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01.05.2008 

Ernst schnitt er gemeinsam mit dem dänischen Botschafter das rote Band durch. Applaus. Eine Band spielte Jazz, angeregt plauderten die VIP-Gäste. Nur Yue guckte unglücklich. Der Herr der Fratzen fühlte sich unwohl. Für Small Talk ist der wortkarge Mann nicht zu haben.

Yue Minjun ist ein Einzelgänger und Einsiedler. In Songzhuang, einer Künstlerkolonie vor den Toren Pekings, hat er sich ein modernes Wohnhaus und Atelier gebaut. Roter Backstein, weiße helle Räume, schlichte Möbel. An den Wänden hängen Gemälde berühmter Kollegen. Im Garten stehen verstaubte Skulpturen, das Grundstück ist von hohen roten Mauern umgeben. Hier, abgeschirmt von der Welt, malt Yue seine nervös lachenden Figuren.

„Seit der Kulturrevolution geht China durch eine Phase der permanenten Veränderung“, sagt der fast kahlköpfige Maler bei einer Tasse grünen Tees. Die Menschen seien individualistischer geworden, nicht mehr das Kollektiv bestimme über das Leben des Einzelnen. Aber diese sozialen Umbrüche lösen nicht nur Glücksgefühle aus, sondern auch Ängste vor der unbekannten Zukunft. Yue: „Das wilde Lachen soll vielleicht diese Angst verdecken.“



Permanente Veränderung bestimmt auch sein Leben. Yue stammt aus der Ölstadt Daqing im äußersten Nordosten Chinas. Seine Eltern arbeiteten auf den abgelegenen Erdölfeldern der Region. Alle paar Jahre zogen sie mit ihren beiden Söhnen um – wie moderne Nomaden. „Wir lebten sehr isoliert und hatten wenig Kontakt mit der Außenwelt“, erinnert er sich. „Unsere Lehrer und Eltern sagten meinem Bruder und mir, was wir zu tun und zu lassen hatten und was für Träume wir träumen sollten. Ich fand das ganz normal.“

Nach dem Schulabschluss tritt er in die Fußstapfen seiner Eltern, arbeitet fünf Jahre lang als Elektriker auf Ölfeldern und Bohrinseln. „Nach einem Monat auf einer Bohrinsel hat man das Sprechen verlernt“, sagt er fast entschuldigend. „Man wird ein bisschen seltsam.“ Und schweigsam.

Schon als Kind hat Yue gern gemalt. Und auch später immer wieder mit dem Gedanken gespielt, Maler zu werden. Diesen Traum verwirklicht er allerdings erst Mitte der 80er-Jahre. „Meine Arbeit als Elektriker fand ich da nur noch unerträglich“, erzählt Yue. Er wechselt an die Universität in Hebei und studiert Kunst.

Es ist eine Zeit des Aufbruchs an den Unis, die Geburtsstunde der chinesischen Avantgarde. Künstler experimentieren mit neuen Formen und Ausdrucksmöglichkeiten, schließen sich in unabhängigen Gruppen zusammen, werfen die Fesseln des sozialistischen Realismus ab.

„Als Hausaufgaben“, sagt Yue, „mussten wir noch die üblichen Sachen malen.“ Bilder von heroischen Arbeitern, Soldaten, Bauern. „Aber sonst konnten wir machen, was wir wollten.“ Das ändert sich im Juni 1989. Die Demokratiebewegung wird auf dem Platz des Himmlischen Friedens niedergeschlagen, die neue Kunst in den Untergrund gedrängt.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Das Ende aller Illusionen

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