0 Bewertungen
23.04.2008 
Handelsblatt-Serie „Gesichter Chinas“

Der Meister des sanften Kampfes

von Astrid Oldekop

Im Westen wird Tai-Chi immer populärer, in China hingegen droht die Tradition auszusterben. Wie Siao Weijia versucht, die alte Kunst zu retten und dafür die anderen großen Tai-Chi-Meister geeint hat.

"Falls das traditionelle Tai-Chi-Chuan es nicht in China schafft, dann wird es im Westen überleben", sagt Siao Weijia. Foto: Qilai Shen/sinopixLupe

"Falls das traditionelle Tai-Chi-Chuan es nicht in China schafft, dann wird es im Westen überleben", sagt Siao Weijia. Foto: Qilai Shen/sinopix

PEKING. Federleicht gleitet der linke Arm durch die Luft. In Zeitlupe kickt das rechte Bein entspannt ins Leere, das linke gebeugte Knie sinkt noch tiefer, während der Rücken so gerade bleibt wie die 500 Jahre alten Zypressen. Wenn Siao Weijia, 66, hier im Park am Arbeiterkulturpalast in Peking mit seinen Schülern früh am Morgen die Figuren des Tai-Chi-Chuan übt, steht die Zeit beinahe still.

Zehntausende Male hat Meister Siao Weijias Körper diese Abläufe geübt. „Der Kranich breitet seine Flügel aus“ heißt eine Figur, „Der Affe weicht zurück“ eine andere. Wer aufmerksam zuschaut, kann die aus Mythologie und Tierreich entlehnten Bilder noch erkennen.

Tai-Chi-Chuan ist eine „weiche, innere“ Kampfkunst. Sie macht die taoistische Philosophie von der Harmonie zweier gegensätzlicher, sich ergänzender Kräfte erfahrbar. Im Westen ist Tai-Chi als „Schattenboxen“ bekannt – und wird immer angesagter. In China dagegen fürchten Meister wie Siao um das Überleben des Tai-Chi. Bedroht wird die alte Kunst von außen und von innen: vom Zeitgeist und von der Geheimniskrämerei seiner großen Meister.

Langsames passt nicht zum neuen Tempo Chinas. Tai-Chi ist nach landesüblicher Meinung nur noch etwas für Alte. Moderne Chinesen betreiben lieber Yoga oder Tai-Chi in einer Sportversion – die alte Meister wie Siao für seelenlos halten.

Doch lange schwächten die Meister ihre Kunst auch selbst. Das Tai-Chi-Chuan hat seinen Ursprung in Geheimbünden der Kaiserzeit. Viele Familienclans pflegten eigene Kampfkünste – und hielten sie geheim. Die Tradition des Schweigens wurde von einer Stärke zu einer Schwäche. Als Erster verstand Siao Weijia: Den Zeitgeist bezwingen können die Tai-Chi-Meister nur gemeinsam. Um die Tradition zu retten, müssen sie mit Traditionen brechen. Dafür kämpft Siao.



Von Anfang an ist sein Lebensweg aufs Engste mit Chinas Geschichte verknüpft, die im 20. Jahrhundert immer wieder Tradition und Moderne aufeinanderprallen lässt. Siao Weijia wird 1941 als Sohn des chinesischen Dichters Siao San und der deutschen Fotografin Eva Siao in einer Höhlenwohnung in den Lösbergen Yan'ans geboren. Die Stadt ist das Hauptquartier Mao Zedongs am Ende des „Langen Marsches“ 1934/35, als der Kommunistenführer vor seinen Rivalen zurückwich. In Yan'an bereitete Mao seinen Gegenschlag vor. Die Stadt gilt als Wiege der Revolution.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Familie glaubt an Mao

Die Familie Siao glaubt an Maos neues China. Traditionen spielen keine große Rolle mehr. „Die Generation meines Vaters und Maos war zwar gegen das traditionelle Wissen, doch sie war von dieser Weisheit geprägt und hat sie stets genutzt“, sagt Siao Weijia heute. Er sitzt auf dem tiefen Ledersofa in seiner Wohnung, fünf U-Bahn-Stationen vom Park entfernt, in dem er Tai-Chi lehrt. Krault er nicht gerade seine Katze, qualmt zwischen seinen Fingern eine Zigarette. Siao Weijia spricht gut Englisch, geht es jedoch um Philosophie, verlangt er nach dem Übersetzer.

Der alten Kultur begegnet er bereits in frühester Jugend. Als sein Vater in den 50er-Jahren eine Akupunkturbehandlung erhält, dreht der Arzt die Nadel mit zwei Fingern. Dem staunenden Jungen erklärt er: „Zwei Finger sind in Bewegung, drei in der Stille. Das ist Yin und Yang.“ Yin meint das passive, dunkle, verborgene Prinzip; Yang das aktive, sonnige, schöpferische. In der taoistischen Lehre ergänzen sie einander.

An der Wand hinter Siao hängt ein Tuschebild, das er gemalt hat. Die Striche erinnern an Yin und Yang.

An dieses harmonische Gleichgewicht erinnert er sich als Schüler, als eine Rückenverletzung seiner Laufbahn als Leistungsturner ein Ende bereitet. Eine Operation verweigert er, er setzt auf traditionelle chinesische Medizin – und er lernt Tai-Chi.



Das wird bald zu seiner Lebensphilosophie. 1962 begegnet Siao seinem ersten Meister Wu Shaoshu. Der sagt zu ihm: „Deine Muskeln sind wie Tofu. Außen hart. Innen weich und schwach.“ Meister Wu ist ohne Muskeln stark. Wenn Siao ihn besucht, sitzt der Alte in seinem Zimmer auf dem Bett. „Ist das nicht langweilig?“ fragt Siao. „Das verstehst du nicht“, antwortet der 86-Jährige. Mit dem langen Bart, den imposanten Brauen und dem rasierten Schädel scheint er einem Tuschebild entsprungen zu sein. „Laotse sagt: ,Die fünf Farben und die fünf Töne stören den Geist.' Ich halte meinen Geist ruhig.“

Eines Morgens überrascht der 21-jährige Siao den Alten, als der unter einem Tisch in der Hocke spiralförmige Bewegungen im Kreis macht. Er erfährt, dass Meister Wu früher als Leibwächter eines Seidenhändlers mehrere Banditen besiegte. „Kannst du mich unterrichten?“ fragt er. „Damit habe ich schon begonnen, du hast es nur nicht gemerkt.“

Mitte der 60er-Jahre wenden sich Maos Kommunisten gegen die alten Traditionen. Sie stünden dem Fortschritt im Wege, heißt es. Meister Wu befragt in Peking das Orakelbuch „Yi Ging“ nach der Zukunft. Die Antwort muss düster gewesen sein: Im April 1966 setzt er seinem Leben ein Ende. Einen Monat später beginnt die Kulturrevolution. Rote Garden zerstören Klöster und demütigen die Meister der alten Künste. China verleugnet sich selbst.

Doch gerade die Kulturrevolution führt Siao Weijia tiefer in die alte Kultur. Als „sowjetische Spione“ werden seine Eltern sieben Jahre inhaftiert. Er selbst wird als Akupunktur-Arzt mit 30 anderen aufs Land geschickt, im Gepäck nur Jod, Nadeln und Alkohol. Die Bauern lassen sogar ihre Schweine behandeln. „Diese Bauern waren weiser als die gebildeten Menschen“, sagt Siao Weijia. „Das waren meine eigentlichen Lehrer.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die alten Künste kehren zurück

Als die Kulturrevolution Ende der 70er-Jahre endet, atmet China auf – und die alten Künste kehren zurück, besonders die Konzentrationsübung Qi Gong. Bald gehören mehr Menschen zu den fünf Qi-Gong-Organisationen als zur KP, die 70 Millionen Mitglieder hat. In diesem Umfeld entsteht die Falungong-Sekte. Weil deren straffe Organisation die Regierung nervös macht, löst sie die Sekte Ende der 90er-Jahre auf. Auch die Qi-Gong-Bewegung ist damit vorbei.

Siao Weijias Weg führt tiefer ins Tai-Chi. Anfang der 80er begegnet er dem Meister Shi Ming. Der fordert ihn auf zu zeigen, was er schon kann. Doch Siao schafft es nicht einmal, den Meister zu berühren. Sein Oberkörper kippt nach vorne, und er stürzt ins Leere. Noch im Fallen ruft er: „Das will ich lernen!“ Die erste Lektion seines neuen Meisters: „Wer still ist, kann das Ungleichgewicht des Partners nutzen“, sagt Siao.

Von nun an kommt er jeden Morgen und bei jedem Wetter in den „Purpurnen Bambus Park“ im Westen Pekings – zwölf Jahre lang. Er meditiert im Stehen zwischen den hohen Bambuspflanzen, übt die immer gleichen Bewegungen. Siao wird zum persönlichen Schüler des Meisters. Er gelobt, der Lehre der „drei Herzen“ zu folgen: klar zu entscheiden, lebenslang zu üben und geduldig zu sein. „Es ist so, als hätte dir jemand ein zweites Leben gegeben“, sagt Siao Weijia.

Shi Ming ist traditioneller Meister. Wer drei Mal ohne triftigen Grund fehlt, fliegt. Macht ein Schüler einen Fehler, soll er ihn selbst bemerken. „Man kann unsere Kunst nur durch persönlichen Kontakt zu einem Meister lernen“, sagt Siao.

Der Meister unterrichtet durch Berührung und nur mit wenigen Worten. Er nimmt die Hand des Schülers und zeigt ihm, wie man die Absicht des anderen erspürt, noch bevor dieser sie in eine Bewegung umgesetzt hat. Die Schüler üben es, die erlernten Reflexe abzulegen. „Im Tai-Chi gibt es keine Konflikte, es hebt sie auf“, sagt Siao. „Jeder sucht nach diesem Zustand der Mitte. Doch nur wenige können diese Harmonie mit ihrem Körper und Geist spüren.“

Als Meister Shi Ming im Jahr 2000 stirbt, beginnt Siao Weijia, selbst zu unterrichten. Nun ist er der Meister. Auch er nimmt die Hand seiner Schüler, legt sie auf seinen Rücken und fragt nachdrücklich: „Spürst du das? Von wo kommt die Energie?“

Ausgerechnet er, Siao Weijia. Verraten doch Schnitt seiner Augen und Form seines Gesichts seine deutsche Mutter. Mancher Landsmann hat den Tai-Chi-Meister gar schon einmal für einen Ausländer gehalten.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Die Meister sind einfache Menschen

2005 begegnet er drei Schülern seines „Großvaters“ Wang Yongquan, jenes Meisters des Yang-Stils, in dessen Tradition auch Meister Shi stand. Die Meister sind einfache Menschen. In ihre Welt scheint Siao, der Sohn eines bekannten Dichters, nicht zu passen. „Was macht einer wie du hier?“ wird er gefragt. Als Antwort macht Siao eine Partnerübung. Da erkennen sie in ihm einen der ihren.

Und sie hören auf ihn, als Siao Weijia sie mahnt: „Eure Väter sind nicht mehr da. Wenn ihr wollt, dass eure Tradition überlebt, müsst ihr wieder miteinander sprechen.“ Gemeinsam wollen sie nach noch lebenden Schülern ihres Vorfahren suchen.

Im Februar 2006 veranstalten sie eine „Wang-Yongquan-Gedenkveranstaltung“ in jenem Park gleich neben der Verbotenen Stadt, in dem Siao unterrichtet. Hier opferten einst die Kaiser den Ahnen. Kein Ort ist besser geeignet, des eigenen Ahnherrn zu gedenken. Große Gruppen sind der Regierung ein Gräuel. Doch Siao findet einen Weg, und die 160 Meister und Schüler des Tai-Chi kommen zusammen. Die Stimmung ist aufgekratzt, doch Siao warnt: „Das traditionelle Tai-Chi-Chuan gleicht einem Schwerkranken. Wir müssen aufpassen, dass er nicht stirbt.“

Da brechen die Alten mit ihrer Tradition. Sie beschließen, ihr Wissen zu vereinen. Jeder Meister entsendet zwei Schüler zu wöchentlichen Treffen. Eine Webseite entsteht. Jede zivilgesellschaftliche Gruppe benötigt eine Aufsichtseinheit – ohne Kompromisse geht es nicht. Also melden sie im August 2007 einen „Yongquan-Forschungsverein“ an. Dass ihr Tai-Chi nun der Sportverwaltung untersteht, ist der Preis, den Siao Weijia und die Seinen zahlen, um ihre Tradition vor der Moderne zu retten.

Ob es gelingt, ist offen. „Ich sorge mich darum, ob das moderne China diese Weisheit überhaupt erhalten kann“, sagt Siao und nimmt noch einen Zug an seiner Zigarette. Wohl auch deshalb unterrichtet er regelmäßig Tai-Chi in Russland. Weil seine Eltern sich dort einst kennenlernten, die Familiensprache Russisch war und er als Kind die Sowjetunion kennenlernte, ist er mit Russland vertraut. Jahrzehntelang arbeitete Siao Weijia als Russisch-Dozent an chinesischen Hochschulen.

Der Meister weiß, wie beliebt Tai-Chi-Chuan in Russland und im Westen ist. Nachdenklich sagt er: „Falls das traditionelle Tai-Chi-Chuan es nicht in China schafft, dann wird es im Westen überleben.“

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Höher, schneller, weiter – in die Kri...

    Höher, schneller, weiter – in die Krise

    Mitten in der Finanzkrise protzt Dubai mit Superlativen. Anlässlich der Eröffnung der ersten künstlichen Insel vor der Küste Dubais mit dem Namen "The Palm Jumeirah" waren 2 000 geladenen Gästen aus aller Welt geladen. Serviert wurden 1,7 Tonnen Hummer, 4000 Austern un...Bildergalerie 

  • Piraten machen Somalias Küste unsiche...

    Piraten machen Somalias Küste unsicher

    Ein Drittel der Piratenüberfälle weltweit geht nach Angaben des Internationalen Seefahrtbüros auf das Konto der Seeräuber am Horn von Afrika. Allein 2008 wurden demnach 95 Schiffe von Piraten angegriffen, 39 Angriffe davon sollen "erfolgreich" gewesen sein. Einige Beis...Bildergalerie 

  • Mickey Mouse wird 80

    Mickey Mouse wird 80

    Mit "Steamboat Willie" war der erste Micky-Maus-Film am 18. November 1928 im New Yorker Colony-Theater über die Leinwand geflimmert. Mickey Mouse ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die sprechende Maus ist Umfragen zufolge mit 97 Prozent bekannter als der Weihna...Bildergalerie 

vor