Die Familie Siao glaubt an Maos neues China. Traditionen spielen keine große Rolle mehr. „Die Generation meines Vaters und Maos war zwar gegen das traditionelle Wissen, doch sie war von dieser Weisheit geprägt und hat sie stets genutzt“, sagt Siao Weijia heute. Er sitzt auf dem tiefen Ledersofa in seiner Wohnung, fünf U-Bahn-Stationen vom Park entfernt, in dem er Tai-Chi lehrt. Krault er nicht gerade seine Katze, qualmt zwischen seinen Fingern eine Zigarette. Siao Weijia spricht gut Englisch, geht es jedoch um Philosophie, verlangt er nach dem Übersetzer.
Der alten Kultur begegnet er bereits in frühester Jugend. Als sein Vater in den 50er-Jahren eine Akupunkturbehandlung erhält, dreht der Arzt die Nadel mit zwei Fingern. Dem staunenden Jungen erklärt er: „Zwei Finger sind in Bewegung, drei in der Stille. Das ist Yin und Yang.“ Yin meint das passive, dunkle, verborgene Prinzip; Yang das aktive, sonnige, schöpferische. In der taoistischen Lehre ergänzen sie einander.
An der Wand hinter Siao hängt ein Tuschebild, das er gemalt hat. Die Striche erinnern an Yin und Yang.
An dieses harmonische Gleichgewicht erinnert er sich als Schüler, als eine Rückenverletzung seiner Laufbahn als Leistungsturner ein Ende bereitet. Eine Operation verweigert er, er setzt auf traditionelle chinesische Medizin – und er lernt Tai-Chi.
Das wird bald zu seiner Lebensphilosophie. 1962 begegnet Siao seinem ersten Meister Wu Shaoshu. Der sagt zu ihm: „Deine Muskeln sind wie Tofu. Außen hart. Innen weich und schwach.“ Meister Wu ist ohne Muskeln stark. Wenn Siao ihn besucht, sitzt der Alte in seinem Zimmer auf dem Bett. „Ist das nicht langweilig?“ fragt Siao. „Das verstehst du nicht“, antwortet der 86-Jährige. Mit dem langen Bart, den imposanten Brauen und dem rasierten Schädel scheint er einem Tuschebild entsprungen zu sein. „Laotse sagt: ,Die fünf Farben und die fünf Töne stören den Geist.' Ich halte meinen Geist ruhig.“
Eines Morgens überrascht der 21-jährige Siao den Alten, als der unter einem Tisch in der Hocke spiralförmige Bewegungen im Kreis macht. Er erfährt, dass Meister Wu früher als Leibwächter eines Seidenhändlers mehrere Banditen besiegte. „Kannst du mich unterrichten?“ fragt er. „Damit habe ich schon begonnen, du hast es nur nicht gemerkt.“
Mitte der 60er-Jahre wenden sich Maos Kommunisten gegen die alten Traditionen. Sie stünden dem Fortschritt im Wege, heißt es. Meister Wu befragt in Peking das Orakelbuch „Yi Ging“ nach der Zukunft. Die Antwort muss düster gewesen sein: Im April 1966 setzt er seinem Leben ein Ende. Einen Monat später beginnt die Kulturrevolution. Rote Garden zerstören Klöster und demütigen die Meister der alten Künste. China verleugnet sich selbst.
Doch gerade die Kulturrevolution führt Siao Weijia tiefer in die alte Kultur. Als „sowjetische Spione“ werden seine Eltern sieben Jahre inhaftiert. Er selbst wird als Akupunktur-Arzt mit 30 anderen aufs Land geschickt, im Gepäck nur Jod, Nadeln und Alkohol. Die Bauern lassen sogar ihre Schweine behandeln. „Diese Bauern waren weiser als die gebildeten Menschen“, sagt Siao Weijia. „Das waren meine eigentlichen Lehrer.“
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