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29.04.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Der Herr der Türme

von Andreas Hoffbauer

Vom Bauernsohn zum Milliardär: Pan Shiyi ist der Immobilien-Tycoon Chinas. Seine Gebäude verkörpern das schicke, moderne, internationale Reich der Mitte.

Bekennender Zen-Buddhist Pan Shiyi in seiner Firma Soho (small office, home office): "Man muss Räume schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen." Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

Bekennender Zen-Buddhist Pan Shiyi in seiner Firma Soho (small office, home office): "Man muss Räume schaffen, in denen sich Menschen wohlfühlen." Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Jeder Schritt schmerzt. Tief drücken sich die Steine durch die Schuhe hindurch in die wunden Füße. Doch der Junge geht weiter, auch wenn sich die scharfen Kanten immer wieder in das Fleisch ritzen. Es ist nicht mehr weit bis zum Heimatdorf, wo die Familie wartet. Und er soll seine kleine Schwester, die er auf dem Rücken schleppt, schnell nach Hause bringen.

Die Eltern konnten die Familie mit fünf Kindern nicht mehr ernähren, sie mussten zwei kleine Mädchen weggeben. Doch dann quälten die Mutter Alpträume, da wurde der kleine Shiyi losgeschickt, eine der Schwestern zurückzuholen. „Ich habe sie mehr als zehn Kilometer über die Berge getragen“, sagt Pan Shiyi. „Als ich ankam, hatte ich keine Sohlen mehr unter den Schuhen.“

Reflexartig zieht der inzwischen 45-Jährige seine Füße unter dem strahlend weißen Bürotisch hervor. So, als habe er die abgelatschten Treter von damals noch immer an. Doch statt der mit Lehm verschmierten Schuhe kommen italienische Designermodelle zum Vorschein – bestes Leder, neuestes Modell, lässig ausgetreten. Und vor allem teuer. Der arme Bauernjunge von einst ist heute Milliardär, er ist einer der berühmtesten Immobilien-Tycoons Chinas.

Gemeinsam mit seiner Frau Zhang Xin führt er die Soho China Ltd. Das Unternehmen ist keineswegs der größte unter Chinas Immobilienentwicklern, doch Soho ist der Star der Branche. Keiner lässt so modern, so international und so hell in Peking bauen wie Pan Shiyi. Soho ist schick, Soho ist cool, Soho ist trendy. Und Soho ist sehr profitabel. „Wir kümmern uns wirklich um das Design“, sagt der smarte Manager, „das unterscheidet uns von den Konkurrenten.“



Soho – das Kürzel steht für „small office, home office“ – bietet multifunktionale Büroviertel, wo Arbeiten und Wohnen, Beruf und Freizeit zusammengehören. Soho kauft Grundstücke, bebaut sie und verkauft die neuen Wohneinheiten. „Man muss Räume schaffen, in denen sich die Menschen wohlfühlen“, erklärt Pan. In Zukunft, ist er überzeugt, werden die Grenzen zwischen den eigenen vier Wänden und der täglichen Arbeitswelt noch mehr verschwimmen.

Und im sich rasant entwickelnden China zählt die Zukunft. Abbruch, Umbruch, Aufbruch – kein Land hat sich in den vergangenen 30 Jahren so verändert wie die Volksrepublik. Kaum eine Industrie macht den Wandel so sichtbar wie Chinas Immobilienbranche. Ob Olympia-Stadt Peking oder Boom-Metropole Schanghai – überall im Land entstehen Flughäfen, Sportstadien, Bürotürme. Immer werden architektonische Superlative geboten, verdrängt das Neue das Alte.

Auch in Peking mussten historische Stadtviertel mit ihren Hofhaus-Gassen – Hutongs genannt – modernen Wolkenkratzern weichen. Soho allein hat 2,5 Millionen Quadratmeter im Pekinger Geschäftsviertel bebaut, ist zum größten Büroentwickler in der Hauptstadt geworden. Der Wandel muss sein, ist Firmengründer Pan überzeugt, nur mit einer Stadt der kurzen Wege lasse sich der Verkehrs- und Umweltinfarkt in Boomstädten wie Peking vermeiden.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Weltoffen, kritisch, religiös

Die Hälfte des Energieverbrauchs in den Metropolen verursachen Gebäude, erklärt der Geschäftsmann in bester Greenpeace-Manier. Ökologische Baumaterialien und energiesparende Technologie sind für ihn aber nur ein Teil der Lösung. „Die Energiefrage stellt sich viel früher, nämlich schon bei der Stadtplanung und beim Baukonzept.“

Mit solchen Visionen allein ist es jedoch in China nicht getan. Noch Ende der neunziger Jahre ordneten Pekings Stadtobere in typisch kommunistischer Verhaltensweise an, alle Bürogebäude sollten von nun an grau sein. Peking sei außerhalb des Kaiserpalastes nie bunt gewesen, so die historische Begründung. Zur Auswahl wurden, immerhin, 48 Grautöne geboten.

„Nicht mit mir“, dachte hingegen Pan, der kurz vor der Fertigstellung seines ersten großen Bauvorhabens in Peking, Soho New Town, stand. Die berühmten Terrakotta-Krieger seien im Original eine farbenfroh angemalte Armee, hielt er dagegen. Und so ließ Soho seinen neuen Bürokomplex im Herzen der Stadt strahlend weiß mit farbigen Flächen erstrahlen.

China sei viel frecher und bunter, sagt Pan heute augenzwinkernd: „Und meine ideale Gesellschaft ist die, in der jedes Individuum frei entscheiden kann.“ Bürogebäude als Symbol der Freiheit? „Wir versuchen, einfach Vielfalt nach Peking zu bringen“, sagt Pan Shiyi diplomatisch.

Weltoffen, kritisch, religiös – der Freidenker aus dem Ein-Parteien-Staat verkörpert für China einen völlig neuen Managertyp. Er habe seinen Aufstieg ohne Schmiergelder und ohne Parteibuch geschafft, versichert er: „Die einzige Organisation, der ich je angehört habe, waren in meiner Kindheit die Jungen Pioniere.“ Dafür muss er beste Beziehungen haben, denn die braucht man in Peking zum Grundstückskauf. Der Soho-Chairman ist auch keineswegs der ewig lächelnde Gutmensch. Als Chef fährt er einen harten Kurs: Jedes Jahr müssen die schwächsten zehn aus dem Verkaufsteam gehen. Und die Soho-Mitarbeiter sind eine echte Klassengesellschaft. Pan hat die Belegschaft in drei Kategorien unterteilt: Nur die A-Klasse bekommt zum Jahresende einen Bonus.

Im kapitalistisch-kommunistischen China kommt diese Mischung aus Lockerheit und Leistung sehr gut an. Pan Shiyi ist im Reich der Mitte inzwischen so berühmt wie ein Popstar. Er tritt regelmäßig in TV-Shows auf, schreibt eines der beliebtesten Online-Tagebücher, hat sogar in einem Spielfilm mitgewirkt.

Er sei ein perfekter Marketingstratege, beurteilen ihn Experten. Mit seinen Visionen, sagt etwa Francis Lun Sheung-nim von Fulbright Securities in Hongkong, schaffe er es, jedes Projekt „einmalig“ erscheinen zu lassen. „Soho hat sich einen klaren Vorsprung durch den Aufbau eines Markennamens geschaffen.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Westliches Design und asiatischer Lebensstil

Während die weißen Bürotürme von Peking Pan in der Volksrepublik berühmt machten, bekam Soho mit einem Projekt an der Großen Mauer weltweit höchste Weihen. Die von einem Dutzend asiatischer Architekten entworfenen Edelvillen der „Commune Great Wall“, heute Teil eines Hotels, wurden 2002 auf der Biennale in Venedig preisgekrönt.

Es war der Durchbruch: Plötzlich sprach die Welt nicht mehr über das alte China, sondern bestaunte das moderne, hippe Reich der Mitte. Das Viertel Jianwai Soho, nächstes Projekt von Pan in Peking, war bereits vor Fertigstellung im Jahr 2003 ausverkauft. Zu Höchstpreisen, versteht sich.

Nicht alle mögen jedoch die Mischung aus westlichem Design und asiatischem Lebensstil. „Zu modern, zu glatt“, befindet der Unternehmer Yun Li nach einem Besuch in Jianwai Soho. Er mag es lieber chinesisch – schwere Möbel, tiefe Sessel und goldener Schnörkel.

Für Soho-Gründer Pan ist das Vergangenheit. „Architektur muss mit Geist erfüllt sein, wenn sie Bestand haben soll“, sagt er. Und seinen Geist spürt man in der neuen Firmenzentrale im Pekinger Diplomatenviertel bereits am Empfang.

Fensterfassaden wie in einer Kathedrale, ringsum gläserne Konferenzzimmer und eine minimalistische Einrichtung mit skandinavischen Tönen. Zwischen Sitzecken, Tischtennisplatten und Skulpturen serviert eine junge Frau frischen Fruchtsaft, stilles Wasser oder grüner Tee.



Pekings Immobilienkönig ist bekennender Zen-Buddhist, raucht und trinkt nicht. Der Asket im feinen Zwirn, auf dessen hoher Stirn sich gern kleine Falten kräuseln, spricht lieber über Philosophie und Religion als über Börsenkurse und Quadratmeterpreise. Er sei auf der Suche „nach der Kraft, die über den Menschen steht“, sagt er.

Helles Licht strömt dabei durch die Fenster seines Büros. Es ist ein kühler Morgen. So wie damals, als die Novembersonne über den Hügeln von Gansu stand, sich der Zehnjährige mit seiner Schwester auf dem Rücken über die Berge quälte. „Heute kann sich niemand vorstellen, was für eine bittere Jugend ich hatte“, sagt der Milliardär. Seine Stimme kratzt.

Pan Shiyi wuchs während der Kulturrevolution im Nordwesten in einer der ärmsten Provinzen Chinas auf. „Ich wurde buchstäblich von schmutzigen Händen zur Welt gebracht“, sagt er in seinem Büroturm, in dem Frauen mit blauen Kitteln und Putzwedeln unentwegt für den perfekten Glanz sorgen.

Seine Familie sei die ärmste im Dorf gewesen. Neben Armut, Hunger und Schmutz ist ihm als schreckliche Erinnerung vor allem aber das „Leben so nah am Tod“ geblieben. Seine Klasse in der Dorfschule schrumpfte jedes Jahr, denn nach den Ferien kamen stets einige Schüler nicht mehr. „Dann wussten wir, sie waren verhungert.“

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Armut in der Kindheit hat Pan geprägt

Seine kleine Schwester, die er damals in den Schoß der Familie zurückholte, hat überlebt. Und die Aktion hat die Kinder zusammengeschweißt: Die Schwester arbeitet heute bei Soho in der Marketingabteilung.

Die Kindheit in Armut habe ihn für immer geprägt, sagt Pan. Sie habe ihn aber auch stark gemacht. Als China zaghaft mit seiner Reformpolitik begann, ging der 19-Jährige 1982 sofort in die ferne Hauptstadt, wo er am Beijing Petroleum Institute studierte und später im Ölministerium arbeitete.

Lang hielt er den Beamtenjob jedoch nicht aus. Chinas Aufbruchstimmung zog ihn 1987 in die neue Sonderwirtschaftszone Shenzhen und auf die Halbinsel Hainan, wo ihm der erste Erfolg als Immobilienentwickler gelang.

Der persönliche Wandel folgte jedoch 1991 beim ersten Besuch in Hongkong. „Mir tat sich eine andere Welt auf“, erinnert sich Pan noch ganz genau. Der damals 28-Jährige stand auf einer Brücke zwischen den Hochhausschluchten und bestaunte die Energie der Stadt. „In dieser Sekunde habe ich nicht mehr an Marx geglaubt, sondern erkannt, dass Kapitalismus etwas Gutes ist.“

In der Finanzmetropole Hongkong arbeitete damals auch die zwei Jahre jüngere Bankerin Zhang Xin. Sie war gerade von der Wall Street zurückgekehrt, wo sie lange als Bankerin für Goldman Sachs gearbeitet hatte. Als Pan Shiyi die energische Geschäftsfrau bei einem späteren Besuch in der Stadt kennenlernte, war er sofort wie elektrisiert. Vier Tage später machte er ihr einen Heiratsantrag, vier Monate später wurde Hochzeit gefeiert. „Ich mache immer alles ganz schnell“, grinst Pan.

Auch am Immobilienmarkt hat er die Trends immer früher erkannt als die Konkurrenz. Und so verbrachte das frisch vermählte Ehepaar seine Flitterwochen damit, das erste Soho-Projekt in der Hauptstadt zu planen. Harmonisch verlief der Start des gemeinsamen Unternehmens 1995 allerdings nicht. Nicht nur zwei Dickköpfe trafen aufeinander. „Das war schon ein Konflikt zwischen westlicher und östlicher Kultur“, ist Pan überzeugt.

Sie, mit westlicher Erziehung, Studium in Cambridge und Top-Karriere in New York, liebe Sitzungen, „wo alle stundenlang diskutieren dürfen“, lacht Manager Pan. „Eben so richtig schön amerikanisch demokratisch.“ Er dagegen, der Chinese vom Dorf und tief verwurzelt in der eigenen Kultur, war damals noch nie im Ausland gewesen und ein Selfmade-Aufsteiger. „Ich setze klare Ziele und sage den Leuten einfach, was sie zu tun haben“, sagt Pan Shiyi.

Es krachte so gewaltig hinter den Soho-Mauern, dass Ehefrau Xin die Koffer packte, um auszuziehen. Doch Liebe und Vernunft siegten. Man einigte sich auf eine Arbeitsteilung. „Sie entwickelt nun die Projekte, ich kümmere mich um das Marketing.“

Das scheint zu funktionieren. Pan Shiyi hat mit seinen Visionen China verändert, nicht nur äußerlich. China ist mit Soho heller, bunter und lebenswerter geworden. „Politiker werden kommen und gehen, aber meine Gebäude werden immer da sein“, sagt Pekings Immobilien-Tycoon optimistisch. Und es klingt so klar, offen und schnörkellos wie die Architektur seiner Gebäude.

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