“. Im vergangenen Juni wurde sein Gemälde „Der Papst“, das ihn als grinsenden Heiligen Vater zeigt, für mehr als drei Millionen Euro bei Sotheby's in London versteigert.

Die internationale Kunstszene, die sich jahrelang nicht für Asien interessierte, hat China entdeckt. Das treibt die Preise in immer neue, schwindelerregende Höhen.

„Mit mir selber hat das gar nichts zu tun“, wiegelt Yue Fragen nach den Rekordsummen für seine Bilder ab. „So ist halt die Marktwirtschaft, oder?“ fragt er und verzieht sein Gesicht zu etwas, das einem Lachen nahekommt. Er selbst hatte das Papst-Gemälde schon vor Jahren verkauft, „für ein paar Tausend Dollar“, sagt er.

In Peking eröffnen ständig neue Galerien – etwa in dem hippen Kunstviertel „798“ im Osten der Stadt. Bis vor wenigen Jahren stellten hier Chinas Rüstungswerker Elektronik und Keramik her. Heute sind die gewaltigen Schornsteine des einstigen Industriegeländes das Wahrzeichen von Museen und Ausstellungshallen.

In den zahlreichen Ateliers suchen internationale Galeristen nach den Talenten von morgen. Viele Künstler oder solche, die es gerne wären, versuchen, auf den Zug aufzuspringen. „Der Markt ist total überhitzt“, sagt der renommierte dänische Galerist Jens Faurschou, der in einer alten Werkshalle in „798“ eine Dependance betreibt. „Aber trotz des Hypes gibt es eine Gruppe von Künstlern, die Bestand haben wird.“ Und Yue Minjun gehört dazu. „Er ist jetzt wichtig“, sagt Faurschou, „und wird es auch in Zukunft sein.“

Bei der Eröffnung der Faurschou-Galerie Peking im vergangenen Winter war Yue dabei. Ruhm und Reichtum schaffen Verpflichtungen. Doch er stand eher unbeholfen in seinem schwarzen Ledermantel zwischen den schick gekleideten Gästen.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Der Herr der Fratzen fühlt sich unwohl

Ernst schnitt er gemeinsam mit dem dänischen Botschafter das rote Band durch. Applaus. Eine Band spielte Jazz, angeregt plauderten die VIP-Gäste. Nur Yue guckte unglücklich. Der Herr der Fratzen fühlte sich unwohl. Für Small Talk ist der wortkarge Mann nicht zu haben.

Yue Minjun ist ein Einzelgänger und Einsiedler. In Songzhuang, einer Künstlerkolonie vor den Toren Pekings, hat er sich ein modernes Wohnhaus und Atelier gebaut. Roter Backstein, weiße helle Räume, schlichte Möbel. An den Wänden hängen Gemälde berühmter Kollegen. Im Garten stehen verstaubte Skulpturen, das Grundstück ist von hohen roten Mauern umgeben. Hier, abgeschirmt von der Welt, malt Yue seine nervös lachenden Figuren.

„Seit der Kulturrevolution geht China durch eine Phase der permanenten Veränderung“, sagt der fast kahlköpfige Maler bei einer Tasse grünen Tees. Die Menschen seien individualistischer geworden, nicht mehr das Kollektiv bestimme über das Leben des Einzelnen. Aber diese sozialen Umbrüche lösen nicht nur Glücksgefühle aus, sondern auch Ängste vor der unbekannten Zukunft. Yue: „Das wilde Lachen soll vielleicht diese Angst verdecken.“



Permanente Veränderung bestimmt auch sein Leben. Yue stammt aus der Ölstadt Daqing im äußersten Nordosten Chinas. Seine Eltern arbeiteten auf den abgelegenen Erdölfeldern der Region. Alle paar Jahre zogen sie mit ihren beiden Söhnen um – wie moderne Nomaden. „Wir lebten sehr isoliert und hatten wenig Kontakt mit der Außenwelt“, erinnert er sich. „Unsere Lehrer und Eltern sagten meinem Bruder und mir, was wir zu tun und zu lassen hatten und was für Träume wir träumen sollten. Ich fand das ganz normal.“

Nach dem Schulabschluss tritt er in die Fußstapfen seiner Eltern, arbeitet fünf Jahre lang als Elektriker auf Ölfeldern und Bohrinseln. „Nach einem Monat auf einer Bohrinsel hat man das Sprechen verlernt“, sagt er fast entschuldigend. „Man wird ein bisschen seltsam.“ Und schweigsam.

Schon als Kind hat Yue gern gemalt. Und auch später immer wieder mit dem Gedanken gespielt, Maler zu werden. Diesen Traum verwirklicht er allerdings erst Mitte der 80er-Jahre. „Meine Arbeit als Elektriker fand ich da nur noch unerträglich“, erzählt Yue. Er wechselt an die Universität in Hebei und studiert Kunst.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs an den Unis, die Geburtsstunde der chinesischen Avantgarde. Künstler experimentieren mit neuen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, schließen sich in unabhängigen Gruppen zusammen, werfen die Fesseln des sozialistischen Realismus ab.

„Als Hausaufgaben“, sagt Yue, „mussten wir noch die üblichen Sachen malen.“ Bilder von heroischen Arbeitern, Soldaten, Bauern. „Aber sonst konnten wir machen, was wir wollten.“ Das ändert sich im Juni 1989. Die Demokratiebewegung wird auf dem Platz des Himmlischen Friedens niedergeschlagen, die neue Kunst in den Untergrund gedrängt.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Das Ende aller Illusionen

Die Ereignisse von 1989 sind für Yue Minjun das Ende aller politischen Illusionen. Sechs Jahre später malt er „Execution“: Lachende Männer in weißen T-Shirts, die imaginäre Gewehre auf lachende, fast nackte Studenten richten. Im Oktober 2007 wurde dieses Bild für 4,2 Millionen Euro versteigert. Ein neuer Rekord. „Execution“ ist das bislang teuerste zeitgenössische Gemälde aus China.

Zuvor war das Bild jahrelang unter Verschluss gewesen. Der Hongkonger Kunsthändler Manfred Schoeni hatte es 1996 an einen jungen britischen Investmentbanker mit der Auflage verkauft, es mindestens fünf Jahre lang nicht öffentlich zu zeigen. Er fürchtete damals, Yue könnte sonst in Schwierigkeiten kommen.

Aber Probleme mit der Zensur hatte Yue nach eigenen Worten noch nie. „Sicher, die Zensur schränkt die Kreativität in der Gesellschaft ein“, sagt er. Aber als politischen Maler sieht er sich nicht. „Kunst muss unabhängig sein“, betont er in seinem Atelier. Sonnenlicht fällt durch hohe Fensterfronten ein, es riecht nach Ölfarbe. Paletten, Pinsel und Farbtuben sind wie zu einem Stillleben auf einem Tisch angeordnet.

Yue lässt sich nicht gerne einordnen und klassifizieren. Dass er zur Schule des „Zynischen Realismus“ in China gezählt wird, tut er achselzuckend ab: „Das kümmert mich nicht, das hat mit mir nichts zu tun.“



Seine Generation, die den kollektiven Zwang der Kulturrevolution in der Kindheit miterlebt hat, beharrt mit Nachdruck auf ihrer Individualität. Doch für die Künstler, die sich in kein Schema pressen lassen wollen, war das am Anfang nicht einfach.

Die Künstlerkolonie Yuanmingyuan etwa, neben den Ruinen des alten Sommerpalastes in Peking, wo Yue Anfang der 90er-Jahre sein erstes Atelier hatte, galt jahrelang als ein chinesisches Hippiedorf. Die Künstler waren Außenseiter, wurden als „liu mang“ beschimpft, als ziellose Faulpelze und Herumtreiber.

Aber dort fühlte sich Yue, vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben, richtig zu Hause und dazugehörig. „Das war das Künstlerleben, das ich gesucht hatte“, schwärmt er mehr als ein Jahrzehnt später. Die Mieten waren niedrig, man war unter Gleichgesinnten. Für ihre Ausstellungen hängten die Künstler ihre Bilder manchmal einfach an die Bäume.

„Vor allem aber konnte ich mein Leben selbst bestimmen, konnte selbst entscheiden, wie ich meine Tage verbringe oder wie lang ich meine Haare wachsen lasse“, sagt der Maler heute.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Wie Marilyn Monroe

In Yuanmingyuan entwickelt er den Stil, der ihn dann international berühmt machte. „Ich habe mich von Filmen inspirieren lassen“, sagt er. Ein Filmstar spiele verschiedene Rollen und bleibe doch er selbst. „Also kann ich auch mich selbst vor ganz unterschiedlichen Kulissen malen.“ Wie die legendäre Blondine Marilyn Monroe oder Basketball-Superstar Yao Ming wolle er sich selbst als moderne Ikone präsentieren.

„Seine Bilder sind eine ironische Antwort auf die geistige Leere und die Verrücktheiten im modernen Leben“, sagt der renommierte chinesische Kunstkritiker Li Xianting. Andere werfen Yue Minjun dagegen Oberflächlichkeit vor; er wolle sich lediglich dem westlichen Markt und Geschmack anbiedern.

Dass sich die lachenden Gesichter immer noch gut verkaufen, weiß er selbst. „Zwei Millionen Dollar“, sagt er lässig beim Rundgang durch sein Atelier und deutet auf eines der riesigen Bilder, die an der roten Backsteinwand lehnen. Gleichzeitig insistiert er: „Ich lasse mich von den Preisen überhaupt nicht beeinflussen.“

Einige seiner neuen Bilder malt er inzwischen nicht mehr selbst. Das machen seine Assistenten – nach den Vorgaben des Meisters. „Das ist durchaus üblich“, rechtfertigt sich Yue. „Was zählt, ist die Idee.“ Und die stamme immer von ihm.

Doch internationale Experten sehen solche Tendenzen mit Sorge. Schnelles Geld sei nicht alles, warnt Kai Heinze, künstlerischer Direktor bei Faurschou Beijing. „Künstler wie Yue Minjun müssen zur Besinnung kommen, sonst laufen sie Gefahr zu verbrennen.“

Der kommerzielle Erfolg kann die Weiterentwicklung des eigenen Stils blockieren. Das wird auch bei Yue deutlich. Seit Jahren malt er fast ausschließlich seine lachenden Gesichter. „Immer wieder hat er versucht, seinen Stil zu durchbrechen“, beobachtet Fei Dawei, Kurator am Ullens Center for Contemporary Art in Peking. „Aber das ist ihm bislang noch nicht gelungen.“

Derzeit experimentiert Yue mal wieder mit neuen Ausdrucksformen. Er malt großflächige Labyrinthe. Da ist jemand auf der Suche.

Oder er reproduziert Szenen von klassischen Gemälden – nur die Protagonisten der Originale lässt er einfach weg. Dadurch entstehen neue, menschenleere Landschaften. Yue: „Der Betrachter soll sich fragen, ob das Original überhaupt existiert hat.“

Das ganze Gerede über Kunst und Kommerz mag er eigentlich schon gar nicht mehr hören. „Ich will einfach in Ruhe meine Sachen machen“, wehrt er ab. „Solange ich die Möglichkeit habe zu malen, kann das Leben doch nicht allzu schlecht sein.“

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