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15.09.2008 
Erdbebengefahr in Japan

Das Leben mit dem Beben

von Finn Mayer-Kuckuk

Erdbeben sind für Japaner alltäglich. Allein unter Nippons Hauptstadt stoßen drei Erdplatten zuammen, ein schweres Beben, wie es sich im Schnitt alle 70 Jahre ereignet, hätte immense Folgen für die Finanzmetropole. Warum Japan sich dennoch gerüstet fühlt und der Gefahr sogar etwas abgewinnen kann.

Tokio nach dem großen Beben. Forscher erwarten in den nächsten 50 Jahre ein Mega-Erdbeben in Tokio. Foto: Archiv Lupe

Tokio nach dem großen Beben. Forscher erwarten in den nächsten 50 Jahre ein Mega-Erdbeben in Tokio. Foto: Archiv

TOKIO. Wenn alle anderen fliehen, bewegt sich Takehiko Yamamura gegen den Strom. Im Juli, nach einem schweren Erdbeben in Nordjapan, ist der 65-jährige Experte sofort mit dem Hubschrauber ins Katastrophengebiet geflogen. Schon in den ersten Stunden nach den Erschütterungen hat er begonnen, die Schäden zu katalogisieren. Zugleich hat er bewertet, was die Vorbereitungen der Bewohner getaugt haben. "Jedes Erdbeben ist anders - die Art der Erschütterungen, die Infrastruktur der Region, in der es zuschlägt. Die Schäden sind immer verschieden", sagt Yamamura. Auch 1995, als in der Hafenstadt Kobe 5 500 Menschen starben, kam Yamamura innerhalb von zwei Stunden in die Stadt und begann mit der Koordination der Rettungsarbeiten. Aus seinen damaligen Beobachtungen vor Ort leitet er bis heute Ratschläge ab.

Japan ist das Industrieland mit den meisten Erdbeben. Es rappelt auf der vulkanischen Inselkette 20- bis 30-mal pro Tag - fühlbar. Allein in diesem Jahr gab es bereits zwei richtig schwere Erdbeben. In einer dicht besiedelten Region hätten sie Milliardenschäden verursacht. Zum Glück bebte es nur in den dünn besiedelten Bergen nördlich von Tokio.

Doch es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wieder das Zentrum des Landes trifft. Denn unter Nippons glitzernder Hauptstadt stoßen gleich drei der Platten zusammen, aus denen sich die Erdoberfläche zusammensetzt. Schwere Beben ereignen sich im Schnitt alle 70 Jahre. Die letzte totale Zerstörung erlebte Tokio 1923. Damals starben knapp 100 000 Menschen. Seitdem trieben die Japaner ein Paradox auf die Spitze: An dieser gefährlichen Stelle haben sie eine der weltweit dichtesten Ansammlungen von Werten errichtet. Mehr als 20 Millionen Menschen entfalten hier eine höhere Wirtschaftsleistung als ganz Australien.

"Ein Beben der Magnitude sieben oder höher hätte sofort Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft", sagt Yamamura. "Denken Sie nur an die tage- oder wochenlange Aussetzung des Aktienhandels." Das nächste große Erdbeben in Tokio könnte die teuerste Katastrophe aller Zeiten werden. Die unmittelbaren Schäden schätzt die japanische Regierung auf umgerechnet 800 Milliarden Euro: 850 000 Gebäude stürzen ein, darunter Luxuskaufhäuser und die neuesten Wunderwerke genauso wie einfache Mietblöcke.

Tokio tut jedoch, was es kann, um sich bereit zu machen. Experten wie Yamamura und seinem Institut für Systeme zum Katastrophenmanagement kommt dabei die Funktion der Mahner zu: "Nachlässigkeit ist ein großes Problem." Nach dem schweren Beben in der Hafenstadt Kobe 1995 hätten sich die Firmen und Haushalte landesweit mit Notfallausrüstung versorgt. "Doch heute sind in den Rucksäcken die 13 Jahre alten Batterien ausgelaufen", fürchtet er. Yamamura schreibt auch Bücher zum Thema Katastrophenvorbereitungen und hat damit mehrere Bestseller gelandet. Darunter Titel wie: "Alle denken, es trifft sie nicht" und "Erdbeben! So retten Sie sich, bis die offizielle Hilfe kommt".

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