11 Bewertungen ****
21.07.2008 
Berliner Geisterbahnhof

Das lange Warten auf die Kanzler-U-Bahn

Zwölf Jahre nach Baubeginn rollt Berlins „Kanzler-U-Bahn“ immer noch nicht. Das teure Prestigeobjekt zwischen Hauptbahnhof, Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor droht zu einem weiteren Highlight in der reichen Geschichte der Berliner Fehlplanungen zu werden.

Prachtbau ohne Funktion: Die U-Bahn-Haltestelle "Bundestag" ist immer noch ein Geisterbahnhof. Foto: dpaLupe

Prachtbau ohne Funktion: Die U-Bahn-Haltestelle "Bundestag" ist immer noch ein Geisterbahnhof. Foto: dpa

dpa BERLIN. Im Berliner U-Bahnhof Bundestag gibt es alles, nur keinen Eingang. Die Zugänge zum Geisterbahnhof mitten im Regierungsviertel sind seit Jahren verriegelt. Zuletzt waren sie im Juni geöffnet, um geneigtes Opernpublikum einzulassen. Im Untergrund gab Regisseur Christoph Hagel eine moderne Fassung der Zauberflöte. Mozart in der U-Bahn, Kulturfreunde reizte dieser ungewöhnliche Ort. Für die Verkehrspolitik der Hauptstadt ist das eher ein trauriges Signal.

Zwölf Jahre nach Baubeginn rollt die „Kanzler-U-Bahn“ noch immer nicht zwischen Hauptbahnhof, Reichstagsgebäude und Brandenburger Tor. Sie ist zu einer unendlichen Geschichte geworden, wie ein teurer Schildbürgerstreich in der Hauptstadt.

Ende Juli ist es vier Jahre her, dass die Baugrube für den Bahnhof Brandenburger Tor eingerichtet wurde. Das galt immerhin als Hoffnungssignal für den baldigen Start eines Mini-Shuttles unter dem Regierungsviertel, offizieller Name U55, Spitzname „Kanzler-U-Bahn“. Die Hoffnung schwand schnell. Unter anderem verzögerten Grundwasser-Einbrüche den Bahnhofsneubau, der ursprünglich auf 28 Millionen Euro angelegt war. Inzwischen stehen Baukosten-Nachforderungen der Firma Hochtief in Höhe von 22 Millionen Euro im Raum - kein gutes Omen.

Dass am Pariser Platz überhaupt noch gebuddelt wird, nennt der kritische Berliner Fahrgastverband IGEB inzwischen eine „reine Imagesache“. Der Vorsitzende Christfried Tschepe glaubt, dass der U- Bahnbau an weniger prominenter Stelle längst eingestellt worden wäre. Tote Tunnel als stumme Zeugen von Fehlplanungen der Vergangenheit sind im Berliner U-Bahn-Netz keine Seltenheit.

Doch im Regierungsviertel liegen Geisterbahnhöfe auf dem Präsentierteller. Für Bundestagsabgeordnete ist es wenig reizvoll, Besuchergruppen aus dem Wahlkreis auf Dauer an einem Steuergelder-Millionengrab vorbeilaufen zu lassen. Es war der Bund, der Berlin 2002 zwang, die U-Bahn-Arbeiten fortzusetzen. Die Hauptstadt hatte sie zu dieser Zeit aus Geldnot gestoppt. Weitergraben - oder 170 Millionen Euro Bundesgelder als Strafe zurückzahlen, lautete die scharfe Ansage des Bundes. Die hoch verschuldete Hauptstadt ließ zähneknirschend weiterarbeiten und kündigte das U-Bahn-Shuttle zur Fußballweltmeisterschaft 2006 an.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

weiterHandelsblatt Specials

zurück
  • Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenze...

    Chronik 2008: Das Jahr der Turbulenzen

    Bankenpleiten, Börsentalfahrt, Rezession: Kaum ein Jahr hat die Welt der Wirtschaft so durcheinander gewirbelt wie 2008. Im kommenden Jahr müssen sich Manager und Politiker neu beweisen. Handelsblatt.com blickt in den Tagen bis zum Jahreswechsel zurück auf eine Zeit vo...Special 

  • Türkei – ein Land zwischen Aufbruch u...

    Türkei – ein Land zwischen Aufbruch und Rückschritt

    Die Türkei sprüht vor Dynamik. Neben Istanbul bilden sich auch in Anatolien neue Wirtschaftszentren. Im Land entsteht ein Mittelstand. Das bietet auch Chancen für deutsche Unternehmer und Investoren. Zugleich gestaltet sich der Weg nach Europa schwierig: Die Türkei ste...Special 

  • Agenda IT-Fitness

    Agenda IT-Fitness

    Ob Waldarbeiter, Bäcker oder Arzt – ohne IT läuft im Beruf kaum noch etwas. Doch die Informationstechnologie wandelt sich permanent, und Unternehmen wie Arbeitnehmer müssen sich auf diesen Wandel einstellen. Wie das gehen kann, zeigt die Agenda „IT-Fitness“.Special 

vor

 

 

Bildergalerien

zurück
  • Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Wo sich das Sponsorenkarussell dreht

    Zum Saisonende laufen in der Fußball-Bundesliga zahlreiche Verträge von Vereinen mit ihren Hauptsponsoren oder Ausrüstern aus, weitere kommen 2010 hinzu. Insgesamt geht es um Vermarktungsgelder von rund 90 Millionen Euro – und das mitten in der Wirtschaftskrise. Das Ma...Bildergalerie 

  • Rechte und Pflichten bei Eis und Schn...

    Rechte und Pflichten bei Eis und Schnee

    Starke Schneefälle, Glatteis und Dauerfrost haben in den vergangenen Tagen vielen den Weg zur Arbeit erschwert, wenn nicht gar unmöglich gemacht.Handelsblatt.com erklärt, was Sie beachten sollten.Bildergalerie 

  • Neue Regeln für die Einreise in die U...

    Neue Regeln für die Einreise in die USA

    Ab dem 12. Januar müssen USA-Reisende ohne Visum vorab online einen Antrag beim US-Heimatschutzministerium stellen. Nur mit Genehmigung, die per E-Mail erteilt wird, darf der Geschäftsreisende oder Tourist dann ins Flugzeug steigen. Die letzte Entscheidung trifft aber ...Bildergalerie 

vor