Ein Schwall beglückender Opioide: Nicht Wut und Aggression haben die Menschen zum Miteinander befähigt, sondern positive Gefühle wie Freude, Lachen, Liebe und Zufriedenheit; sie sind der Motor, der Menschen zum Handeln treibt. Glück gibt es nicht für immer – und das ist gut so, wie Forscher wissen.
DÜSSELDORF. Der neunjährige Nicholas ist glücklich, wenn er ins Schwimmbad gehen kann. Seine Freundin Hanna wäre es, wenn sie den vor kurzem verstorbenen Hund ihrer Nachbarn als Stern am Himmel entdecken könnte. Und mein Sohn Oskar ist glücklich, wenn er seiner Sammlung ein neues Pokémon hinzufügen kann.
„Glück ist sehr individuell“, sagt der Salzburger Theologe und Erziehungswissenschaftler Anton Bucher. Im Auftrag des ZDF hat er untersucht, ob Deutschlands Kinder glücklich sind: 84 Prozent der 1 200 befragten Sechs- bis 13-Jährigen bejahten die Frage. Vorausgesetzt, dass sie nicht zu viele Hausaufgaben zu erledigen hatten – dann bezeichneten sich nur noch 39 Prozent als „total glücklich“. „Die Schule hätte ein wesentliches größeres Potenzial, zum Glücksgefühl der Kinder beizutragen“, sagt Bucher.
Der Hirnforscher Manfred Spitzer hat nachgewiesen, dass die Erinnerungsleistung umso größer ist, je besser sich jemand während des Einprägens fühlt: weil beim positiven Speichern der Hippokampus tätig wird, der Teil des menschlichen Gehirns, der fürs Erinnern zuständig ist. Mit negativen Emotionen verknüpfte Sachverhalte indes werden im Mandelkern abgelegt, wo gleichzeitig die Angst und ihre körperlichen Reaktionen mobilisiert werden. „Wenn Kinder schon Magenkrämpfe bekommen, nur weil sie an die Schule denken, ist etwas grundlegend verkehrt“, meint Bucher. Lernen kann nämlich glücklich machen; und nur, wenn es in einer positiven emotionalen Umgebung stattfindet, werden Kinder später in der Lage sein, das Gelernte aktiv und ideenreich in die Lösung komplexer Probleme einzubringen. Das Wort „Glück“ kommt schließlich ethymologisch von „gelingen“.
Positive Gefühle waren in der Entwicklungsgeschichte des Menschen von unschätzbarer Bedeutung. Heiko Ernst schreibt in der Zeitschrift „Psychologie heute“, dass das menschliche Gehirn zwar über lange Zeiträume hinweg „als Gefahrensensor funktionieren musste. (...) Wir haben als Art überlebt, weil wir uns auf das konzentriert haben, was schieflaufen kann, nicht auf das, was gutgeht.“ Aber nicht Misstrauen, Wut und Aggression befähigten die Menschen zum Miteinander, in dem sie komplexe Kulturen erblühen lassen konnten, sondern erst Freude, Lachen, Liebe, Lust, Zufriedenheit.
Warum wohl haben Frauen eine so große Schwäche für Männer, die sie zum Lachen bringen? Weil Humor und Geselligkeit Ausdruck von Intelligenz und sozialer Kompetenz sind, beides unabdingbar für eine verlässliche Zukunftsplanung. Und was wäre das Ganze ohne die Liebe, die aus evolutionsbiologischer Sicht eine Paarbeziehung über lange Zeit stabilisiert, lange genug, um Kinder gemeinsam großzuziehen? Heute ist das ohne größere Schwierigkeiten auch allein möglich, wenn es sein muss, aber in der Steinzeit hätte es ein Elternteil allein nicht geschafft.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Menschliche Psyche birgt hohes Frustrationspotential.
In der Kluft zwischen den harten Lebensbedingungen, die die menschlichen Hirnfunktionen einst prägten, und dem modernen Leben von heute hat die Hirnforschung ein großes Frustrationspotenzial für die menschliche Psyche aufgedeckt. „Unser größtes Problem besteht wahrscheinlich darin, dass wir nicht mehr um unser Überleben kämpfen müssen“, meint Gerhard Roth, Professor für Verhaltensphysiologie am Bremer Institut für Hirnforschung. Roth unterscheidet zwischen der langfristigen Lebenszufriedenheit und dem schnelllebigen Glück. Die Fähigkeit, zufrieden zu sein, ist teils genetisch angelegt, teils resultiert sie aus positiven Bindungserfahrungen in der frühen Kindheit.
Glücksgefühle gibt es, weil sie den Menschen zum Weitermachen anspornen, indem sie ihn süchtig machen nach dem Kick, der einsetzt, wenn sich das Gehirn mit einem Schwall beglückender Opioide belohnt. Dieser Glücksrausch hält jedoch nicht lange an. Recht bald sind die körpereigenen Drogen aus dem Körper hinausgespült. So erklärt sich die Traurigkeit, die oft zwei Tage nach einem Erfolgserlebnis einsetzt.
Die Sehnsucht nach einem größeren, anhaltendem Glück ist der Motor, der Menschen zum Handeln treibt, erklärt Roth. Aber: Je mehr Möglichkeiten sich ihm auftun, desto mehr frustriert ihn die Qual der Wahl.
Der Züricher Ökonom Bruno S. Frey hat gezeigt, dass Menschen, die unter ungünstigen Bedingungen leben, zwar unzufrieden sind. Sobald allerdings ein gewisser Lebensstandard gesichert sei, steigere eine weitere Verbesserung nicht mehr die Zufriedenheit. Nicht einmal den drei Lottogewinnern, die sich kürzlich den Jackpot von 45 Millionen Euro teilen durften, prognostiziert Frey ein langfristiges Glücksgefühl: „Das saust ganz kurz in die Höhe, dann flaut es wieder ab, sie gewöhnen sich dran und müssen sich mit ihrem vielen Geld rumärgern.“
Dass sich die Lebenszufriedenheit stets in etwa auf dem gleichen Level einpendelt, hat auch sein Gutes: Menschen, die traumatische Erfahrungen machen mussten, erholen sich in der Regel rasch und können weiterleben wie zuvor. Als einzige Ausnahme benennt Frey die Arbeitslosigkeit: Wer seinen Job verliert, findet nicht eher zu Glück oder Zufriedenheit zurück, bis er wieder in Lohn und Brot steht – selbst dann, wenn sich an seiner Einkommenssituation nichts ändert.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Menschen messen sich an Bezugsgruppen.
In Ländern mit hohem Beschäftigungsgrad wird Arbeitslosigkeit wesentlich schmerzlicher empfunden als in Volkswirtschaften, in denen Arbeitslosigkeit grassiert. Das liegt daran, dass Menschen sich stets an einer Bezugsgruppe messen, erklärt der Soziologe Jens Alber. Beispiel: „Nach der deutschen Wiedervereinigung ging es den Menschen in den neuen Bundesländern in ökonomischer Hinsicht zwar besser. Aber da die alten Bundesbürger zu ihrer neuen Vergleichsgruppe geworden waren, waren die ehemaligen DDR-Bürger trotz ihres neu erreichten Lebensstandards unzufrieden.“ So ergeht es auch dem Familienvater, der so lange froh ist über sein Einfamilienhäuschen im Grünen, bis er bei einem Klassentreffen frühere Freunde trifft, die ihm Fotos von größeren Häusern, schnelleren Autos und schlankeren Frauen unter die Nase halten. Mit dem quälenden Gefühl, dass das Leben ihn benachteiligt, kehrt er nach Hause zurück.
Laut Daniel Kahnemann, Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften 2002, trägt das Glücksniveau eines Landes entscheidend zur Produktivität bei: Glückliche Menschen sind bessere Arbeitnehmer und Unternehmer. Am Bruttosozialprodukt lässt sich dieses Niveau aber nicht messen, sagt Frey, eher an den Möglichkeiten zur Teilhabe und an gesellschaftlichen Kennziffern wie der Zahl der Krankenhausbetten oder der Lebenserwartung.
Die kleine Brise Unglück im Glück – ein bisschen Neid, ein Anflug von Ärger, Unzufriedenheit oder Angst – kann allerdings ein wichtiges Korrektiv sein, schreibt Psychologe Heiko Ernst. Sie bewahrt uns davor, blind für die Realität zu werden. „Ein Maximum an Glück ist nicht nur nicht machbar, es wäre auch kontraproduktiv.“ Partner, die sich nie streiten, kritisieren oder gegenseitig verletzen, verlieren auch bald das Gespür für Lob und Anerkennung. „Glück ist ein Kontrasterlebnis“, sagte schon Sigmund Freud, „nur möglich vor dem Hintergrund von schmerzlichen Erfahrungen.“


