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18.11.2007 
Wolfgang Grenke

Der dezente Stadtentwickler

von Katrin Wilkens

Allein die Vielzahl seiner Engagements beiläufig in einem Party-Geplänkel-Gespräch zu erwähnen würde scheitern. Wolfgang Grenke engagiert sich so engagiert für Baden-Baden, dass man nicht mal eben zwischen Finger-Food und Prosecco aufzählen könnte, wo überall. Ein normaler Dienst an der Heimat, findet er.

DÜSSELDORF. Wolfgang Grenke engagiert sich: Vorsitzender des Stiftungsrates der Awo-Stiftung Baden-Baden. Vizepräsident der IHK Karlsruhe. Schachsponsoring beim OSC Baden-Baden. Qualitätsmanagement für das Markgraf-Ludwig-Gymnasium in Baden-Baden. Das Kulturprojekt Kolumbus im Festspielhaus zu Baden-Baden (holen Sie sich ruhig erst noch einen Kaffee, wenn Sie das hier lesen, wir sind mit der Liste noch lange nicht zu Ende)! Unterstützung der Sucht- und Präventionsmedizin in der Region Baden-Baden. Bepflanzung des Dahliengartens in der Lichtentaler Allee in Baden-Baden. Unterstützung junger Künstler – natürlich aus dem Raum Baden-Baden.

Außerdem ist er finanzieller Träger des Pferderennens in Iffezheim und von dessen Internationalem Club durch ein Projekt: Hier, in der Lichtentaler Allee 8, wird im Herbst 2008 ein neues Kulturzentrum für Kunst, Technik, Sport, Schach, Musik und Literatur eröffnet. Über 500 Quadratmeter Raum stehen für wechselnde Ausstellungen zur Verfügung.

Und nicht dass Sie denken, das wären nun alle Förderprojekte von Wolfgang Grenke, Vorstandsvorsitzender und Gründer der Grenke-Leasing AG. Aber nachts, um 0.31 Uhr, als er auf die Frage, wie viele Ämter er eigentlich innehat, antwortete, hatte der 56-Jährige wirklich keine Lust, jedes Miniprojekt aufzulisten.

Kann man von einem Unternehmensleiter, der morgens um zehn Uhr beginnt und meist bis weit nach Mitternacht arbeitet, behaupten, dass sein Hobby Stiftungen und Förderungen sind? Oder ist das zu despektierlich?

Grenke trägt dezente Krawatten, dezente Hemden, dezente Anzüge, nichts außer einem leichten Schröder-Schlupfliderblick erinnert daran, dass er zu den ganz Mächtigen seiner Region gehört. Aber er ist in seiner Heimatstadt Baden-Baden so sozial involviert und integriert, dass nach seinem Tod wahrscheinlich einst eine Schule, ein Rennpferd und eine Dahliensorte nach ihm benannt werden

.

„Wohltätigkeit hat auch etwas mit Religion und Logik zu tun“, sagt er. „Die Frage nach dem ewigen Leben stellt sich jeder einmal. Und wenn man nicht nur Körperliches vererben will, sondern auch Ideen, dann muss man ein Gegengewicht zum Konsum schaffen. Sich allein auf Konsum zu beschränken hieße: Zukunft abzuschneiden. Und das wäre alles andere als logisch – nachdem man sich zeitlebens um ein soziales Umfeld bemüht hat.“

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Er ist keiner dieser Klischee-Manager

Grenke ist alles andere als konsumfeindlich. Er liebt das gute Badener Essen, den Straßburger Wurstsalat und gerne einen frischen Loup de mer. Er kann in klassische Musik eintauchen, als wäre es ein Schwimmbecken voll gut temperiertem Grauburgunder. Bartholdy. Bach. Die Romantik von Brahms. Er ist keiner dieser Klischee-Manager, die die neue Fischer-Autobiografie auf dem Nachttisch liegen haben, sondern er liest. Zweigs Schachnovelle oder Horst Eberhard Richter.

Kein pietistischer Kostverächter im sonnigen Baden-Baden. Aber er ist einer, der Konsum und Nachhaltigkeit in ein gesundes Soll-und-Haben-Verhältnis bringen will. Der nicht anspart und anspart, damit seine Kindeskinder noch goldene Löffel vererben können, der nicht prasst, als gebe es kein morgen.

Drogenprävention, Pferderennen, Dahliengärten – nach welchen Kriterien sucht er seine Förderprojekte aus?


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„Allein danach, ob sie der Region nachhaltig nutzen“, sagt er. „Wir haben hier in Baden-Baden eine starke Unternehmerschaft, die sich für den Erhalt dieser Region einsetzt. Frieder Burda, Sigmund Kiener, Karlheinz Kögel – alle sind in einem überaus hohen Maß sozial engagiert. Da bin ich kein Einzelfall.“

Die Stadt Baden-Baden könnte auch morgen Konkurs anmelden, wie ein Vater, der seiner Tochter aus den hohen Shopping-Schulden hilft, wären Grenke und Co. da und zückten die Brieftasche. Woran liegt das – diese Extremverbundenheit, die man in anderen Städten so nicht vorfindet? Hamburg ist stolz, dass die Hamburger Kaufleute mit der Stiftung Binnenalster die symbolträchtige Wasserfontäne finanzieren. Bremen bildet sich auf seine Schaffermahlzeit etwas ein, mit deren Erlös Witwen und Waisen auf See gebliebener Kapitäne unterhalten werden. Aber das sind, mit Verlaub, Peanuts im Vergleich zu Baden-Badens Förderern wie Grenke.

Um dieses Phänomen zu erklären, tut sich Grenke schwer, er sucht nach Erklärungen wie nach einem mathematischen Beweis. Aber keine Frage: Ein naturwissenschaftliches Axiom, kniffelig und selten, wäre ihm jetzt entschieden lieber.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Das Essen, die großzügige Natur, die vielen Sonnenstunden

Und so dröselt er die Frage Punkt für Punkt auf – und nähert sich so seiner Antwort: Er erzählt von den vielen unterschätzten Vorteilen, die die Region Baden-Baden zu bieten hätte und die als Folge eine große Dankbarkeit bei seinen Bürgern hervorrufen würden: Nicht nur das Essen, die großzügige Natur, die vielen Sonnenstunden würden den Erholungsfaktor positiv beeinflussen.

Auch die günstige Verkehrsanbindung, das Kulturangebot, die gemütliche Mentalität der Menschen würden einen Hektik mehr vergessen lassen als in vielen anderen Städten.

„In den 80er- und Anfang der 90er-Jahre lag Baden-Baden in so einer Art Dornröschen-Schlaf“, sagt Grenke, „unbedeutend in einer geografischen Enge.“ Um dann eine verblüffend einfache Erklärung für sein Tun nachzureichen: „Und dann hat man irgendwann gesehen: Wenn nicht wir etwas dagegen tun, dann tut es keiner. Heute hat die Enge auch Vorteile. Man sieht sich ununterbrochen, da kann man sich nur schwer in eine soziale Anonymität flüchten.“

Und eben weil man ununterbrochen Kontakt hält, muss auch die Auswahl des Mäzenatentums authentisch sein. Schließlich wird der Baden-Badener Gönner ununterbrochen auf seine Projekte angesprochen. Herr Grenke, was hat Sie für das Kulturforum in der Lichtentaler Allee eingenommen? Warum fördern Sie ausgerechnet den Schachsport, das Reiten und die Technik?

„Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden ist der zeitgenössischen Kunst gewidmet. Das Museum Frieder Burda präsentiert überwiegend Kunstwerke des 20. Jahrhunderts. Daher war es für mich eine Frage, wie ich meine persönlichen Neigungen, eher mathematisch-technisch orientiert, mit den vorhandenen kulturellen Einrichtungen in der unmittelbaren Nachbarschaft zusammenbringen kann.“

Die Eröffnungsausstellung wird sich dem Thema Reisen widmen, auch deshalb, weil für Grenke Reisen das epochen- und die Region prägende Synonym „für wirtschaftlichen Aufschwung und Fortschritt im 19. Jahrhundert war – und heute immer noch ist“.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Schon Grenkes Vater war Kirchen-Ältester

Wenn er über seine Projekte spricht, dann hört man die Liebe zu seiner Heimatstadt nicht im ersten Satz heraus. Eher nüchtern analysiert er, warum er Kultursponsoring für notwendig hält, allerdings nie ein Konzert unterstützen würde, weil dieses ihm zu schnelllebig wäre. Genauso nüchtern zuckt er auch mit den Schultern, wenn man ihn nach dem speziellen Baden-Baden-Flair fragt. Wahrscheinlich würde er Bad Oeynhausen genauso finanziell unterstützen, wenn er dort aufgewachsen wäre.

Es ist mit der Liebe zwischen Grenke und seiner Heimat wie mit ganz alten Ehepaaren. Die können bei der goldenen Hochzeit auch nicht erklären, was sie an ihrem Partner nach all den Jahren immer noch so berauschend finden. Er ist einfach ihr Partner. Punkt.

Schon Grenkes Vater war Kirchen-Ältester, die Eltern kamen nach dem Zweiten Weltkrieg beide aus dem Osten Deutschlands nach Baden-Baden. Aber viel von Kultur, Sozialengagement und philosophischer Nachhaltigkeit bekam der kleine Wolfgang, Jüngster von drei Kindern, nicht mit. Meist sah er die Eltern aufstehen, essen, arbeiten, schlafen. Ohne formal hohe Bildung, aber mit enormem Potenzial bauten sich die Eltern ihr kleines Imperium auf, und Grenke junior übernahm schon zu Grundschulzeiten die Buchhaltung. „Man hat meinem Vater immer angemerkt, dass er stolz auf mich war“, erinnert sich Grenke heute.


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Seine Dankbarkeit für diese Art der selbstbewussten Erziehung gab er seinem Vater während des Studiums zurück, als er früh anfing, Geld zu verdienen. Taxi fahren, LKW fahren, und irgendwann half er dann im Leasing-Geschäft seines zukünftigen Schwagers mit. Und nach zwei Jahren ließ Grenke das Studium Studium sein und übernahm einen Teil des Geschäfts. 1987 gründete er Grenke-Leasing, ein Dauer-Gewinn-Konzern, der so nachhaltig blüht wie die Dahlien in der Lichtentaler Allee.

Grenke selbst will der Aktiengesellschaft, die er bis heute leitet noch „drei oder vier Jahre vorstehen. Dann werde ich mich in meine Stiftungsarbeit zurückziehen.“

Vorher will er mit seiner Frau die Welt umsegeln, auch das ist für ihn eine Form von Nachhaltigkeit, „wenn man ohne Energiezufuhr von außen sich bewegen kann. Und später nur in einer Bucht liegt und ein Buch liest.“

Lesen Sie weiter auf Seite 5: Er war an der ersten ISO-9000-Zertifizierung eines Gymnasiums beteiligt

Nachhaltigkeit, dieser Unternehmer-Jargon drängelt sich immer wieder ins Gespräch. Nachhaltigkeit ist ihm wichtig. Noch wichtiger als Effizienz oder Prestige.

Zum Beispiel war er an der ersten ISO-9000-Zertifizierung eines Gymnasiums in Deutschland beteiligt. (Ja, natürlich liegt es in Baden-Baden!) Nicht, um den Lehrplan besser zu machen, sondern um die Organisation zu optimieren.

Seitdem können sich zum Beispiel Lehrer am Abend vorher in einem eigens dafür installiertes Intranet anmelden und nachschauen, in welcher Klasse sie am kommenden Tag welche Vertretungsstunde abhalten müssen. Um wenigstens ein bisschen vorbereitet zu sein. Man kann sich ein paar alteingesessene 68er vorstellen, die gegen die Erstellung eines ISO-9000- Handbuchs gemeutert haben, aber Wolfgang Grenke ist nicht nur in seiner Krawatten- und Kleiderwahl dezent. „Och nein, im Großen und Ganzen haben alle gern mitgemacht“, sagt er, und man muss genau hinhören, um die Restmenge von „im Großen und Ganzen“ zu erahnen.

Heute arbeitet die Schule mit einem sogenannten mobilen Klassenzimmer und einem Handbuch, das jederzeit für alle im Intranet zur Verfügung steht.

Hat er schon jemals ein Projekt in seiner Heimatstadt unterstützt, das nicht sinnvoll nachhaltig oder sonst wie messbar effizient war? Eines, an dem nur sein Herzblut hängt und keine einzige Kosten-Nutzen-Abwägung? Eines, durch das der Förderer zum Mäzen wird?

Er schaut verwundert. Denkt nach. Trinkt einen Schluck Kaffee. „Nein, nie“, sagt er.

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